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Europas Kulturhauptstadt 2015 : Das Pils löst in Pilsen jedes Problem

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Pilsen ist mehr als nur die Welthauptstadt des Bieres: Barocke Bürgerhäuser am Platz der Republik. Bild: epd

Die böhmische Kapitale von Hopfen und Malz hat mehr zu bieten als nur Brauereien und Gaststätten. Dabei kann man den Ort schon allein darum beneiden.

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          Ein Blick auf den Stadtplan: im Osten ein weitflächiges Betriebsgelände in Form eines nach Norden ausgerichteten Handtuches, im Westen ein noch viel größerer, als Dreieck angelegter Industriepark. Dazwischen kauert der akkurat quadratische Stadtkern. Plzeň, auf Deutsch und der Einfachheit halber: Pilsen, sei „eine Stadt der Industrie und des Biers“, heißt es in einem Faltblatt des Tourismusamtes. Demnach dürfte Pilsen mit einem rauhen proletarischen Charme behaftet sein, der mich überall dort, wo er noch nicht jämmerlich verblasst ist, immer wieder berührt. Allein Pilsen, so lesen wir weiter, sei auch „die europäische Hauptstadt für Kunst, Design, Kultur ...“ Punkt, Punkt, Punkt. Was verbirgt sich dahinter?

          Pilsen liege in einem Becken und am Zusammenfluss von Úhlava, Úslava, Radbuza und Mže, erläutert die höfliche Dame, die mich am Prager Flughafen abgeholt hat. „Führen die Flüsse alle Bier?“ „Nein, nein“, sie lacht, „aber manchmal glaube ich das fast. Denn Bier spielt in unserer Stadt wirklich eine außergewöhnliche Rolle, und es ist ein Symbol für ganz Tschechien. Sehr populär sind zurzeit sogenannte Tapping-Pubs. Jeder Tisch hat eine Zapfanlage, und man veranstaltet Trinkwettbewerbe zwischen den Tischen oder sogar zwischen Städten. ‚Lasst uns Prag in die Knie zwingen!‘, hört man da zum Beispiel.“

          Erst mal ein Ankunftsbier

          Wir rollen auf der Magistrale von Osten her in die „Metropole Westböhmens“ hinein. Rechter Hand sieht man zwischen gräulichen Gebäuden die Brauerei Gambrinus. „Wir sind stolz darauf, dass die Brauereien mitten in der Stadt sind“, sagt unsere Chauffeuse. „Sie sind fester Teil unseres Selbstverständnisses.“ Hier bin ich am richtigen Ort. Im Café des adretten Hotels Rous in der Zbrojnická-Straße am östlichen Rand der Altstadt genehmige ich mir sogleich ein Frischaufbier. Zum einen halte ich das stets so. Ein Ankunftsbier als propädeutische Maßnahme, um sich später vorbehaltlos auf Eindrücke und Geschichten konzentrieren zu können. Zum anderen, informiert mich die Broschüre „Bierpfade durch die Region Pilsen“, sei es „ganz natürlich“, seinen Durst „mit dem beliebten und im Lande traditionellen Getränk zu löschen“.

          Na also. Dann bitte gleich ein zweites. Die Gäste unterhalten sich gedämpft. Vornehm bodenständig und ungekünstelt fein wirken sie, draußen quietscht vergnügt eine alte Straßenbahn vorbei. Selten zuvor hat mich der Genius Loci derart rasch für sich eingenommen, und als ich erfahre, dass meine Unterkunft im achtzehnten Jahrhundert im Besitz eines „irren Textilwarenhändlers“ gewesen sei, „der auch ein Bordell betrieb“, bin ich von Pilsen bereits restlos verzaubert.

          Kartoffelpuffer, Butterknödel, Hefeknödel

          Dass man sich in Tschechien vielerorts auf die böhmische Küche, in die mancherlei österreichische und bayerische Traditionen eingeflossen sind, zurückbesinnt, ist im Restaurant Švejk in der Riegrova, drei Straßenecken weiter, nicht zu übersehen. In einer Atmosphäre, die auf angenehme Weise an eine Kantine erinnert, werden Kartoffelpuffer, Butterknödel, Hefeknödel und enorme Portionen Schweinebraten gereicht. „Fisch isst man bei uns kaum“, sagt meine „Begleiterin“, wie sie sich selbst nennt. Sie spricht exzellent Deutsch und meidet den Ausdruck „Stadtführerin“. Ein wunderbarer, ungeheuer flotter Sprachsingsang erfüllt den holzvertäfelten Raum. Die Wände sind mit Bierplakaten übersät, dazu allerorten Abbildungen mit dem braven Soldaten Schwejk, jener grandiosen Schöpfung des großen Humanisten und noblen anarchistischen Filous Jaroslav Hašek, der meist in Wirtshäusern schrieb und seinen Schabernack trieb und täglich fünfunddreißig halbe Liter Bier verdrückt haben soll.

