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: Das Land der schönsten Wirklichkeiten

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Aber die Deutschen und Monaco sind sowieso ein Kapitel für sich. Der Vorwurf, Monaco sei unseriös und überteuert, ist bis heute zu hören. Immer wieder sieht man unschlüssige deutsche Reisende von der dreihundert Meter höher gelegenen Corniche moyenne hinunter auf diese schillernde Metropolis der Reichen und der Schönen aus den Klatschspalten starren, die so lockend wie drohend ihre barock verzierten Hochhausfinger himmelwärts aus dem Meer reckt. "Soll ich mich wirklich durch alle Serpentinen und Tunnels in dieses überlaufene und eigentlich ja ziemlich halbseidene Monte Carlo hinabquälen", fragen sich in diesem Moment deutsche Liebhaber der restlichen Cote d'Azur, "wo man am Ende doch nur geneppt wird?" Und dann verweigern sich die Weltmeister im Reisen, die in Dubai in viel teureren Hotels, etwa im Burj al Arab, sogar den Löwenanteil der Klientel stellen.

Vielleicht wegen eines vermuteten Mangels an seelischer Tiefe, rätselt man in Monaco, liebten die Deutschen das Fürstentum nicht. Als im Jahr 1956 der regierende Fürst Rainier III Hitchcocks Lieblingsschauspielerin Grace Kelly heiratete, war das noch ganz anders. Da steuerte nicht nur eine Firma aus Wuppertal-Ronsdorf das Feuerwerk bei, der Korrespondent einer konservativen Zeitung aus Frankfurt geriet auch derart in Begeisterung, daß er Grace Kellys Atlantiküberfahrt auf dem Dampfer "Constitution" mit der von Tristan und anderen Recken geleiteten Brautfahrt Isolde von Irlands zu ihrer Hochzeit mit König Marke verglich, ein eindeutig zur Hochkultur zählender Event.

Sich an veränderte Zeiten und Zeitgefühle anzupassen, darauf verstand sich das Fürstentum gleichwohl seit je. Monaco überlebte Pest und Französische Revolution, zwei Weltkriege und den Tod von Gracia Patricia. Vor dem Ersten Weltkrieg bediente es Kaiser und Prinzen, Klientel war der europäische Adel mitsamt seinem Troß. Nach 1918 waren die Magnaten Mitteleuropas ruiniert, die Großherzöge überlebten im Exil. Monaco brachte es fertig, neue Schichten Reiche für sich nutzbar zu machen. Nach dem Zweiten Weltkrieg gelang Rainier mit seiner Heirat die Erschließung des amerikanischen Marktes; als ihre Tochter Caroline in eine italienische Familie einheiratete, zog das eine entsprechende Clique aus Italien an. Nun aber ist auf diese Stammkunden kein Verlaß mehr. Es sind zu wenige, sie kommen nur im Sommer, sie haben Häuser und neue Ziele in der ganzen Welt. Und die Amerikaner, die in den besten Zeiten ein Viertel der Klientel ausmachten, stellen seit den Anschlägen in New York nur noch fünfzehn Prozent der Besucher. Sich auf Europa neu zu konzentrieren ist in jeder Hinsicht sinnvoll.

Für Außenstehende ist es ein ironisches Apercu, für Monegassen ein Anlaß geheimen Ärgers, daß sie bei Arbeitserlaubnis und Einreise, etwa nach England, den gleichen Status haben wie ein Flüchtling aus Afrika. Monegassen können nicht Bürger der Europäischen Union werden, solange ihre Staatsform der EU als vordemokratisch gilt. Dabei ist es gerade Monaco, das, weitgehend unbemerkt von der Welt, mit Optimismus und Qualitätsbewußtsein vormacht, wie das alte Europa auch die Zukunft gewinnt.

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