https://www.faz.net/-gxh-7qija

Berggorillas in Uganda : Tatort Entebbe oder Das große Affentheater

Was kann ich für Sie tun: das Oberhaupt der Familie Oruzogo im Bwindi-Regenwald Nationalpark. Bild: Freddy Langer

Idi Amin und Obote, Bürgerkriege und Kindersoldaten: Bis heute verfolgt Uganda seine düstere Vergangenheit. Doch wenn man erst einmal dort ist, reist man durch ein bezauberndes Land und schaut Tieren ins Angesicht, die es nirgendwo sonst gibt.

          14 Min.

          Es war unser erster Abend in Uganda, kaum mehr als ein, zwei Stunden waren wir überhaupt erst im Land, als Corne uns zum Viktoriasee fuhr. Zu einem schmalen Strand am Stadtrand von Entebbe, mit einer Handvoll Souvenirbuden entlang der Straße und einer Pizzeria, die ihre Tische und Stühle im Sand aufgestellt hatte. Eine junge Frau in einer Uniform mit solch bunten Streifen, als diene sie unter Sergeant Pepper, tastete uns mit einem Metalldetektor der Reihe nach ab, dann durften wir Platz nehmen.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Die Speisekarte glich der jeder Pizzeria überall auf der Welt, nur dass die Ananas der Pizza Hawaii vermutlich gleich um die Ecke gewachsen war und ganz sicher nie eine Dose von innen gesehen hatte. Zarte Wellen umschmeichelten den Küstensaum. Im Wasser standen Palmen, die Stämme so hoch wie die Säulen einer gotischen Kirche. Um uns herum wuchs allerlei exotisches Gestrüpp, und irgendwann schwamm ein kleiner Junge vorüber. Neugierig reckte er den Kopf aus dem Wasser. Er winkte uns zu. Wir winkten zurück. Dann schwamm er weiter. Mittlerweile war unser Bier gekommen: „Nile Special“. Mit einem goldenen Löwenkopf auf dem Etikett. Wir würden im Laufe der folgenden Tage noch etliche davon trinken.

          Und ein Mann war gekommen. Wie aus dem Nichts. Groß. Schlaksig. Schwarzes, krauses Haar. In kurzen Hosen und einem ärmellosen Hemd, barfuß. Auf der Schulter trug er einen riesigen Plastikeimer. Er bot uns Grashüpfer an. Aber Corne schickte ihn weg, bevor wir nur irgendetwas fragen konnten oder gar eine Portion bestellen. Die Tiere werden alt sein, sagte er. Zwei, vielleicht sogar drei Tage. Das wisse man bei diesen Händlern nie so genau. Da müsse man vorsichtig sein. Mit Grashüpfern sei nicht zu spaßen. Aber es war ja erst unser erster Abend.

          ***

          Es gibt noch andere Tiere in Uganda. Berggorillas zum Beispiel. Im Bwindi Impenetrable Rainforest im Südwesten des Landes. An der Grenze zu Kongo und nicht allzu weit von Ruanda entfernt. Ihretwegen waren wir nach Uganda gereist. Für manche Besucher ist die Begegnung schon fast so etwas wie ein spirituelles Erlebnis. Einmal, würde man uns später erzählen, hatte ein alter Mann sogar bei den Affen sterben wollen. Er hatte alles genau geplant und dem Führer eigens eine Bestätigung geschrieben, dass er auf eigenen Wunsch im Regenwald zurückgeblieben sei und dass sich nun sein größter Wunsch erfüllt habe. Er setzte sich auf den weichen Boden, ganz in die Nähe der Gorillafamilie, die sie gefunden hatten, und wollte keinen Schritt mehr tun. Aber das konnte der Führer natürlich nicht zulassen. Er hätte seinen Ruf verloren. Und seinen Beruf. Und man möchte sich nicht ausmalen, was im Regenwald mit dem alten, wehrlosen Mann geschehen wäre. Denn es kreucht und fleucht hier doch einiges mehr an Getier durch die Flora als nur die pflanzenfressenden Menschenaffen. Sogar Bergelefanten leben im Bwindi Regenwald. Und weil alles Zureden nichts half, nahm der Führer seinen Gast kurzerhand auf den Rücken und schleppte ihn Stunde um Stunde durch den kaum durchdringbaren Urwald zurück zur Rangerstation von Ruhija. Bis sie das Ziel erreicht hatten, war es stockfinstere Nacht.

