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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Das Pils löst in Pilsen jedes Problem

  • -Aktualisiert am

Pilsen ist mehr als nur die Welthauptstadt des Bieres: Barocke Bürgerhäuser am Platz der Republik. Bild: epd

Die böhmische Kapitale von Hopfen und Malz hat mehr zu bieten als nur Brauereien und Gaststätten. Dabei kann man den Ort schon allein darum beneiden.

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          Ein Blick auf den Stadtplan: im Osten ein weitflächiges Betriebsgelände in Form eines nach Norden ausgerichteten Handtuches, im Westen ein noch viel größerer, als Dreieck angelegter Industriepark. Dazwischen kauert der akkurat quadratische Stadtkern. Plzeň, auf Deutsch und der Einfachheit halber: Pilsen, sei „eine Stadt der Industrie und des Biers“, heißt es in einem Faltblatt des Tourismusamtes. Demnach dürfte Pilsen mit einem rauhen proletarischen Charme behaftet sein, der mich überall dort, wo er noch nicht jämmerlich verblasst ist, immer wieder berührt. Allein Pilsen, so lesen wir weiter, sei auch „die europäische Hauptstadt für Kunst, Design, Kultur ...“ Punkt, Punkt, Punkt. Was verbirgt sich dahinter?

          Pilsen liege in einem Becken und am Zusammenfluss von Úhlava, Úslava, Radbuza und Mže, erläutert die höfliche Dame, die mich am Prager Flughafen abgeholt hat. „Führen die Flüsse alle Bier?“ „Nein, nein“, sie lacht, „aber manchmal glaube ich das fast. Denn Bier spielt in unserer Stadt wirklich eine außergewöhnliche Rolle, und es ist ein Symbol für ganz Tschechien. Sehr populär sind zurzeit sogenannte Tapping-Pubs. Jeder Tisch hat eine Zapfanlage, und man veranstaltet Trinkwettbewerbe zwischen den Tischen oder sogar zwischen Städten. ‚Lasst uns Prag in die Knie zwingen!‘, hört man da zum Beispiel.“

          Erst mal ein Ankunftsbier

          Wir rollen auf der Magistrale von Osten her in die „Metropole Westböhmens“ hinein. Rechter Hand sieht man zwischen gräulichen Gebäuden die Brauerei Gambrinus. „Wir sind stolz darauf, dass die Brauereien mitten in der Stadt sind“, sagt unsere Chauffeuse. „Sie sind fester Teil unseres Selbstverständnisses.“ Hier bin ich am richtigen Ort. Im Café des adretten Hotels Rous in der Zbrojnická-Straße am östlichen Rand der Altstadt genehmige ich mir sogleich ein Frischaufbier. Zum einen halte ich das stets so. Ein Ankunftsbier als propädeutische Maßnahme, um sich später vorbehaltlos auf Eindrücke und Geschichten konzentrieren zu können. Zum anderen, informiert mich die Broschüre „Bierpfade durch die Region Pilsen“, sei es „ganz natürlich“, seinen Durst „mit dem beliebten und im Lande traditionellen Getränk zu löschen“.

          Na also. Dann bitte gleich ein zweites. Die Gäste unterhalten sich gedämpft. Vornehm bodenständig und ungekünstelt fein wirken sie, draußen quietscht vergnügt eine alte Straßenbahn vorbei. Selten zuvor hat mich der Genius Loci derart rasch für sich eingenommen, und als ich erfahre, dass meine Unterkunft im achtzehnten Jahrhundert im Besitz eines „irren Textilwarenhändlers“ gewesen sei, „der auch ein Bordell betrieb“, bin ich von Pilsen bereits restlos verzaubert.

          Kartoffelpuffer, Butterknödel, Hefeknödel

          Dass man sich in Tschechien vielerorts auf die böhmische Küche, in die mancherlei österreichische und bayerische Traditionen eingeflossen sind, zurückbesinnt, ist im Restaurant Švejk in der Riegrova, drei Straßenecken weiter, nicht zu übersehen. In einer Atmosphäre, die auf angenehme Weise an eine Kantine erinnert, werden Kartoffelpuffer, Butterknödel, Hefeknödel und enorme Portionen Schweinebraten gereicht. „Fisch isst man bei uns kaum“, sagt meine „Begleiterin“, wie sie sich selbst nennt. Sie spricht exzellent Deutsch und meidet den Ausdruck „Stadtführerin“. Ein wunderbarer, ungeheuer flotter Sprachsingsang erfüllt den holzvertäfelten Raum. Die Wände sind mit Bierplakaten übersät, dazu allerorten Abbildungen mit dem braven Soldaten Schwejk, jener grandiosen Schöpfung des großen Humanisten und noblen anarchistischen Filous Jaroslav Hašek, der meist in Wirtshäusern schrieb und seinen Schabernack trieb und täglich fünfunddreißig halbe Liter Bier verdrückt haben soll.

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