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Brasilien : Im Urwald einer Stadt

Der Landschaftskünstler Burle Marx sollte für die zweite Ehefrau des Unternehmers Francisco „Baby“ Pignatari diesen Schachbrettgarten entwerfen. Bild: Cesar Barreto

São Paulo, die größte Stadt Südamerikas, ist wieder ein bisschen deutscher geworden: Das „Palácio Tangará“ hat im Burle-Marx-Park eröffnet

          Morgens um kurz nach halb fünf schwillt das Rauschen langsam an. Die ersten Hochhaussilhouetten von Brooklin Paulista schälen sich aus dem Nachthimmel, Morgenröte kriecht in die Stadt, und mit ihr der Verkehr. Solange der Himmel über São Paulo rosa und apricotfarben leuchtet, kann man gleichzeitig die letzten Zikaden der Nacht und die ersten Vögel des Morgens hören, und erst wenn die Sonne über der Stadt und die Autos auf der Ringstraße am Rio Pinheiros stehen, wird die natürliche Großstadtsymphonie gestört: von einem Laubpuster, mit dem jemand die Blätter auf dem Rasen des Hotels vor sich hertreibt.

          Barbara Liepert

          Verantwortlich für das Ressort „Reise“ in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Bei Tageslicht sieht man dann auch den Zaun, der das Hotel vom Parque Burle Marx trennt – eine Grenze zwischen drinnen und draußen, zwischen dem heutigen und dem vorkolonialen São Paulo –, denn in diesem Park wandern die Besucher durch die Reste der Mata Atlântica, von der hier einmal alles überwuchert war: Der atlantische Regenwald, der sich an der über 4000 Kilometer langen Ostküste Brasiliens von Rio Grande do Norte bis Rio Grande do Sul erstreckt, ist in Europa nicht halb so bekannt wie der tropische Regenwald des Amazonasbeckens. 15 Prozent der Fläche Brasiliens waren einmal mit diesem, von den ersten Entdeckern als schier undurchdringlich beschriebenen Wald bedeckt, weit mehr als eine Million Quadratkilometer. Heute gibt es gerade einmal noch 90 000 Quadratkilometer. Die Mata Atlântica weist eine der größten Biodiversitäten aller Urwälder auf, weil sie in so vielen unterschiedlichen Höhen gedeiht, auf so vielen unterschiedlichen Böden, so viele verschiedene Regionen bedeckt. Doch der Anbau von Zuckerrohr im Norden und Kaffee im Bundesstaat São Paulo hat im 19. und 20. Jahrhundert die Waldflächen dezimiert, mehr als 80 Prozent wurden bis Ende des vergangenen Jahrtausends zerstört. Erst seit knapp 30 Jahren wird der Urwald als nationales Erbe geschützt. An ihm hängt alles: das Klima, die Wasserversorgung, das Wohl der Menschen.

          Wie wichtig Biodiversität ist, hat Roberto Burle Marx schon erkannt, als der Begriff niemandem etwas sagte. Der Sohn eines jüdischen Vaters aus Stuttgart und einer katholischen Brasilianerin gilt heute als Amerikas wichtigster Landschaftsarchitekt des 20. Jahrhunderts. Wobei vielleicht der entscheidende Moment seiner Karriere in Berlin stattfand: 1929 verbrachte der damals zwanzigjährige Kunststudent eineinhalb Jahre im Land seiner Vorfahren, zu denen tatsächlich auch Karl Marx zählt. Ausgerechnet in Dahlem, im Tropenhaus des Botanischen Gartens, entdeckte Roberto die Flora Brasiliens. Viele lateinamerikanische Künstler haben wie er die eigene Identität in Europa zu finden versucht: Gabriel García Márquez entdeckte Lateinamerika und seine Bewohner in Paris, und „Maismenschen“ von Miguel Ángel Asturias wäre vielleicht nie geschrieben worden, wäre der guatemaltekische Nobelpreisträger nicht an der Sorbonne in ethnologischen Vorlesungen gewesen.

          Mit dem Cadillac durch die Drehtür

          Burle Marx wurde später bekannt dafür, dass er den Dschungel in seine Bestandteile zerlegt, sie sortiert, ordnet und in geschwungener Form wieder zum Blühen bringt; seine Arbeiten sind oft Erinnerungen an die verschlungenen, bunten Formen des Urwalds; selten konnte er aber die Reste eines echten Urwalds in seine Gartenkunstwerke mit einspeisen. Die Waldfläche des heute 100 000 Quadratmeter großen privaten Parks im Süden São Paulos war Mitte des 20. Jahrhunderts noch viermal so groß. Das Terrain gehörte Francisco Pignatari, Spross des italienischen Matarazzo-Clans, über den der „Spiegel“ 1959 schrieb: „Francisco Pignatari, trotz seiner 41 Jahre von allen seinen Freunden ,Baby‘ genannt, liebt die Frauen und die Frauen lieben ihn. Er ist reich (Jahreseinkommen: netto 2 Millionen Dollar), gutaussehend (Größe: 187 cm, Gewicht: 166 Pfund) und extravagant – seinen letzten Cadillac demolierte er bei dem Versuch, durch die Drehtür einer Bar zu fahren.“

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