          Wir erreichten die Station kurz nach Sonnenaufgang. Zwei Stunden hatten wir mit dem Geländewagen von Nkwenda aus gebraucht, einem kleinen Dorf am anderen Ende des Nationalparks, über eine schlammige Piste voller Schlaglöcher, die sich in langgestreckten Serpentinen die Höhenzüge des Regenwalds bis auf gut zweitausend Meter hinaufwindet. Es war eine Fahrt wie durch einen botanischen Garten. An den Baumstämmen wuchs dick Moos, von den Ästen baumelten Flechten wie lange Bärte, und von den Blättern tropfte der Morgentau, dass man meinte, ihn klatschen zu hören. Das Dickicht war erfüllt vom Schreien und Kreischen der Vögel. Und Zikaden schrillten mit unendlicher Ausdauer nur einen einzigen hohen Ton, dass man an diesem Beispiel jedem Nichtbetroffenen gut erklären konnte, was ein Tinnitus ist.

          Ein riesiger Klumpen Biomasse

          Nur dann und wann öffnete sich im frühen Dämmer der Blick durch den tiefgrünen Vorhang, dann sah man in den weiten Tälern silbern den Nebel aufsteigen, und manchmal krallten sich die adrett geschnittenen Büsche einer Teeplantage in die steilen Hänge, dann schälten sich auch zwei, drei Lehmhäuser aus dem Grün. Aber einerlei, wann oder wo wir anhielten und uns vergeblich darum bemühten, die verzaubernde Stimmung in ein Foto zu bannen, tauchten wie aus dem Erdboden Kinder neben dem Wagen auf. In Lumpen gehüllt, mit weit aufgerissenen Augen. „Reit, reit“, riefen sie. Sie wollten Kugelschreiber. Einmal fuhren wir an einem Mann vorbei, der an einer Leine ein Schwein spazieren führte. Und einmal kamen uns drei hochgewachsene Frauen entgegen, in bunte Tücher gehüllt, auf einnehmende Weise elegant. Vielleicht waren sie auf dem Weg zum Gottesdienst irgendwo weit entfernt in einer kleinen Siedlung. Es war Sonntag.

          Auch Afrika hat seine dramatische Bergwelt: das Rwenzori-Gebirge im Grenzland von Uganda und Kongo.

          Die Ranger warteten schon auf uns. Sie hatten die Oruzogo-Familie für uns ausgesucht. Eine Gruppe von dreiundzwanzig Berggorillas, die tags zuvor nahe der Straße gesehen worden war. Das klang einfach. Späher waren vorausgegangen, und über Funk ließen sie unseren Guide wissen, dass die Affen auf dem Weg nach oben seien. Dann warten wir doch am besten gleich am Parkplatz, scherzten wir. Aber es wurde doch ein wenig komplizierter. Wir stiegen zu ihnen hinab. Steil hinunter, durch dichtes Unterholz, dessen verschlungene Wurzeln sich um unsere Füße wickelten, an Bäumen vorüber, aus deren Stämmen dicke Dornen wuchsen, und gebückt unter Zweigen hindurch, die wie Hände nach uns griffen. Längst hatte sich das Grün der Botanik zu einem riesigen Klumpen Biomasse verdichtet.

          Äffchen purzeln von den Bäumen

          Gut achthundert Berggorillas leben vermutlich noch auf der Welt, knapp die Hälfte von ihnen streift durch die Wälder Ugandas. Von ihnen wiederum sind zehn Familien habituiert, wie man es nennt, wenn man Menschenaffen an den Besuch von Menschen gewöhnt hat. Das ist sehr aufwendig und dauert allemal zwei Jahre. Am Ende hat man erreicht, dass die Affen nicht mehr fortlaufen, wenn Besucher in ihr Revier einbrechen, sondern sich weiterhin mit dem beschäftigen, was sie auch sonst tun. Meistens liegen sie am Boden, zupfen Blätter von Zweigen und schieben sie sich in den Mund. Das war auch bei uns so.

