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Wandern auf Mallorca : Wilde Geschichten

  • -Aktualisiert am

Aussicht zum Genießen: das Cap de Formentor am nordöstlichen Ende Mallorcas Bild: Picture-Alliance

In der Nebensaison beginnt auf Mallorca die Zeit für extreme Abenteuer: Eine Expedition ins Tramuntana-Gebirge und auf den Gipfel der Massanella.

          5 Min.

          Ist das das Ende? Kurz vor dem Ziel? Aus salzverkrusteten Augen blinzeln wir hinauf in die rotierenden Wolken. Die vergangenen vier Tage haben uns alles abverlangt und an den Rand der Belastbarkeit geführt. Der Zustand der Truppe ist erbärmlich. Was hat uns so zugesetzt? Waren es die irreführenden Beschreibungen des Erzherzogs, auf die wir uns verlassen hatten? War es der dichte Nebel, der labyrinthische Lorbeerwald oder diese Bar, in der wir das Zentrum der Welt gefunden hatten? Halluzinierend taumeln wir weiter hinauf. Immer nur weiter hinauf! Zum Gipfel. Der eisige Wind zerrt an unseren Jacken und Nerven.

          Wochenlang hatten wir Kartenmaterial studiert, Literatur durchforstet und geprüft, ob sich jemals eine Expedition so weit ins Hinterland Mallorcas gewagt hatte. In „Mallorca. Die schönste Insel der Balearen“ hat Ludwig Salvator, Erzherzog von Österreich-Toskana, schon vor 150 Jahren das Tramuntana-Gebirge auf der Nordseite der Insel beschrieben; dass es sich auf fast 1500 Meter Höhe erhebt und auf einen der höchsten Gipfel, die Massanella, ein Weg führt. Tatsächlich: Auf einer lange verschollen geglaubten Karte entdeckten wir den Eintrag „GR 221“. In der Sekundärliteratur spekulierten einige Experten, dass es sich hierbei um einen Wanderweg handelt.

          Der Wachturm Torre del Verger, auch Torre de ses Animes, beim Dorf Banyalbufar

          Tag eins

          Wir beschlossen, es zu wagen, und starteten unsere Expedition in dem kleinen Küstenort Banyalbufar. Schließlich befindet sich dort auch der Torre del Verger. „Jedesmal, wenn ich zu diesem großartigen Landschaftsbilde kam, wurde ich von dessen Schönheit so gefangen genommen, als hätte ich dasselbe noch nie gesehen. Schließlich machte ich den Felsen zu meinem Eigenthum“, schrieb der Erzherzog. Wir dagegen starten im dichten Nebel und sehen: nichts. Aber den Ansatz, schöne Plätze zu unserem „Eigenthum“ zu machen, wollen wir uns aneignen. Wir notierten ins Expeditionstagebuch: „Nebel, Nieselregen, düstere Steineichen und Zitronenbäume im milchigen Grau. Pfad nach Esporles verschwindet unter flechtenüberzogenen Bäumen – befinden uns auf einer Nebelwald-Expedition.“ Und wir fragten uns insgeheim: War es ein Fehler, aus Kostengründen auf Navigatoren, Ärzte, Köche und Träger zu verzichten?

          Tag zwei

          Schon der Erzherzog wusste, dass sich das Wetter auf dieser Insel schnell ändern kann. Der Nebel des Vortages ist nur noch eine vage Erinnerung. Die Sonne strahlt. Gut so. Denn heute stehen 19,5 Kilometer und 1100 Höhenmeter von Esporles über Valldemossa nach Deià auf dem Plan. Das klingt aber immer noch viel zu harmlos für das, was uns heute erwartet: Zuerst verirren wir uns im Lorbeerwald auf dem Weg zum Basseta-Sattel. Nur der Pioniergeist treibt uns weiter. „Fernblicke auf beide Seiten der Insel“, notieren wir, „auf der einen Seite der Galatzó, das ,Matterhorn Mallorcas‘, auf der anderen Seite die unendlich ferne Welt von Palma.“ Mittags wundern wir uns in Valldemossa über die lokalen Gepflogenheiten: die wuselnden Kinder vor den Eisdielen, die angespannt fotografierenden Männer und ihre Frauen, die Halstuch- und Sonnenbrillenständer belagern, als würde ihre Zukunft davon abhängen. Aber wir können dieses Rätsel nicht ergründen, wir müssen weiter, durch die Einsamkeit des Waldes, auf Karrenwegen über bemooste Felsen und über das Artigues-Plateau. Der Wind bläst den Regen des Vortages von den Bäumen und peitscht die Schafe vor sich her. Der Herzog schrieb: „Vom Thale von Valldemossa bis zu dem von Deià bildet der ganze nördliche Abhang der Serra das mir gehörige Gut Miramar.“ Seine Berghütte, die „Talaia Velle“, überall als „Refugi de s’Arxiduc“ bekannt, steht noch heute hier oben.

          Schlucht bei Sa Calobra in der Serra de Tramuntana

          Erschöpft und mit schweren Beinen erreichen wir am späten Nachmittag Deià und die „Sa Fonda“-Bar. Das Publikum ist extravagant. Zu einigen Teilnehmern anderer Expeditionen gesellen sich Einheimische und Wahl-Mallorquiner, die in Deià ihr Glück gefunden haben. Ein undurchschaubares Trio sitzt an der Steinmauer auf der Terrasse: ein ausgezehrter Mann, ein Teenager-Mädchen mit Nasenring und Trainingsanzug, das gleichgültig raucht, und ein vom Leben gezeichneter Bergbauer. Später am Abend lernen wir den Eigentümer Dídac Mimó kennen. Er erzählt uns von seinem Vater, der die Bar vor 32 Jahren eröffnet hat, von dessen Freundschaft zu Robert Graves, einem britischen Schriftsteller, der immer mehr Bohemiens und Sternchen nach Deià lockte. Das merkt man dem Ort an: Der Immobilienmakler bietet eine Finca für 10,8 Millionen Euro an, und unser Expeditionsbudget reicht nicht mal für das koreanische Restaurant im Ort. Vielleicht überdenken wir diese Sache mit dem „Eigenthum“ noch mal?

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