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Lindley-Hotel in Frankfurt : Wohnst du noch oder teilst du schon?

Nachts wir das Haus wird zum leuchtenden Setzkasten. Bild: Franken Architekten

Im Frankfurter Osthafen hat ein Hotel eröffnet, das den Erfinder der Kanalisation in der Stadt ehrt und auch sonst ganz anders sein will. Wer hier einzieht, soll Gemeinschaft finden.

          3 Min.

          Wenn man geschäftlich oder als Tourist in eine Großstadt reist und keine Lust auf die Anonymität eines Hotels hat, kann man sich natürlich über Airbnb ein Zimmer in einer Wohngemeinschaft mieten. Oder man bucht sich ein Hotel, das vom klassischen Konzept des vollausgestatteten Zimmers mit Arbeitsplatz und Wannenbad Abstand genommen hat und den Gast als Teil einer Gemeinschaft begrüßen will. Wie so etwas aussieht, kann man beim Besuch des neuen „Lindley“ im Frankfurter Ostend erfahren.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          „Wir sind weder ein klassisches Hotel noch eine Wohngemeinschaft – und doch beides zugleich“, beschreibt Denise Omurca etwas verrätselt das Konzept. Gemeinsam mit Christian Velthuizen und Nils Jansen führt sie die Lindenberg-Gruppe, deren drittes Frankfurter Haus nun das „Lindley“ ist.

          Von außen ähnelt das Gebäude im industriell geprägten Ostend zunächst einem Monolithen mit großen Schuppen. Die Seitenfassaden sind mit mehr als zweitausend Elementen aus Gusseisen verkleidet, eine Anspielung auf den Namensgeber der Lindleystraße, in der das Gebäude steht. William Lindley sorgte im neunzehnten Jahrhundert dafür, dass in Frankfurt die Kanalisation und ein System von Wasserleitungen aufgebaut wurden. Die Gusseisenfassade hat Ähnlichkeit mit den Deckeln dieses Frankfurter Kanalisationssystems, nur dass die Schuppen des Monolithen schöner geformt sind.

          Steht man frontal davor, lässt immer noch wenig auf ein Hotel schließen. Leicht verspiegelte, bodentiefe Fenster erlauben kleine Einblicke in die sechs Stockwerke. Von außen erinnert das am Abend an einen beleuchteten Setzkasten, dessen Zimmer mal nach Bar, mal nach Co-Working-Space in Berlin-Mitte aussehen. Von der Dachterrassen-Bar blickt ein Paar mit Cocktailgläsern in der Hand herunter, ein paar Stockwerke tiefer erkennt man große, von der Decke hängende Behälter mit Pflanzen, ein anderes Zimmer lässt eine Küche vermuten.

          Prinzip Setzkasten: das Hotel Lindley Lindenberg in Frankfurt.

          Die Lindenberg-Hotelgruppe hat sich seit 2012 dem sogenannten „Collaborative Living“ verschrieben. Ein Konzept, das mit dem Siegeszug der sogenannten Sharing Economy, also dem Gedanken, dass man weniger besitzen und mehr in einer Gemeinschaft teilen kann, zum architektonischen Trendthema wurde. Bereits 2005 baute der japanische Architekt Ryue Nishizawa in Tokio das „Moriyama House“, in dem er Räume verkleinerte und auf ihre wesentliche Funktion reduzierte. Weniger private Zimmer, mehr Platz für Orte, an denen sich mehrere Menschen treffen konnten wie Küche, Studier- oder Esszimmer.

          Munteres Zusammenleben

          Seit einigen Jahren hält dieses Konzept nicht nur auf dem Wohnungsmarkt der Großstädte von New York über London bis nach Hamburg Einzug. Auch Hotels haben sich die Idee genauer angesehen und zum Teil in ihre Konzepte integriert. So findet man selbst in einigen Hamburger Boutiquehotels keine Minibar mehr im Zimmer, dafür einen Selbstbedienungsservice mit Essen und Getränken an der Küche oder Bar.

          Das „Lindley“ geht noch einen Schritt weiter und bietet die Zimmer, die im klassischen „Collaborative Living“-Haus nur Langzeitgäste mieten, auch den Touristen und Geschäftsreisenden an, die nur ein paar Nächte in der Stadt sind. Die Zimmer sollen privater Rückzugsort sein. Sie sind entsprechend klein, aber der Platz ist optimal genutzt, wirkt durch offene Strukturen und raffinierte Raumteiler – halb Regal, halb Waschbecken und Handtuchhalter – jedoch nicht beengt. Für Alleinreisende ist das offene Bad ideal, Paare testen hier ihr Intimitätslevel.

          Im Aufzug der Geruch von Kleingeld

          Kissenbezüge und Föhnbeutel sind aus Textilien gefertigt, die von Frauen in Sierra Leone als Teil eines kleinen NGO-Programms genäht wurden. Die Karte, die darüber aufklärt, hängt neben dem Spiegel. Viele Materialien, die das Frankfurter Studio Aberja für die Inneneinrichtung der Zimmer verwendet hat, finden sich im ganzen Haus wieder. Da sind die Vintage-Thonetstühle mit Wiener Geflecht, die e15-Tische und immer wieder Kupferelemente, bis hin zum Fahrstuhl, der komplett mit einer Kupferschicht überzogen ist und nach Kleingeld riecht.

          Mit dem kann man bequem die verschiedenen Etagen ansteuern, über die sich die Gemeinschaftsräume verteilen, die alle jeweils ein eigenes Farbkonzept haben. In einer mit dicken erdfarbenen Kissen dekorierten Lounge hängen Behälter mit dickfleischigen Pflanzen von der Decke, in einem wohnzimmerhaften Salon dominiert ein gelber Kachelofen den Raum, im minimalistischen Co-Working-Büro leuchten Kupferlampen auf quadratische Holztische und pfirsichfarbene Bürosessel, und in der rosafarbenen Gemeinschaftsküche finden sich allerlei Gerichte, die man nur in einem der Kupfertöpfe, die über den Herdplatten hängen, erwärmen müsste.

          Wer keine Lust hat, am Herd zu stehen, nimmt den Kupferfahrstuhl ins Erdgeschoss. Dort befindet sich hinter der Rezeption das Restaurant „Leuchtendroter“, ein Ableger des mit einem Michelin-Stern ausgezeichneten „Seven Swans“. Die Küche ist ausschließlich vegetarisch, die Zutaten alle lokal und von der Misosuppe bis zum Sauerteigbrot selbst hergestellt. Die Portionen auf der Karte sind klein und ähneln Tapas, erklärt die Bedienung, und legt den Gästen dann noch einmal mit Übereifer das Konzept des „Collaborative Living“ nahe: „Sharing is caring, sag ich mal.“

          Langzeitübernachten

          Das Lindley Lindenberg liegt in der Lindleystraße 17 in Frankfurt. Die Übernachtung im Lindley kostet ab 89 Euro. Die Monatsmiete inklusive aller Services wie der Nutzung der hauseigenen Fitnessräume kostet ab 1299 Euro. Im Internet: www.das-lindenberg.de

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