          Knapp eine Stunde hatten wir gebraucht, bis wir nach schwer verständlichen Angaben über das Funkgerät und auf Zurufe mit halbherzig kopierten Tierlauten auf die beiden Fährtenleser trafen. Mit langen Macheten kamen sie uns entgegen, rasierten den Weg frei, und wir stolperten eine Zeitlang hinter ihnen her. Da deutete einer von ihnen in die Baumkronen, in denen sich eine Bande kleiner Äffchen im Klettern übte. Und ein paar Meter weiter saß groß und mächtig ein Silberrücken unter den Wedeln eines riesigen Farns und starrte ins Dickicht. Keiner tat mehr einen Schritt. Eine Stunde würden wir jetzt die Affen beobachten dürfen. Zuschauen, wie sie an Zweigen knabbern. Wie sie sich am Bauch kratzen. Und wie die Kleinen von den Bäumen purzeln, wenn sie die Stärke eines Astes unterschätzt hatten. Sie sind die Einzigen gewesen, die sich nennenswert bewegten. Die anderen lagen im Moos oder saßen faul am Steilhang, mit dem Rücken zu uns. Ein wenig machte es den Eindruck, als wüssten sie sehr genau, dass es Sonntag war. Als sich der Silberrücken einmal kurz schüttelte, sprangen tausend Mücken aufgeregt aus seinem Fell und bildeten eine schwarze Wolke um seinen Kopf.

          Menschenrechte für Menschenaffen?

          Bis auf sieben Meter darf man sich den Tieren nähern. Manchmal aber sind sie es, die diese Grenze überschreiten. Manchmal, so wird erzählt, berührten sie die Besucher sogar. Doch von Kontakt konnte bei uns nicht die Rede sein, wenn man von dem heranwachsenden Silberrücken einmal absieht, der unerwartet aus dem Unterholz hervorbrach und einen unserer Gruppe fast mit sich gerissen hätte. Aber dann fiel er auch so um, ohne dass der Affe nachgeholfen hatte. Vor Schreck.

          Unsere Verwandtschaft aus dem Dschungel: Berggorillas in Uganda.

          Dass die Menschenaffen unsere nächsten Verwandten sind, dass ihre DNA der unseren zu achtundneunzigeinhalb Prozent gleicht, hat in den vergangenen Jahren für ernsthafte Diskussionen darüber gesorgt, ob man ihnen Grundrechte zubilligen solle, die bisher den Menschen vorbehalten sind: das unantastbare Recht auf Leben, auf freie persönliche Entfaltung und auf körperliche Unversehrtheit. „Great Ape Project“ nennt sich diese Bewegung. Sie fordert, nicht Artenschützer, sondern die UN müssten sich der Affen annehmen und sie samt ihrem natürlichen Lebensraum so schützen, wie man es bei Naturvölkern macht. Und dann geht sie auch den letzten Schritt und regt an, dass Schimpansen und Bonobos als unsere Geschwister in die Gattung Homo aufgenommen werden sollten, als Homo troglodytes und Homo paniscus. Gorillas und Orang-Utans wären nach diesem evolutionären Stammbaum immerhin noch so etwas wie unsere Großcousins. Was diese Bewegung nicht fordert, ist ein Recht auf Bildung für Schimpansen oder das Wahlrecht für Gorillas, wie Spötter bisweilen behaupten. Im Übrigen ist es noch keine zwanzig Jahre her, dass die Pygmäen vom Stamm der Batwa, die ihr Dorf bis vor nicht allzu langer Zeit im Nationalpark hatten, nun aber umgesiedelt wurden, von den Bewohnern der Gegend als Affen betrachtet wurden.

          Zerstörungswerk aus purem Übermut

          Vielleicht ist eine Stunde zu kurz. Was hatte ich erwartet? Dass wir uns mit Handzeichen verständigen, höflich zunicken wenigstens. Oder dass ich in die eigene Vergangenheit blicke, in eine Art Urgrund der Seele - dass sich im dunklen Konterfei des Silberrückens, das sich als so undurchdringlich erwies wie der Regenwald, etwas über unsere Herkunft erfahren lässt, als bildeten Instinkt und Verstand darin eine Einheit. Aber die Affen schauten uns ja nicht einmal besonders interessiert an. Erst als die Stunde vorüber war und wir uns auf den Rückweg machten, drehten sie sich für einen Moment um. In ihrem Blick glaubte ich so etwas wie eine Einladung zu erkennen, gern einmal wieder vorbeizuschauen.