          Der berühmteste Ort der Stadt: die Brauerei Pilsener Urquell.

          Hašek „muss am Hals einer Flaschenbierflasche zur Welt gekommen sein – er war kein Politiker, sondern besoffen“, notierte sein Verehrer Kurt Tucholsky 1926 in der „Weltbühne“. Er pries den „atembeklemmenden Wahnwitz“, den der fabelhaft chaotisch-groteske, antimilitaristische Schelmenroman „Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk“ atme, und er liebte, zu Recht, die neben dem Falstaff in Shakespeares Heinrich IV. vielleicht schönste Figur der Weltliteratur: „Wie glücklich ist doch ein Volk zu schätzen, das solche Helden sein eigen nennt!“

          Mit Wasser und Wein stößt man nicht an

          Tschechien nimmt beim jährlichen Pro-Kopf-Bierverbrauch weltweit unangefochten den ersten Platz ein. Das lobe ich mir dezidiert und ordere zu meinen zart-mürben „Rinderwangen“ mit reichlich Soße und Kartoffelpüree einen Humpen helles Lager. In Pilsener gebratene Schweineklötzchen mit Weißkraut sind eine andere Spezialität, und Lendenbraten mit Preiselbeeren sei das Nationalgericht, klärt mich derweil meine Begleiterin auf. Pilsen, 1295 vom böhmischen König Wenzel II. gegründet, sei bis zum Dreißigjährigen Krieg eine wohlhabende Stadt gewesen. An den Handelswegen zwischen Prag, Nürnberg, Regensburg und Cheb gelegen, hatte es sich zu einem bedeutenden Umschlagplatz für Rindvieh entwickelt. „Gefragt sind bei uns allerdings ebenso Münchner Weißwürste“, ergänzt sie, „und unser Pendant zu Fish ’n’ Chips ist panierter Käse.“ Das wäre mir dann doch zu mächtig. „Du kannst stattdessen“, wir haben uns schnell aufs Du geeinigt, „Kartoffelzapfen mit Mohn und Vanillesauce bestellen. Und noch etwas: Wir stoßen ausschließlich mit Bier an! Mit Wasser oder Wein stößt man nicht an.“

          Pilsen sei „eine bequeme Stadt, nicht groß, aber groß genug“, meint meine Begleiterin, während wir zum Markt schlendern, zum Náměstí Republiky, zum Platz der Republik, den die gotische Sankt-Bartholomäus-Kathedrale dominiert. Ihr 102,6 Meter hoher Turm, der höchste Kirchturm des Landes, ist Pilsens Kompassnadel, man sieht ihn von überall. Pilsen ist eine mittelalterliche Planstadt, die Straßen im denkmalgeschützten Zentrum zweigen allesamt im rechten Winkel ab. Rund um den 139 mal 193 Meter messenden Markt reihen sich gotische Häuser mit engen Stirnseiten an Barockpalais, an historistische Prunkdomizile mit filigranen Statuetten und Giebeln und an wuchtige Renaissancegebäude wie das finster dreinschauende, mit zahlreichen Sgrafitti verzierte Rathaus. Selbst der sozialistische Zweckbau des Hotels Central fügt sich in dieses Ensemble aus Juwelen wohlgefällig ein.

