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Olmütz in Tschechien : Eine Stadt strebt nach oben

  • -Aktualisiert am

Das Glück der Stille: Noch döst Olmütz in einem Dornröschenschlaf, aus dem es der Tourismus wohl bald wachküssen wird. Bild: Richard Fraunberger

Hundert Kirchen, hundert Brunnen und eine überbordende barocke Architektur: Olmütz, einst Königssitz, militärische Festung und Hochburg des Katholizismus, will das Prag Mährens werden. Und die Chancen stehen gut.

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          Mitten in Olmütz, einen Katzensprung vom Rathaus entfernt, hängt ein Mann an der Fassade des Kunstmuseums. Er trägt Handschuhe und Mütze, und in seinem Rucksack steckt eine Skulptur, die er gerade aus dem Museum gestohlen hat. Wie versteinert hängt er da, zehn Meter über der Straße, die Finger festgekrallt am Gesims. Ein Dieb am helllichten Tag. Über ihm ein grauer Himmel. Unter ihm Autos, Straßenbahnen und eine Menschenmenge, die zu ihm hinaufblickt. Langsam hangelt er sich entlang des Gesimses quer über die Fassade. Ein falscher Griff und er stürzt ab. Alle drei Meter schimpft er auf unflätigste Art. „Verdammte Scheiße! Verflucht noch mal!“ Jubel. Beifall. Blitzlichter zucken. Immer mehr Passanten bleiben stehen und schauen neugierig hinauf. Eine Menschentraube mit gezückten Handys. Nach ein paar Metern geht dem Dieb die Puste aus. Er bewegt sich keinen Zentimeter weiter. Wie festgefroren bleibt er an der Fassade hängen. Drinnen im Kunstmuseum seufzt die Kassenfrau. „Jede Stunde dasselbe Theater. Nie hat man Ruhe“, klagt sie. Auch der Priester schüttelt entnervt den Kopf. Er steht am Eingang der Jesuitenkirche Maria Schnee gegenüber dem Kunstmuseum. „Dieses ständige Gefluche! Und das ausgerechnet vor der Kirche“, sagt er. „Der Dieb ist eine Attraktion“, sagt der Direktor des Kunstmuseums. „Er bereichert die Stadt. Er lockt Besucher an.“

          Die Stadt wurde - so will es zumindest die Legende - von Julius Cäsar gegründet, als er mit seinem Heer bei Olmütz lagerte.
          Die Stadt wurde - so will es zumindest die Legende - von Julius Cäsar gegründet, als er mit seinem Heer bei Olmütz lagerte. : Bild: Picture-Alliance

          Der Dieb ist das Werk des umstrittenen Prager Bildhauers David Černý, eine sprechende Skulptur in Lebensgröße, die, angetrieben von einer ausgeklügelten Steuerungstechnik, jede Stunde die Fassade des Kunstmuseums von einem Ende zum anderen entlangklettert. Černý, bekannt für seine provokanten Arbeiten, die oft Skandale auslösten, weihte die Skulptur 2017 ein. Fernsehen, Radio und Zeitungen berichteten, und mit einem Mal stand Olmütz in den Schlagzeilen. Olmütz, hunderttausend Einwohner, Barockstadt, Festungsstadt, Universitätsstadt, Sitz des Erzbischofs, Herz der fruchtbaren Hanna-Ebene, der Kornkammer Tschechiens. Olmütz, Stadt der Kirchen, Klöster, Adelspaläste, Patrizierhäuser, Villen, Brunnen. Olmütz, ein mährisches Prag im Kleinformat und so bekannt wie Ouagadougou. Gerade mal 60 000 Besucher aus dem Ausland schafften es 2017 in die Stadt, darunter viele Deutsche, auf Spurensuche nach ihren Vorfahren. Ein Nichts, verglichen mit dem aus allen Nähten platzenden Winzling Krumau und dem überlaufenen Karlsbad, ganz zu schweigen von Prag, das in Tschechien alles überschattet und erstickt wie das Unkraut die Veilchen im Garten. Jetzt also will Olmütz heraustreten aus dem touristischen Schatten, in dem die Stadt schlummert. Der internationale Tourismus, der in Böhmen steckengeblieben und nur in homöopathischen Dosen ins angrenzende Mähren diffundiert ist, soll endlich seinen Weg nach Olmütz finden.

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