          In den Dörfern am Fuße der Berge hat man sich mit den Gorillas arrangiert. Sie kämen oft in die Siedlungen, erzählen einem die Menschen dort. Und jeder kennt die Gorillafamilien und deren Mitglieder mit Namen. Aber weil die Tiere aus lauter Übermut bisweilen ganze Plantagen zerstören, sind sie nicht bei allen Dorfbewohnern gern gesehen, und man versucht, sie mit Trommeln und Lärm zu vertreiben. Andererseits verdanken ihnen viele der Bewohner ihr Auskommen - durch den Tourismus. Viele arbeiten in Pensionen und Lodges oder begleiten als Träger und Führer die Ausflüge zu den Affen, Kunsthandwerker schnitzen Gorillafiguren, und die Waisenkinder im Ort erhalten Zeichenunterricht, damit sie kleine Affenbildchen malen können, die sie für einen Dollar das Stück verkaufen. Nachdem im Jahr 2000 ein Gorilla an den Folgen von Krätze gestorben ist, wurde in Buhoma ein Hospital errichtet, das sich um die Kranken in den Dörfern kümmert und das Hygieneregeln verbreitet, damit kein Affe mehr angesteckt wird. Schon ein Schnupfen kann für Gorillas tödlich sein. Erst die Gorillas, sagt ein Lebensmittelhändler in seinem sehr kleinen Geschäft mit seinem sehr spärlichen Angebot, hätten ein wenig Wohlstand in die Region gebracht. Dann kramt er Fotos hervor, die er selbst von den Affen gemacht hat. Als ein Gorilla auch auf einem zweiten Bild zu sehen ist, sagt er tatsächlich: „Same person.“ Dieselbe Person.

          Die schlimmsten Viren der Menschheit

          Von solch einem fast schon symbiotischen Nebeneinander von Mensch und Kreatur können jene, die sich um den Queen-Elisabeth-Nationalpark kümmern, nur träumen. Einige Autostunden nördlich des Bwindi-Regenwaldes, am Fuße des mehr als fünftausend Meter hohen, schneebedeckten Ruwenzori-Gebirges, folgen die Grenzen des Schutzgebietes einem der beiden Arme des ostafrikanischen Grabenbruchs. Das Landschaftsbild reicht von der offenen Grassavanne bis zum dichten Wald, von Sümpfen und Kratern bis zu tiefen Schluchten. Die Vielfalt der Pflanzen und Tiere ist schier unvorstellbar. Zweihundertfünfzig Baumarten, sechshundert Vogelarten, acht Primaten. Es ist keineswegs übertrieben, diesen Teil Afrikas als das große Laboratorium der Evolution zu bezeichnen. Hier beschloss vor Millionen von Jahren ein Affe, fortan aufrecht zu gehen; hier entwickeln sich aber auch bis heute Viren wie Hanta und Marburg, Ebola und HIV.

          Delikatessen aus dem Hochland: eine Kaffee-Plantage in Uganda.

          Von der Terrasse der Mweya Safari Lodge bietet sich ein Blick über die Ebene, als breite sich dort unten der Garten Eden aus. Im Wasser dösen Nilpferde, Büffel stehen im Schlamm, Krokodile liegen mit offenen Maul am Ufer, eine Pavianfamilie hüpft um einen Baum, ein Seeadler dreht seine Runden - und zwischen Bäumen und Büschen taucht unerwartet eine Elefantenherde auf. Aber die Zustände im Park sind alles andere als paradiesisch.

          Leichtes Spiel für Wilderer

          Als wir am frühen Morgen mit dem Geländewagen jenseits der Straßen und Lehmpisten durch die Weite der Savanne holpern, ist wenig davon zu sehen, dass sich die Tierwelt zwischenzeitlich von den großen Gemetzeln in den Nationalparks unter den Diktatoren Idi Amin und Obote ein wenig erholt hatte. Damals wurden Zehntausende von Tieren wegen der Trophäen geschossen, auch Tausende von Elefanten. Doch schon wieder muss man lange Ausschau halten, bevor die erste Antilope irgendwo im Grasland erscheint. Dass sich die Wildtierbehörde alle Mühe gibt, den Bewuchs zumindest entlang der Straßen durch regelmäßige Feuer niedrig zu halten, ist keine Hilfe; im Gegenteil. Auf die Weise, schimpfen die Tierschützer, wird es vor allem den Wilderern leichtgemacht, nachts unmittelbar neben den Pisten zu jagen und sich umso schneller aus dem Staub zu machen. Die Population der Antilopen soll sich in kürzester Zeit auf fünfzehntausend halbiert haben.