          Ein Kamel als Glücksbringer

          Seit 2009 gehören zum Náměstí Republiky auch drei abstrakte vergoldete Brunnen, die heraldische Elemente darstellen: einen Engel, eine Windhündin und ein Kamel. Der Engel symbolisiert auf Pilsens Wappen die Treue zum Papst, die Windhündin die Treue zum Kaiser – und das Kamel? Seit 1419 tobten in Böhmen und Mähren die Hussitenkriege. Beim fünften Versuch der Hussiten, das dem Kaiser und dem Bischof von Rom ergebene Pilsen einzunehmen, erbeuteten die antikalixtinisch gesinnten Einwohner im Januar 1434 im Zuge eines Gegenangriffs den Glücksbringer der reformatorischen Revolutionäre, ein Kamel. Seit 1466 ist es Bestandteil des überbordenden Stadtschildes. „Die Vorbereitungen zur Tötung von Menschen sind stets im Namen Gottes oder eines vermeintlich höheren Wesens vor sich gegangen, das die Menschen ersonnen und in ihrer Phantasie erschaffen haben“, steht im Schwejk geschrieben, und die freundlichen Gestalten des Romanpersonals rufen sich zu: „Nach dem Krieg um sechs im Kelch!“

          Noch indes ist es nicht an der Zeit, ins U Salzmannů zu stiefeln, ins älteste Wirtshaus der Stadt. Seit 1637 zeigt es in der Pražská 8 sein eindrückliches bossiertes Portal her, und in den geschmackvoll-soliden Gasträumen lässt sich bei hellem Braunbier und riesigen Schweinshaxen der törichte und blutige Tumult der Menschheitsgeschichte gründlich vergessen, zumal Martin Salzmann schon lange nicht mehr das Regiment führt. Der ehemalige Fuhrunternehmer pflegte im neunzehnten Jahrhundert fröhliche Zecher, die ihm zu laut waren, vor die Tür zu spedieren, verabscheute das Anstoßen („Ihr sollt euer Bier trinken und nicht mit meinen Gläsern rempeln!“) und rückte sein Bier nur raus, wenn man Bargeld vorgelegt hatte.

          Dadaistischer Clown mit Glatze und Segelohren

          Nein, es gilt zunächst die freudvolle Pilsener Tradition des Puppentheaters zu würdigen. Schon im achtzehnten Jahrhundert zogen böhmische Puppenspielerfamilien über Land und belustigten nicht bloß die Bevölkerung, sondern halfen, die tschechische Sprache am Leben zu halten. Ihre Marionetten fertigten Schnitzer, die sonst sakrale Plastiken herstellten. Ende des neunzehnten Jahrhunderts entstanden in Pilsen die ersten Laienpuppenspielvereine, etwa das Puppentheater der Feriensiedlungen, mit dem sich im zwanzigsten Jahrhundert der Name Josef Skupa verbindet. Er schuf die Figur des „revolutionären Kaspers“, eine Verkörperung des Willens zur nationalen Unabhängigkeit, und 1919, ein Jahr nach der Ausrufung der Tschechoslowakischen Republik, einen dadaistischen Clown mit Glatze, abstehenden Ohren, Frack und Holzschuhen: den Spejbl.

          Kein anderes Volk auf Erden trinkt mehr Bier als die Tschechen. Angesichts der Qualität ihres Pilses kann man sie gut verstehen.

          Der Spejbl bildete bald darauf mit Hurvínek ein Figurenduo, das bis heute zum kulturellen Fundus der Welt gehört. Skupas Schüler Jiří Trnka entwickelte die avantgardistische und zugleich traditionsbewahrende Formensprache seines Mentors weiter. Er gestaltete Varietépuppen wie den Kunstradfahrer Drehbein und den Jongleur Nosarini, und nach dem Zweiten Weltkrieg hob er den tschechischen Trickfilm aus der Taufe. „Er konnte mit beiden Händen gleichzeitig zeichnen und brachte der Tschechoslowakischen Republik mehr Devisen ein als die meisten Industriebetriebe“, ehrt ihn eine Broschüre des Puppenmuseums.

          Wollen wir eine Wasserstoffbombe zünden?

          In der instruktiven, interaktiven, pädagogisch inspirierten Ausstellung in einem Renaissancegebäude am Platz der Republik verschafft auf drei Stockwerken eine verschwenderische Zahl von Exponaten einen glänzenden Überblick über die Geschichte der Puppenproduktion und des Marionettentheaters. Nixen, Räuber, Teufel und Prinzessinnen schauen einen an, Könige, Ritter, Mönche, Kasparek, Doktor Faust und Don Juan. Die älteste Figur ist hundertfünfzig Jahre alt und stammt vom Puppenspielpionier Karel Novák, und die kleinste kniet auf dem Henkel eines Bierglases und klammert sich an dessen Rand fest. Derartige Miniaturbierkletterer sollen in den Kneipen der „Stadt der Marionetten“ früher weitverbreitet gewesen sein.

