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Griechenland : Das Leben ist ein Kiosk

  • -Aktualisiert am

Kiosksterben in Griechenland: Hier bricht mehr als nur günstige Nahversorgung weg. Bild: Picture-Alliance

Gehsteigsupermarkt, Debattierklub, Auskunftsbüro, Knotenpunkt jeder Nachbarschaft: Das Periptero ist das Herzstück der griechischen Alltagskultur. Doch es ist akut bedroht.

          8 Min.

          Um sechs Uhr früh war er aufgestanden, trank Kaffee, stieg aufs Moped und knatterte hinaus in den anbrechenden Tag und hinein in den athenischen Großstadtwahnsinn aus Beton und Chaos. Jetzt ist es zehn Uhr, ein kühler, wolkiger Tag, Regen ist im Anmarsch, und Petros Adamis, siebenundvierzig Jahre alt, graumeliertes Haar, auf der Nasenspitze eine randlose Brille, sitzt auf einem Hocker in einer kleinen Bude auf dem Gehsteig direkt an der Eleftherios-Venizelos-Allee, einer dichtbefahrenen Straße zwischen Omonia und Piräus, und schaut zum Fensterchen hinaus. Fußgänger eilen vorüber, Autos und Busse schieben sich hupend an ihm vorbei. Irgendwo heult eine Sirene auf.

          Sechs Tage die Woche sitzt Petros Adamis in seiner Bude, von acht Uhr früh bis zehn Uhr abends, bei Hitze, Kälte, Regen. Es ist ein Leben im Dienst der Kunden. „Kein Zuckerschlecken“, sagt er, „aber es gibt Schlimmeres.“ Die Straße ist sein Arbeitsplatz, der Kiosk sein Leben. Er hat drei Fensterchen und an der Rückwand eine Tür, so klein, dass man sie nur gebückt betreten kann. Die Bude ist kleiner als eine Besenkammer, Petros Adamis hat sich an die eineinhalb Quadratmeter gewöhnt, er kann sich einmal um die eigene Achse drehen. Sie ist vom Boden bis zur Decke mit Waren gefüllt. Alles, was er braucht, ist in greifbarer Nähe: Wechselgeld, Lotterielose, Telefonkarten und Berge von Zigaretten. Was nicht hineinpasst, und das ist eigentlich alles, liegt und steht auf Gestellen und Regalen, in Kühltruhen und Kühlschränken – Eis, Milch, Joghurt, Bier, Rasierklingen, Zeitschriften, Kondome, Sonnenbrillen, Kekse, Handyzubehör. Und weil auch der Gehweg für das überbordende Warenangebot zu klein ist, hängen von der Markise über dem Kiosk Baseballkappen, Spielzeuge und Zeitungen. Von Petros Adamis ist nur noch das Gesicht zu sehen. Wie ein Eingemauerter hockt er in seinem Verkaufsstand.

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