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Das Manhattan Polens : Schau mal, Warschau!

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Gut, vielleicht ist Krakau schöner. Aber in Warschau ist mehr los! Bild: Picture-Alliance

Es muss nicht immer Krakau sein: In der polnischen Hauptstadt passiert viel mehr – Hochhäuser polieren das rauhe Warschau im Zentrum auf, die Untergrundkultur zieht es auf die andere Seite der Weichsel, nach Praga.

          Nicht einmal zehn Minuten sind wir in Warschau. Und schon erwähnt jemand den Krieg. Das kleine Hotel ist originell eingerichtet, weiß und voller Metallteile aus Fabriken, aber ein Fenster klemmt. Das ist ärgerlich, denn es ist laut in Warschaus Zentrum. Unten auf der Piękna-Straße – vor ein paar Jahren noch grau und von alten Friseursalons dominiert – reihen sich inzwischen Cafés und Boutiquen aneinander. Die junge Dame vom Empfang rüttelt und schiebt, es nützt aber nichts, da sagt sie nur: „Das Haus ist aus den Fünfzigern. Wie alles hier. Unsere Stadt wurde ja zerstört.“ Und zwar von den deutschen Besatzern. Das muss sie nicht dazusagen.

          Vermutlich bildet man sich den Wink nur ein, natürlich sind hier alle viel zu freundlich und zu sehr mit ihrer atemberaubenden Modernisierung beschäftigt. Aber deutsche Augen sehen in dieser Stadt überall, was Deutsche hier angerichtet haben. Im Herbst 1944 brannten sie die Stadt zu vier Fünfteln nieder. Was heute „Altstadt“ heißt, ist eine Rekonstruktion, Mitte der Fünfziger fertiggestellt. Und das neue Zentrum, der Kulturpalast, ist ein Geschenk Stalins, ebenfalls 1955 eingeweiht.

          Zeitschriften voller Manhattan-Vergleiche

          Und genau dort, im Zentrum, blüht heute wieder die Metropole Warschau. Wer zehn Jahre nicht hier war, wird sie kaum wiedererkennen. Wer über die Innenstadt blickt, auf die neuen gläsernen Hochhäuser, sieht eine Stadt, die sich mehrmals, erst nach dem Krieg und dann noch einmal nach der Wende, neu erfinden musste. Warsaw Spire wurde vor zwei Jahren eingeweiht, der 220 Meter hohe Turm, der wie ein aufgespaltener Zahnstocher aussieht. Libeskind baute daneben ein kantiges Wohnhaus – das höchste in der Europäischen Union. Eine Wabenstruktur umspielt außerdem den Handelsturm wie ein Netz. Alles sieht aus, als bewerbe man sich als Drehort für den nächsten „Spider-Man“.

          Was heute „Altstadt“ heißt, ist eine Rekonstruktion, Mitte der Fünfziger fertiggestellt.

          Zwar gilt jeder siebte Pole als arm. Doch in der Hauptstadt wird die Wirtschaft des Landes angetrieben. Dreizehn neue Wolkenkratzer sind derzeit im Bau. Das Luxus-Modemagazin „Vogue“ hat gerade eine polnische Ausgabe gestartet. Die Zeitschriften sind voll mit Manhattan-Vergleichen.

          „Hier hat sich sehr viel verändert, es ist atemberaubend“, sagt Markus Rademacher. Der Deutsche eröffnete in Warschau vor zwanzig Jahren das „Między Nami Café“, das lange der wichtigste Treffpunkt von Szene und junger Filmprominenz war. Der Fotograf kam in die Stadt, weil er das Unfertige und Chaotische liebte. „Damals gab es nichts, das man Szene nennen könnte. Nur üble Kaschemmen. Heute wird um uns herum alles zugebaut“, sagt er und zeigt auf ganze Häuserblocks, die damals nicht dort standen. „Aber es geht uns gut. Man muss sich eben immer ein wenig anpassen hier.“

          Inzwischen vermietet er ein paar Apartments, die über seiner Bar liegen, für Urlauber, die Nachfrage ist groß. Rund 6,5 Millionen deutsche Touristen mit mindestens einer Übernachtung zählte das polnische Fremdenverkehrsamt im Jahr 2016. Doch die meisten zieht es ins hübsche Krakau. Die Hauptstadt Warschau bleibt ein kaum bekanntes Terrain. Und selbst wer da ist, sieht oft nicht alles. „Man kann drei Tage in Polen verbringen und die Weichsel nie sehen“, lautet ein Sprichwort, das Reiseleiter und Tour-Guides gern wiederholen. Und wirklich: Das derzeit so bunte Warschau liegt westlich des Flusses, der die Stadt in der Mitte teilt. Hier suchen die Nobelmarken dieser Welt nach Orten für gläserne Flagshipstores, hier wurde zuletzt das Hotel „Raffles Europejski Warsaw“ eröffnet, ein Prachtbau, in dem es einfache Zimmer für 250 Euro gibt. Der durchschnittliche Monatslohn in Polen liegt bei etwa tausend Euro.

          Das neue Zentrum mit dem Kulturpalast: ein Geschenk Stalins, im Jahr 1955 eingeweiht.

          Es gibt noch das alte Warschau. Aber nur drüben, östlich der Weichsel. Wieder hängt das mit der Geschichte zusammen: Auf jener Seite des Flusses wüteten die deutschen Truppen nicht. Der Stadtteil Praga blieb intakt. Lange war er das Arbeiterviertel, heute der Ort der Künstler, Bands und Bars.

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