          Die Zahl fast aller Tiere im Queen-Elisabeth-Nationalpark geht zurück. Teils drastisch. Und das Problem ist zu komplex, um es mit ein paar Maßnahmen in den Griff zu bekommen. Der Raubtierforscher Ludwig Siefert, der den Park seit vierzig Jahren kennt und uns im Wagen begleitet, gibt sich alle Mühe zu verdeutlichen, mit welchen Verkettungen man es zu tun hat. Da ziehen Löwen ihre frisch geschlagene Beute in die Büsche, um aufdringlichen Touristen zu entkommen - und prompt geht die Zahl der Geier zurück, weil sie die Kadaver nicht mehr finden. Aber wegen des Klimawandels ziehen sich auch die Gletscher im Ruwenzori-Gebirge zurück, und es verbreitet sich die Malaria in größere Höhen.

          Die Löwen machen fette Beute

          Am Ende ist das größte Problem die Übersiedlung des Landes. Dreißigtausend Menschen leben im Nationalpark, und je angenehmer man ihnen das Leben mache, etwa mit Schulen und Kindergärten, desto größer sei der Zuzug. So stünden an den Grenzen mittlerweile siebzigtausend Menschen mit gepackten Koffern, sagt Siefert, um sich demnächst im Schutzgebiet niederzulassen. Ihre Herden dienen derweil den Löwen und Hyänen als Nachtmahl, was die Menschen mit ausgestreutem Gift beantworten. Da wäre es doch besser, schlägt Siefert vor, man ließe sie gleich Beutetiere züchten, Schweine, Böcke und was immer die Raubtiere fressen, und er hat auch schon einen Plan entwickelt bis hin zu kleinen Schlachthäusern. So aber gibt es von vierundfünfzig Hyänen im Jahr 2006 heute noch zwei. Und die Zahl der Löwen ist von neunzig im nördlichen Teil des Nationalparks in den Neunzigern auf neununddreißig im vorigen Jahr zurückgegangen. Nur zwanzig von ihnen sind geschlechtsreif, da liegt die Gefahr der Inzucht nah.

          Weil er elf dieser Tiere ein Band mit einem Sender um den Hals gelegt hat, ist es nicht schwer, sie zu finden. Mit einer großen Empfangsantenne tasten wir die Gegend ab und finden schon bald eine Mutter mit ihren Welpen und ein wenig später drei ausgewachsene Löwen, die es sich in den unteren Ästen eines Candelabra-Baums bequem gemacht haben. Dass sie in der vorangegangenen Nacht gute Beute gemacht haben, ist nicht zu übersehen. Ein Zentner Fleisch baumelt als dicker Klumpen in ihren Wänsten, sobald sie versuchen, auf alle viere zu kommen. Die meiste Zeit dösen sie. Mit offenen Augen. Sabber läuft ihnen aus dem Maul. Immerhin schauen sie uns bisweilen an.

          Keiner mag den König der Tiere

          Die Löwen, sagt Siefert, haben keine Fürsprecher. Die Elefantenherden würden wieder größer, von den Nilpferden mussten sogar schon etliche geschossen werden, weil sie das Tal leer fraßen, und die Gorillas werden sowieso mit allen Mitteln unterstützt. Sie sind die Zugpferde für den Tourismus in Uganda. Die Löwen aber mag niemand. Nicht einmal in den Andenkenläden spielen sie eine Rolle, während die anderen Tiere dort dutzend- und hundertfach aus Holz oder Speckstein geschnitzt in den Regalen stehen. Auch in Lokalen und Hotels dienen immer nur Affen und Elefanten als Dekoration.