          Ja, das ist mir alles deutlich willkommener als das Weltbild, das im Techmania Science Center am Eingang zum Riesenareal der Škoda-Werke am Westrand der Stadt vermittelt wird. Sicher, nichts spricht dagegen, Kindern spielerisch Grundgesetze der Mechanik, der Optik, der Kinetik, der Elektrizität nahezubringen, und nichts ist einzuwenden gegen das Experimentieren mit avancierter Trickfilmtechnik und gegen die medial brillant aufbereitete kosmologische Unterrichtung im jüngst eröffneten 3D-Planetarium nebenan. Doch muss man auf einem Gelände, das ehedem die größte Waffenschmiede der k. u. k.-Monarchie beherbergte und auf dem im Nationalsozialismus sechzigtausend Arbeiter Granaten und Geschütze produzierten, den Flyer „Pilsen für Kinder“ in die Hand gedrückt bekommen, in dem steht: „Sie können einen Tornado entfesseln, einen Vulkanausbruch herbeiführen oder eine Wasserstoffbombe zünden“?

          Welche Gottesgabe ist das Bier!

          Uns ist nicht danach zumute. Wir statten lieber dem Bürgerlichen Vereinshaus Mešt’anská Beseda einen Besuch ab. Im Jahr 1901 eingeweiht, repräsentiert der lindgrüne Jugendstilpalast mit seinen Fresken und Frauendarstellungen in tschechischen Trachten, mit seinen schweren Lüstern, Säulen aus künstlichem Marmor und Festsälen, in denen bis heute das Gesellschaftsleben blüht, den Stolz und die Ambitionen der gebildeten und begüterten Schicht. „Plzeň sobě“ lautet eine Inschrift unter dem Balkon, der hinüber zum Gartenring schaut, zum Smetanovy Sady (Smetana-Park) – „Für Pilsen“, von Bürgern, für Bürger.

          „Welch Gottesgabe ist das Bier, das gute Bier!“, jubiliert der Chor in Bedřich Smetanas Oper „Die verkaufte Braut“, und weil gerade ein Standbild des Nationalheiligen Smetana aus den Grünanlagen herüberwinkt, sehen wir uns gewissermaßen gezwungen, im schönen, großzügigen Jugendstilcafé ein Glas nachzufassen, während unsere Begleiterin erläutert, in Pilsen habe „ein Kampf zwischen Vertretern des Jugendstils, den Parteigängern Österreich-Ungarns und jenen der Neorenaissance, die der Nationalbewegung anhingen, stattgefunden“.

          Einzigartige Chance für eine kleine Stadt

          Als drittes, wenngleich verstecktes architektonisches Element wären Adolf Loos’ funktionalistische Interieure zu nennen. Acht Innenräume sind in der Stadt erhalten geblieben, die prächtigste Wohnung kann in der Bendova 10 besichtigt werden. Der Jugendstil, das Ornament schlechthin, war für Loos ein „Verbrechen“. Die strenge Symmetrie, der zweckrationale Minimalismus, die kostspieligen Materialien (Marmorfliesen, Mahagonideckentäfelung, Einbauschränke aus Kirschholz), die dezent muntere Farbgebung – Salon, Esszimmer und Schlafzimmer muten auf aufgeräumte Art beinahe magisch an. Die Geschichte der jüdischen Bevölkerung in Pilsen sei nicht nur mit der Ende des neunzehnten Jahrhunderts im maurisch-romanischen Stil erbauten Großen Synagoge verbunden, der drittgrößten der Welt, schräg gegenüber vom Josef-Kajetán-Tyl-Theater, sondern auch mit Adolf Loos, „den wir wirklich verehren“, sagt abends der Vizebürgermeister Martin Baxa beim Essen ausgerechnet in einem italienischen Restaurant. Loos’ Auftraggeber waren jüdische Geschäftsleute, Ingenieure und Ärzte, an deren Schicksal stärker denn je erinnert werden müsse, insbesondere, da Pilsen jetzt Kulturhauptstadt Europas sei.

