https://www.faz.net/aktuell/reise/das-tramuntana-gebirge-und-die-massanella-wandern-auf-mallorca-16512417.html

Wandern auf Mallorca : Wilde Geschichten

Es ist spät geworden. „Diese Bar ist das Zentrum der Welt“, sagt Dídac überschwänglich und schenkt uns noch ein Glas seines dunkelbraunen Feuerwassers ein. „Prost! Auf die einzig richtige Bar auf dem ganzen GR 221!“ Wir sind froh, dass wir uns so gut vorbereitet haben, heben das Glas und sagen: „Auf den Wanderweg!“ Nachts schreiben wir ins Expeditionstagebuch: „erste Rückschläge, Expedition noch härter als gedacht“.

Tag drei

Wir erwachen aus einem unruhigen Schlaf. Die Sonne scheint, und es ist viel zu warm, auch jetzt noch, in der Nebensaison. Haben wir nur schlecht geträumt? Wir müssen heute über Béns d’Avall an der Küste entlang nach Port de Sóller, immer ein paar Meter über dem Meer, zwölf Kilometer, wenig Höhenmeter, eine Art „Sa Fonda“-Regenerationsweg. Während wir durch Farne und Kiefernwurzeln stolpern, Weidezäune überklettern und Schluchten durchqueren, brandet unter uns das Meer an die Felsen. Auf dem Rücken des Cap Gros treffen wir wieder auf den Hauptweg, irgendwo schreit ein Esel wie ein kaputtgehender Motor, und vor einer Finca verkauft ein Mädchen im Trainingsanzug frisch gepressten Orangensaft. Es ist das Teenager-Mädchen mit Nasenring aus der Bar – die Welt ist klein auf dem GR 221.

Blick vom Castell d’Alaro auf das Tramuntana-Gebirge
Blick vom Castell d’Alaro auf das Tramuntana-Gebirge : Bild: Picture-Alliance

Nachmittags sitzen wir am Strand von Port de Sóller mit einer Dose Estrella in der Hand, die Füße im kühlen Meer. Doch die Berge sitzen uns im Nacken: Wir müssen uns nur umdrehen, dann sehen wir direkt auf den Puig Major mit seiner markanten Kuppel und den Penyal des Migdia, dessen dunkles Gipfeldreieck wir als „Eiger-Nordwand des hochalpinen Mallorcas“ im Expeditionstagebuch verewigen. Gleich neben dem Satz: „Wir sind bereit, alles zu riskieren!“

Tag vier

Und wieder 20 unmenschliche Kilometer und fast 1000 selbstmörderische Höhenmeter, an die wir uns nicht ohne einen Experten wagen. Hendrik Uhlemann ist ein vertrauenswürdiger Mann, der sein Geld damit verdient, Fremde durch diese Berge zu führen. Als wir in den Zitronen- und Orangen-Plantagen von Sòller die dichten Wolken über dem Tramuntana-Gebirge sehen, sind wir froh, ihn zu haben. Schon bald verschluckt uns der Nebel, doch Hendrik treibt uns an, über 1962 Stufen durch die Biniaraix-Schlucht, vorbei an Trockenmauern, Felsen und Gumpen, Mispeln, wildem Rosmarin und dem Liliengewächs „Mallorquinischer Schnee“. Und Hendrik drängt weiter, treibt uns über Pfade und Schotter in die Ödnis der Höhe. Der Cúber-Stausee zeigt sich in Milchglasoptik, und der Puig Major steckt irgendwo in den Wolken. Es wird kalt, die Luft allmählich dünn, die Sinne schwinden. Sind das erste Anzeichen der Höhenkrankheit? Nach langen Stunden, an die wir uns nur vage erinnern können, rettet uns die „Tossals Verds“-Hütte vor der gnadenlosen Ausgesetztheit dieser Wildnis. Wirt José stellt uns ein Bier hin, und wir schreiben ins Expeditionstagebuch: „Etwas Magisches liegt über diesem Ende der Welt; erste Anzeichen der Höhenkrankheit“.

Ludwig Salvator, Erzherzog von Österreich-Toskana, hat das hochalpine Mallorca bereits vor 150 Jahren erkundet und alles "geschildert in Wort und Bild"; hier seine Darstellung des Puig de Galatzó - des Matterhorns Mallorcas.
Ludwig Salvator, Erzherzog von Österreich-Toskana, hat das hochalpine Mallorca bereits vor 150 Jahren erkundet und alles "geschildert in Wort und Bild"; hier seine Darstellung des Puig de Galatzó - des Matterhorns Mallorcas. : Bild: Coros Verlag

Tag fünf

Unsere Truppe ist in einem erbärmlichen Zustand. Wir schleppen uns mit Kopfschmerzen aus den Betten. Hendrik hat uns gestern Abend wieder verlassen – er wird seine Gründe gehabt haben. Ist heute wirklich ein guter Tag für den Gipfel? Die Sonne scheint auf den Puig de s’Alcadena wie auf einen venezolanischen Tafelberg. Aber wir wollen auf die Massanella. Wir halten uns also weiter nach Osten. Ab dem Coll des Prat wird die Tour zu einem erstaunlich alpinen Unternehmen, das Orientierungsvermögen, Schwindelfreiheit, Trittsicherheit und Kletterkünste an scharfkantigen Karstfelsen erfordert. Ein eisiger Wind pfeift uns um die Ohren, und wir ziehen alles an, was der Rucksack hergibt. Wir befinden uns nun schon eine ganze Weile über 1000 Meter! Nein, unterschätzen sollte man Mallorca nicht. Ein letzter Anstieg. Der Schweiß rinnt in die Augen. Die Luft wird immer noch dünner. Haben wir den „Point of no Return“ noch im Blick? Den Umkehrpunkt, an dem wir es noch halbwegs unversehrt ins Tal schaffen?

Bild: F.A.Z.-Karte lev.

Doch dann sind wir tatsächlich da: auf dem Gipfel der Massanella! Der höchste für Wanderer zugängliche Punkt Mallorcas (der Puig Major ist militärisches Sperrgebiet). 1365 Meter! Oder 4478 Fuß, das ist nicht umsonst die Höhe des Matterhorns in Metern. Mit tauben Fingern notieren wir ins Expeditionstagebuch: „Triumph! Fühlen uns wie Edmund Hillary, der damals auf dem Gipfel des Mount Everest sagte: We knocked the bastard off!“

Zum Wandern auf Mallorca

Anreise Auch in der Nebensaison gibt es von verschiedenen deutschen Flughäfen täglich Direktflüge nach Mallorca.

Wanderreisen auf Mallorca hat zum Beispiel der Veranstalter ASI Reisen im Programm. Auf dem Fernwanderweg GR 221, der quer durchs Tramuntana-Gebirge führt, gibt es sieben Varianten – fünf oder acht Tage, mit Hotel-, Kloster- oder Hüttenübernachtung, individuell oder in der Gruppe. Fünf Tage kosten ohne Flug ab 450 Euro. Mehr unter asi-reisen.de

Literatur Ludwig Salvator: „Mallorca: Die schönste Insel der Balearen“, Corso, 29,90 Euro

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