          Wir haben nicht viele Häuser von innen gesehen. Kaum je sind wir einmal durch Dörfer und Ortschaften gelaufen. Vielmehr flog der afrikanische Alltag immer nur am Autofenster vorüber. In einem Fischerdorf allerdings waren wir spazieren, mitten im Nationalpark, trotzdem von den Touristen ganz offensichtlich nicht beachtet. Die Kinder kreischten vor Vergnügen, als wir unser Boot anlegten und die Uferböschung zum Dorf hinaufliefen, tanzten um uns herum und führten uns zum Brunnen, zu einem alten Mann, der sein Netz reparierte, und zu ihrer Schule am Ortsrand, wo in jedem Klassenraum eine Tafel an der Wand hängt, es aber sonst keinerlei Einrichtung gibt. Die Erwachsenen saßen vor ihren Häusern und staunten uns an. Dort, wo Türen und Fenster geöffnet waren, sah man primitive Möbel auf dem Lehmboden stehen. Die Wände waren beklebt mit bunten Zeitschriftenseiten. Als Herd dienten Feuerstellen aus Lehm, in denen zwei, drei Äste glimmten. Strom gibt es nicht. Wasser muss aus dem Brunnen geholt werden. Uganda hat die höchste Geburtenrate Afrikas. Zugleich zählt es zu den ärmsten Ländern des Kontinents. Fünfundsiebzig Prozent der Bevölkerung sind unter dreißig Jahre alt, fünfzig Prozent unter achtzehn.

          Afrikas Vorzeigeland

          Als wir an einem Abend mit drei Männern in einer Dorfschenke ins Gespräch kommen und nach ihrer Familie fragen, lachen sie laut auf und erzählen so fröhlich und leutselig von sich wie jeder in Uganda, mit dem wir uns unterhalten haben. Zwölf Kinder habe er, sagt einer von ihnen. Er sehe sie kaum und kenne auch nicht von allen den Namen. Wenn er am Abend aus der Bar nach Hause komme, schliefen sie schon. Und wenn sie morgens in die Schule gingen, schlafe er noch. Irgendwo unterwegs stand das Schild eines Grundschulchores mit der Aufschrift: „Wir sind es leid, Ziegen zu hüten. Wir wollen Bildung.“ Es ist abzusehen, dass es mit der Gelassenheit im Angesicht der Armut demnächst ein Ende haben wird.

          Längst prägt der Einfluss der westlichen Welt Ugandas Straßenbild. Gerade in den kleinen Ortschaften scheint jeder Erwachsene und jedes Kind in Hosen, Hemden und T-Shirts aus den Rotkreuzsammlungen gekleidet zu sein. Die Fassaden der Häuser sind übertüncht mit Werbung für amerikanische Erfrischungsgetränke und einen Hersteller von Wandfarbe. Und dort, wo in einem bescheidenen Friseursalon mit einem Stuhl und einem Spiegel auch ein Fernsehapparat steht und dazu ein halbes Dutzend Holzbänke, erklärt der Betreiber, dass sein Salon am Abend zum Kino werde. Dann holt er eine Schuhschachtel voller DVDs mit drittklassigen Actionfilmen aus einem Schrank, aus denen man sich die Vorstellung auswählen kann. Strom liefert ihm zurzeit ein kleiner Generator, weil das Wasserkraftwerk, das die GIZ unweit des Ortes errichtet hat, seit mehr als einem halben Jahr stillsteht. Das ändert freilich nichts daran, dass Uganda momentan als Vorzeigeland Afrikas gilt. Es ist eine solche Oase der Stabilität, dass die UN hier für ihre Missionen in Kenia und Sudan, in Kongo und Ruanda ihre Basislager errichtet haben.

