https://www.faz.net/-gxh-a2mw1

Südtirol : Wie viele Helden braucht ein Land?

  • -Aktualisiert am

Ein Held für was immer gerade ansteht: Andreas Hofers Geburtshaus auf einer Postkarte. Bild: Picture-Alliance

Sie werden verherrlicht oder verteufelt, auf Podeste gestellt oder gestürzt: Heldenfiguren lassen kaum jemanden kalt. In Südtirol legt ein kleines Museum die Schichten der Heldenverehrung frei und trifft so manchen neuralgischen Punkt. Das tut mitunter weh. Aber auch verdammt gut.

          5 Min.

          Der Held trägt Pantoffeln. Er ist müde. Die Züge hinter seinem mächtigen Bart sind milde geworden. Sein Blick geht fort vom Buch, das aufgeschlagen auf seinem Schoß liegt, hinaus ins Weite. Ob er träumt? Nostalgisch zurückblickt auf seine große Zeit?

          Die lebensgroße Holzskulptur stellt den Tiroler Freiheitskämpfer Andreas Hofer dar, wie es ihn nie gegeben hat: als Überlebenden. Als hätte sein tragisches Ende, die Erschießung in Mantua durch französische Soldaten im Februar 1810, nie stattgefunden. Der Hofer als alter Mann. Für manche Südtiroler ist die Darstellung ein Sakrileg. Und doch macht sie nur sichtbar, was alle Heldenbilder vereint: Sie verzerren. Projizieren. Übertünchen die Realität bis zur Unkenntlichkeit. Der Andreas Hofer, dessen Denkmal in Meran vor dem Bahnhof steht und dem noch immer jedes Jahr am 20. Februar mit Flaggenaufmarsch und Ehrensalven gehuldigt wird, ist ein anderes Kaliber. Breitbeinig steht er auf seinem viel zu hohen Sockel, das Schwert vor der Brust, wie es sich für Heroen gehört. Der Hofer, Urtyp des aufrechten Tirolers, kämpferisch, fromm und tragisch zugleich, nicht durch eigenes Versagen gescheitert, sondern durch feigen Verrat dem Feind ausgeliefert – und damit geradezu eine Verkörperung des Südtiroler Selbstbildes. Der Hofer, das unschuldige Opfer.

          Hüter des „Deutschtums“

          Lange gab es keine Gegenerzählung zu diesem Mythos – wie auch? Über Jahrzehnte wurde der Hofer in Südtirol gebraucht, für seine letzte, seine wichtigste Schlacht: als Hüter des „Deutschtums“ im Kampf gegen die erzwungene Italienisierung, die sich nicht zuletzt in Denkmälern und Straßennamen niederschlug. In Bozen errichteten die Faschisten 1928, quasi als Brückenkopf zum neuen, italienischen Stadtteil, ein protziges Monument der Vorherrschaft, inszenierten sich als diejenigen, die „den anderen“ Sprache, Künste, Recht und Ordnung brachten – koloniales Gehabe auf marmornen Beinen. Alle Versuche, das „Siegesdenkmal“ abzureißen, scheiterten. Den Vorstoß, den Platz, auf dem es steht, in „Friedensplatz“ umzubenennen, versenkte ein Referendum. Bozens Italiener wollten sich ihren Sieg worüber auch immer nicht nehmen lassen, auch nicht im Tausch gegen Frieden. Noch ein Fall für den Hofer, den ewig Verratenen.

          Alter Mann mit Pantoffeln: Dieser Andreas Hofer ist eine Fiktion.
          Alter Mann mit Pantoffeln: Dieser Andreas Hofer ist eine Fiktion. : Bild: Selma Mahlknecht

          Doch dann holte ausgerechnet das kleine Museum an seinem Geburtsort in St. Leonhard im Passeiertal den Hofer vom Sockel. Und steckte ihn in Filzpantoffeln. Im Zuge der Neugestaltung wurde ordentlich entrümpelt. Unter der Federführung von Josef Rohrer und Albert Pinggera wurden Devotionalien, Reliquien und künstlerische Darstellungen des berühmtesten Tiroler Vollbartes kontextualisiert und entzaubert. Und mit ihnen gleich der gesamte Komplex der Heldenverehrung überhaupt. So wird etwa das berühmte Gemälde von Albin Egger-Lienz, das ein Heer strammer Tiroler zeigt, dem der Kapuzinerpater Haspinger mit erhobenem Kreuz vorangeht, als dreidimensionale Holzskulptur vom Grödner Künstler Willy Verginer neu interpretiert. Mit Büchsen und Beilen ziehen sie gegen den Feind, die Mienen sind grimmig – und vor dem Schritt des Paters in den Raum hinein entspringt ein Hase, der vor der geballten Männermacht Reißaus nimmt. Er ist eine kleine ironische Ergänzung der Originaldarstellung, eine Fußnote, eine Irritation. Die hat im Passeirer Museum Methode.

          Gegen Bayern und die Pockenipfung

          Wofür oder wogegen kämpften die „Helden“ eigentlich? Zweihundert Jahre Mystifizierung haben die Gründe verschüttet, geblieben ist nur die diffuse Annahme einer dunklen Bedrohung. Auf Wendetafeln kann man die kulturgeschichtlichen Hintergründe buchstäblich aufdecken: Die bayrischen Reformen wie die Pockenimpfung, die Erhöhung der Steuerlast oder das Verbot religiöser Bräuche stießen auf wenig Gegenliebe in der ländlichen Bevölkerung. In den Städten sah es mitunter anders aus, und das Museum lässt eine Bozner Kaufmannstochter auftreten, die von einem moderneren, aufgeklärteren Tirol träumt. Dass weibliche Stimmen überhaupt zu Wort kommen, ist keine Selbstverständlichkeit. Heldenposen sind nach wie vor Männersache, die Rolle der Frau erschöpft sich in aufopfernder Hingabe. Sie hat höchstens das Zeug zur „Heldin des Alltags“ – auch diese stellt das Museum ins Scheinwerferlicht.

          Weitere Themen

          Über alle Berge

          Alpenjuwelen-Tour : Über alle Berge

          Eine Alpenüberquerung gehört zu den Abenteuern der Stunde. Die Pandemie hat den Trend noch beschleunigt. Spezialisierte Anbieter versprechen, dass das auch Anfängern gefahrlos und genussvoll gelingt. Ein Versuch.

          Topmeldungen

          Fahndungsfotos um 1971 von Mitgliedern der Baader-Meinhof Gruppe.

          Südlich von Hamburg : Waldarbeiter entdecken mögliches RAF-Depot

          Waldarbeiter haben in Niedersachsen einen ungewöhnlichen Fund gemacht: In einem vergrabenen Fass haben sie mutmaßliche RAF-Schriftstücke und andere verdächtige Gefäße entdeckt. Das Landeskriminalamt untersucht den Fund nun.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.