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Toscolano am Gardasee : Das Tal der Papiermühlen

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Dabei fing es mit der nachhaltigen Nutzung von Lumpen nahezu umweltfreundlich an. Doch die Arbeitsbedingungen waren nicht angenehm. Der Fäulnisprozess, durch den Farbstoffe und Verschmutzungen herausgelöst und die Fasern weich und mürbe gemacht wurden, schadete oft genug der Gesundheit der Arbeiter.

Auch in Toscolano gedruckt und heute dort ausgestellt: Teofilo Folengos Ritter-Schelmenroman „Opus Macaronicorum“, 1521.
Auch in Toscolano gedruckt und heute dort ausgestellt: Teofilo Folengos Ritter-Schelmenroman „Opus Macaronicorum“, 1521. : Bild: Dirk Wegner

In den Museumsgewölben aus dem sechzehnten Jahrhundert liegen Textilschnipsel in steinernen Bottichen, aus denen der Faserbrei für die Büttenproduktion entstand. Darüber hängt die Löwen-Silhouette eines Toscolaner Wasserzeichens an der Wand. Diese Zeichen waren die Erkennungsmarken der Papiermühlen und boten wichtige Hinweise für die Datierung und Lokalisierung des Papiers. So soll auch Martin Luthers lateinische Bibel aus Toscolano stammen, wie auch Flugschriften deutscher Reformatoren auf Papier von dort gedruckt wurden.

Jedes Blatt enthielt das individuelle Symbol des Papiermachers, als Gütesiegel handwerklicher Qualität. Es wurde mit einem dickeren Kupferfaden in das Bronzegewebe der Schöpfform eingenäht. Wurde diese in die Bütte mit dem Faserbrei eingetaucht und wieder herausgenommen, blieb an dieser Stelle weniger Brei hängen. Das anschließend gepresste und getrocknete Papierblatt war dort dünner, und die Filigranzeichnung wurde, gegen das Licht betrachtet, sichtbar.

Wohnungen und Küchen für Arbeiter

In den Kellerräumen des Museums stehen die schweren Gautschpressen zur Entwässerung der Papierbögen und die Stampfwerke, die einst von den Wasserrädern des Wildbachs angetrieben wurden. Im oberen Stockwerk sind die Papierbögen zum Trocknen aufgehängt. Wie diese sich anfühlen und in welchen Druckformaten daraus die ersten Bücher entstanden, lässt sich an weiteren Stationen erfahren.

Es war dann der sächsische Weber Friedrich Gottlob Keller, der 1844 ein Patent für eine aus Holz zubereitete Paste anmeldete, und es dauerte nicht lange, bis der Papierfabrikant Heinrich Voelter diese Zellulose zur industriellen Papierherstellung einsetzte. Das hatte auch für die Produktion im Tal der Papiermacher dramatische Folgen. Waren dort Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts noch über tausend Menschen beschäftigt, ging es rasch bergab. Viele der traditionellen Handwerker standen der industriellen Produktion skeptisch gegenüber. Doch ihre Methoden konnten mit der raschen Entwicklung und dem wachsenden Papierbedarf nicht Schritt halten.

Bis heute beeindrucken die Ausmaße der Anlage von Maina Inferiore. Neben der Fabrik gab es Wohnungen für Angestellte, eine Küche für Arbeiter sowie, gleich hinter der Zufahrtsbrücke, eine Portierloge. Ein Stück talaufwärts lag dann die größte Produktionsstätte Maina Superiore, die Ende des neunzehnten Jahrhunderts mit ihren Fabrikgebäuden, Lagerhallen, Kanälen und Wohnhäusern fast die gesamte nutzbare Fläche dieses Talabschnitts beanspruchte. Trotzdem standen den Arbeitern kleine Grundstücke für Tierhaltung sowie den Anbau von Wein, Oliven, Obstbäumen und Gemüse zur Verfügung.

Mit dem Weggang der Menschen verschwanden bald auch die von ihm kultivierten Nutzpflanzen. Zwischen den verfallenen Mauern breitet sich heute Ruderalflora aus, Efeu, Farne und Brombeerhecken. Es sind Pflanzen, die vom Menschen verlassene Orte bevorzugen. Im Valle delle Cartiere sind sie mehr als wild wuchernde Vegetation. Sie sind Dekoration für die Ruinen eines verschwundenen Handwerks, das die Aufmerksamkeit eines Urlaubstages verdient hat.

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