          Slalomfahrt auf Schlaglochpisten

          Seit in Uganda Ölvorkommen entdeckt wurden, sind die Hoffnungen hoch, dass sich damit alle Probleme lösen ließen; übertrieben hoch vermutlich. Aber China hat bereits zahlreiche Straßen finanziert, um demnächst die Quellen anzuzapfen und eine Großindustrie zu errichten. Zugleich sitzen die Handwerker noch entlang der Straße auf dem Boden, reparieren die zum Transport für geradezu alles verwendeten Boda-Boda-Mopeds oder nähen den Kindern ihre Schuluniformen. Epochen prallen hier aufeinander. Und während in jedem Ort in einer kleinen Bude alle Geldgeschäfte samt Ein- und Auszahlungen über Handys abgewickelt werden können, deren Telefonnummern zugleich immer auch die Kontonummern der Besitzer sind, stehen zwei Meter weiter Marktfrauen mit ihrem bescheidenen Angebot von einem Dutzend Tomaten oder Kartoffeln, die sie auf Brettern kunstvoll zu Türmen aufgeschichtet haben, die dem Gesetz der Schwerkraft hohnsprechen. Und es transportiert ein Bauer mit dem Fahrrad seine Ernte zum Markt: zwei Stauden Matoke, die grünen Kochbananen. Die Straßen sind selten mehr als rote Lehmpisten, deren Schlaglöchern man im konstanten Slalom ausweichen muss und auf denen die Wagen bei Regen rutschen wie bei Glatteis. Auch gegessen wird auf der Straße. Vor allem Fritiertes aus einer großen Schüssel mit siedendem Fett. Das Hauptgericht heißt Rolex und wird an Buden in großen Buchstaben beworben - als Kurzform für: Rolled Eggs. Aber als wir einmal anhielten, um solch eine gerollte Scheibe Chapatta mit Ei zu bestellen, waren die Eier leider gerade ausgegangen.

          ***

          Es war unser letzter Abend in Uganda, in zwei, drei Stunden würden wir zum Flughafen fahren und nach Hause fliegen. Corne hatte uns zu einer Sports-Bar gefahren. Am Stadtrand von Entebbe, direkt an einer der Hauptverkehrsstraßen. Ein Mann in grauer Uniform wedelte am Eingang mit einem Metalldetektor, aber dann machte er nur eine lässige Handbewegung und ließ uns ohne Überprüfung Platz nehmen. In einer Halle waren Billardtische aufgestellt, und überall an den Wänden hingen große Fernseher. Selbst draußen wurden Fußballspiele, Tennisturniere und Formel-1-Rennen übertragen.

          Die Speisekarte glich der jeder Sportsbar überall auf der Welt. Mit einer Auswahl an Burgern und Steaks. Wir aber hatten unser eigenes Essen mitgebracht. In einer Plastiktüte, keine Stunde zuvor auf dem Markt gekauft: Grashüpfer. Frischer ging es nicht, und nicht einmal Corne hätte Bedenken äußern können: Die Tierchen fuchtelten ja sogar noch mit den Fühlern in der Luft herum. Sonst bewegte sich allerdings wenig in dem Plastikbeutel. Die Frauen auf dem Markt hatten den Grashüpfern die Flügel und Beine abgeknipst.

          Aisha nascht Heuschrecken

          Die Saison für Grashüpfer, lernten wir, dauert von Mai bis Juli. Die Jagd auf die Tiere ist einfach. Nachts werden die Metalldeckel großer Tonnen aufgeklappt und so angestrahlt, dass sie im Finstern leuchten. Hüpfen die Tiere auf das Licht zu, fallen sie automatisch in die Tonne. Säckeweise trägt man sie dann zum Markt, auf dem Frauen sie auseinandernehmen, wie anderswo auf der Welt Krabben gepult werden, nur dass die Tierchen dabei am Leben bleiben. Sie sind eine Spezialität. Und teuer. Sehr teuer. Auf dem ganzen Markt gab es unter Hunderten von Verkäufern und Verkäuferinnen nur fünf mit Grashüpfern im Angebot, den „Esenene“. Wie beliebt sie sind, merkten wir erst in der Sports-Bar, als Aisha, die junge Kellnerin, in immer kürzeren Abständen nach unseren Wünschen fragte - und jedes Mal mit einem charmanten Lächeln beherzt in unsere Schüssel griff.

