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Qatar : Gelb ist das Kaninchen, rätselhaft der Wüstensohn

Unerfüllte Träume gibt es in Qatar nicht, höchstens eigenwillige Geschmacksgrenzen: mediterrane Stimmung in einem Einkaufszentrum in der Hauptstadt Doha. Bild: Andrea Diener

Qatar kennt keine Krise, schon gar keine finanzielle. Geld ist in diesem Muster-Emirat am Golf im Überfluss vorhanden und der Glaube an eine goldene Zukunft erst recht.

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          Egal, wann und von welcher Richtung aus man auf die stetig vor sich hin wuchernde Skyline von Doha schaut, irgendwo steht immer ein Schwellenlandasiate und putzt. Filipinos fischen in Dekorationswasserbecken nach Laub, das von einem der künstlich bewässerten Gewächse abgefallen sein könnte; Pakistaner polieren Glasscheiben, die in den neuen Bürohäusern den Blick freigeben auf andere neue Bürohäuser; Bangladescher feudeln Verkehrsinseln ab, über die niemand geht, denn jeder fährt hier in großen klimatisierten Landcruisern herum, mit Plastikschonern über den Sitzen wegen des Sandes und Brokatbezug auf dem Lenkrad wegen der Sonne. Und wenn es sich irgendwie vermeiden lässt, ist tagsüber überhaupt niemand unterwegs, wenn er nicht gerade einen dieser Schwellenlandasiatenjobs hat und irgendetwas bauen oder putzen muss. Da ist der Souk wie ausgestorben, und die Straßen sind leergefegt bei vierzig Grad im Schatten. Tagsüber ziehen sich die Qatarer in ihre festungsartigen Häuser zurück hinter dicke Mauern, die Sand, Sonne und andere Widrigkeiten fernhalten.

          Die einzige Aktivität, die die Hitze tagsüber zulässt, ist das Flanieren in brutalstmöglich herunterklimatisierten Shopping Malls wie dem pseudovenezianischen Villaggio mit seinen in sämtlichen Pastellschattierungen angemalten Kulissenstraßenzügen und dem künstlichen Kanal, auf dem asiatische Touristen auf Mietgondeln herumpaddeln und staunend fotografieren, als sei’s das Original. Gleich neben McDonald’s gibt es eine Schlittschuhbahn. Über allem spannt sich ein gemalter Trompe-l’oeil-Himmel mit freundlichen weißen Wattewölkchen, ein neutraler, jahreszeitenunabhängiger Himmel, wie auch die Vergnügungen im Villagio keine Saison kennen. Denn hier gibt es kein Wetter, nur Klimatechnik und ewig gleichbleibende, schweißvermeidende Kühle.

          Vom Supermarkt bis zur Armani-Boutique, von der nordamerikanischen Kosmetik bis zur französischen Spitzenunterwäsche bieten die Geschäfte alle Produkte des Westens, doch der feilgebotene Chic hinterlässt im Straßenbild keine Spuren. Die Herren tragen weiße wehende Gewänder, die Damen schwarze wehende Gewänder. Die wiederum gibt es nicht in der Mall, die gibt es im Souk, dem alteingesessenen Fachmarkt für Produkte des arabischen Binnenhandels.

          Putsch ist schöne Familientradition

          Man muss sich vorstellen, dass es auf diesem Landzipfel vor Saudi-Arabien bis vor einigen Jahrzehnten noch nicht viel gab außer Wüste. Qatar existiert als unabhängiger Staat seit 1971, davor hausten hier Fischer, Piraten, Perlentaucher und Beduinenstämme, die sich ständig gegenseitig bekriegten. Irgendwann griffen die Briten ein - wie üblich nicht aus reiner Nächstenliebe, sondern vor allem, um der ständigen Piratenüberfälle Herr zu werden - und stellten das Land unter ihr Protektorat. In den vierziger Jahren wurde Erdöl gefunden, in den siebziger Jahren Erdgas, seitdem geht es mit dem Emirat steil bergauf. Seit 1995 herrscht Scheich Hamad ibn Chalifa Al Thani, der an die Macht kam, weil er seinen Vater ohne viel Aufhebens vom Thron stürzte, als der gerade nichtsahnend in Genf weilte. Das ist kein Grund zur Besorgnis, das kommt bei den Al Thanis öfter vor. Bislang dreimal, die Herrschaft bleibt aber immer in der weitverzweigten Familie.

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