          Baxa, ein kregler Mann, redet sich regelrecht in Begeisterung. Die „einmalige und einzigartige Chance für so eine kleine Stadt“ werde man hunderterlei nutzen. Die Liste der Veranstaltungen ist kaum zu überschauen. Dabei habe das Ideal einer „demokratischen“ Kultur die Planer geleitet, die Menschen sollen als Akteure eingebunden werden, etwa mit dem digitalen Fotoprojekt „Verborgene Stadt“, das per App als Stadtführer dient. Kultur sei jedoch, betont Baxa, „nicht nur eine Freizeitbeschäftigung, sondern ein ökonomischer Faktor. Wir wollen an der Universität die Bereiche Design und Mode ausbauen und die Kreativindustrie fördern. Vielleicht können wir in ein paar Jahren sagen: ‚Pilsen ist das Mailand Tschechiens.‘“

          Eine unterirdische Schattenwelt

          Und der Wirtschaftsfaktor Bier? Mirka Reifová von „Pilsen 2015“ und Martin Baxa lassen nicht unerwähnt, dass man Pilsens Image, eine reine Bierstadt zu sein, korrigieren wolle. Das Motto von „Pilsen 2015“ sei daher bewusst doppeldeutig gehalten: „Pilsen, open up!“ – „Öffne dein Pilsener!“ Aber auch: „Pilsen, öffne dich!“ Denn die Pilsener seien zwar freundliche Leute, da die Arbeitslosigkeit gering sei, es keine strukturellen Verwerfungen gebe und es sich deshalb hier entspannt leben lasse, doch seien sie Neuem gegenüber recht reserviert und überhaupt ungemein konservativ. Allerdings, „wenn es mal Schwierigkeiten gibt“, Martin Baxa setzt ein breites Grinsen auf, „löst das Bier die Probleme.“

          Wie schäumst du in den Gläsern, edler Gerstensaft! / An dir trinkt sich ein jeder Feuer und Kraft!“ Mit Smetana auf den Lippen entschwinden wir ins, wie man uns versichert, beste Bierlokal Pilsens, ins Na Parkánu am Mühlgraben. Unter uns beginnt ein zwanzig Kilometer langes Geflecht aus Gängen, Gär- und Eiskellern und Trinkwasserbrunnen. Bis ins achtzehnte Jahrhundert wurde das in den Sandstein gegrabene System erweitert, die Bierfässer lagerten auf Felsbänken, Holzwasserleitungen durchzogen das Labyrinth. Neben uns: das schmucke Brauereimuseum in einem Bürgerhaus aus dem Jahr 1492. Hier herrscht zwischen Modellen, Trachten, Zunftzeichen, Gerätschaften und dem kleinsten, von einem Fassbinder gebastelten Bierkrug der Welt (er fasst exakt einen Tropfen) der König der Gerste, eine Sagengestalt, deren wahre Bedeutung die Evolutionsbiologie unterdessen untermauert hat. Josef K. Reichholf hat in seinem Buch „Warum die Menschen seßhaft wurden“ niet- und nagelfest belegt, dass alle Kultur mit dem Bier ihren Anfang nahm.

          Pašák heißt so viel wie Pfundskerl

          Auf das Fläschlein, das Fäßlein! Oder besser: Hinuntergeschüttet, achtsam und beglückt, werde das unfiltrierte, unpasteurisierte Pilsener Urquell aus dem ehrwürdigen Halbliterglase, das Nefiltrovaný Ležák, die Milch der Seele, am Stehtisch in der Schwemme des Na Parkánu. Und gelauscht sei dem betörend gelassenen Plaudern und Albern, ästimiert sei die Beiläufigkeit des Bierabstellens, in der sich eine humane Selbstverständlichkeit ausdrückt, und genossen sei die Grazie, mit der die lebensfrohen, selbstbewussten Frauen zwischen den Tischen hindurchtänzeln. Meine erznette Begleiterin, die ich mittlerweile „die deutsche Tschechin“ nennen darf, weil sie „Unpünktlichkeit hasst“, sagt: „Nicht Eishockey, nicht Fußball ist in Tschechien Nationalsport, sondern das Bierdeckelsammeln.“ Wohlan! Dann müssen wir weiterziehen, zum nächsten Bierinstitut, Filze ergattern und im U Pašáka gleich am Ausschank ein helles Lager stemmen. „Nichts außer Bier“, steht auf dem Untersetzer, und das ist die lautere Wahrheit.