          Aisha hatte uns mit in die Küche genommen, in der wir dem Koch die Tüte mit den Grashüpfern hinhielten. Sehr gut, sagte er und bedauerte es, dass sie nirgendwo auf der Speisekarte stünden. Über die Zubereitung, sagte er, gebe es unterschiedliche Meinungen. Fünfzig verschiedene Rezepte würde es geben, das hatten wir schon vorher gehört. Simon, der Koch, entschied sich für die puristische Variante: Die Tierchen werden für fünf Minuten in Salzwasser gegeben, anschließend brät man sie in einer Pfanne mit nur einem einzigen Tropfen Öl und ein wenig klein geschabter Zwiebel kross. Fertig. Von Knoblauch, scharfen Gewürzen oder anderen Varianten riet Simon ab. Wir vertrauten ihm. Als die kleinen Körper nicht länger honiggelb und pfefferminzgrün leuchteten, sondern geröstet braun, fast bronzen, reichte er sie uns auf einem Teller. Ihre Fühler hatten sich aufgelöst in nichts. Aber noch immer sah es so aus, als starrten sie uns aus ihren winzigen Knopfaugen an.

          Eine Prise Paprika

          Gebratene Grashüpfer sind keine Speise. Sie sind ein Snack. In einer Plastikdose halten sie einen Monat, erfuhren wir jetzt. Und wir stellten uns vor, wie man in Entebbe sonntagabends zum „Tatort“ Grashüpfer knabbert. Allerdings findet man sie nirgendwo abgepackt im Supermarkt. Man muss sie selbst braten. Oder seine Tüte zu Simon bringen.

          Am besten schmecken sie frisch aus der Pfanne. Wenn ihre Hitze noch ein wenig auf der Zunge bitzelt, wenn sie ein sanftes Raucharoma verbreiten und in dem Moment, sofern mich meine Erinnerung nicht trügt, eine Prise Paprika entweicht, sobald ihre Schale zart zwischen den Zähnen knackt. In meinem Notizbuch findet sich nur der knappe Eintrag: „Köstlich!“

          Wenig später saßen wir im Flugzeug - und ich war eingeschlafen, noch bevor die Maschine abgehoben hatte.

          Einmal Wildnis und zurück

          Anreise: Ihr Drehkreuz Addis Abeba fliegt die Ethiopian Airlines von einer Reihe europäischer Städte an, darunter Frankfurt und Wien. Samt Anschlussverbindung nach Entebbe kostet der Hin- und Rückflug ab 600 Euro (Ethiopian Airlines c/o Aviareps AG, Kaiserstraße 77, 60329 Frankfurt, Telefon: 069 / 770673052, E-Mail: reservationsET.Germany@aviareps.com, im Internet: www.ethiopianairlines.com).

          Besuch bei den Gorillas: Die Gorillafamilien dürfen nur mit Führer besucht werden. Pro Gruppe sind maximal acht Personen gestattet. Das Permit kostet für Besucher aus dem Ausland je nach Saison zwischen 350 und 600 Dollar. An Ort und Stelle bieten Träger an, den Rucksack zu tragen und im unwegsamen Gelände zu helfen. Für 300 Dollar kann man sich von ihnen sogar zu den Tieren und zurück tragen lassen.

          Pauschalarrangements: Rundreisen durch Uganda hat unter anderem Karibu Safaris im Angebot (Seestraße 40, 82229 Seefeld bei München, Tel.: 08152 / 395639-0, anfrage@karibu-safaris.de, www.karibu-uganda-safaris.de). Rundreisen kosten ab 2860 Euro zuzüglich Flug und Gorilla-Tracking. Individuell gestaltete Reiseangebote fertigt Premier Safaris aus Uganda (reservations@premiersafaris.com, www.premiersafaris.com).

          Literatur: „Uganda, Ruanda“ von Heiko Hooge; Iwanowski Verlag, 25,95 Euro. „Uganda, Ruanda - Reiseführer für individuelles Entdecken“ von Christoph Lübbert; Verlag Reise Know-How, 24,95 Euro.

          Die Reise wurde unterstützt von Ethiopian Airlines und der Hotelkette Marasa Africa, die nahe den meisten Nationalparks im Land Lodges betreibt.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Parteitag in Berlin : Die Wende der SPD

          Der Parteitag in Berlin ist ein historischer Bruch für die SPD. Sie verabschiedet sich endgültig von der „neoliberalen“ Schröder-Ära durch ein Programm für einen „neuen Sozialstaat“.

          Erfolgreich im Beruf : Verborgene Helden

          Mit Karriere verbinden wir Geld, Aufstieg und Ruhm. Erfolg und Erfüllung gibt es aber auch hinter den Kulissen. Fünf Beispiele für ein erfülltes Berufsleben.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.