          „Pašák“ heißt so viel wie „Pfundskerl“. „Wie aber sagt man auf Tschechisch zum Flussarm, der im Polnischen ein Flussbein ist?“, frage ich. „Flußschulter“, sagt sie, „vielleicht auch Flußoberarm.“ „Eulen nach Athen tragen?“ „Holz in den Wald tragen.“ Das ist herrlich handfest. „Morgenstund hat Gold im Mund?“ „Der Morgenvogel hüpft weiter.“ „Seine Schäfchen im Trockenen haben?“ „Ich habe über den Fluss gesetzt.“ „Da bewegst du dich auf dünnem Eis?“ „Du stehst an einer Böschung.“ Und „die Kirche im Dorf lassen“? „Mach aus einer Mücke kein Kamel!“ Nach wie vor durstig wie ein Kamel, schleppe ich meine Begleiterin zur für heute letzten Tränke, zur Kleinbrauerei Groll am Ufer der Mže. Das Zwickl mundet wie Ambrosia, und mit einem vorzüglichen Saisonbier bringen wir einen Toast auf den Gastwirt Palivec aus dem Schwejk aus: „Für uns Gewerbetreibende gibt’s keine Politik. Bezahl dein Bier, und setz dich hin, und quatsch, was du willst. Das is’ mein Grundsatz.“

          Der Herrgott will, dass der Mensch glücklich ist

          Fünfeinhalb Jahrhunderte lang war das Pilsener Bier nicht der wahre Jakob. Was da im umlaufenden Kommunbräuverfahren zusammengerührt wurde, malträtierte Kopf und Magen aufs äußerste. Im Februar 1838 platzte den Bürgern der Kragen. Sechsunddreißig Fässer Plörre kippten sie vor dem Rathaus aus, und der Wirt Václav Mirwald forderte lautstark: „Eines ist in Pilsen vonnöten – gutes und billiges Bier!“ Kurzerhand gründete Martin Stelzer am Ostrand das Bürgerliche Brauhaus, im Frühjahr 1842 engagierte er den bayerischen Braumeister Josef Groll, und der erfand das untergärige Bier. Am 5. Oktober 1842 setzte er den ersten Sud an – es war der „Pilsener Urknall“: „Die Würze aus hellem böhmischem und mährischem Malz, Hopfen aus Žatecer (gleich um die Ecke) und sammetweichem Plzeňer Wasser explodierte tausendmal pro Hundertstelsekunde. In den darauffolgenden Wochen kühlte das neue Universum immens ab, um stürmisch mit untergäriger Hefe zu gären, um reifen zu können und sich zu klären.“ So erklärt es Michael Rudolf.

          Daran hat sich bei Plzeňský Prazdroj (Pilsener Urquell), trotz ständiger Modernisierungen und obwohl das Unternehmen seit 1999 zum Biermulti SAB-Miller gehört, bis heute wenig geändert. Das Wasser wird aus derselben Quelle geschöpft – sie liegt so tief, wie der Turm der Kathedrale hoch ist –, der Hefestamm ist so alt wie das erste güldene Urquell, es werden sogar noch acht Böttcher beschäftigt und Pilsener Gaststätten mit Pferdegespannen beliefert. Dreifache Maischung, dreifache Hopfung, dreißig Tage lange kalte Reifung – in den verzweigten, bis 1987 mit Eis bestückten, teils kirchenschiffhohen Lagerkellern unter dem dreiundfünfzig Hektar großen Gelände mit alter, gepflegter Bausubstanz ein Pilsener Urquell vom Eichenfass, und du weißt, warum Benjamin Franklin behauptete: „Bier ist der Beweis, dass Gott uns liebt und dass er möchte, dass wir glücklich sind.“

          Ganz unten schmeckt es am besten

          „Hier unten schmeckt’s am besten“, sagt meine Begleiterin. Ich nicke. Doch als ich ihr vorschlage, zum Abschluss ein Bierbad in der nicht minder schätzenswerten, 2007 eröffneten Mikrobrauerei Purkmistr im Stadtteil Černice und hernach das sonnige Lager sowie ein Vanille- und ein Blaubeerbier zur Brust zu nehmen, stöhnt sie leise auf. Gut. Werfen wir stattdessen eine Fünfzig-Kronen-Münze in den Originalbottich, an dem Josef Groll sein Werk vollbrachte. Am Trevi-Brunnen in Rom hält man es genauso. Wir kommen wieder.

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