https://www.faz.net/-gxh-9xky1

Reisen und Corona : Wir wollen raus!

Jetzt erst recht: Touristen stehen für ein Foto vor der Sagrada Familia. Bild: dpa

Corona ist nicht das Ende des Reisens. Längst haben wir uns viel zu sehr an den Menschheitstraum der globalen Entdeckung ferner Ziele gewöhnt.

          5 Min.

          Werden wir nach Corona nie wieder so sorglos reisen können wie vor der Pandemie? Ist Corona ein Warnsignal, die letzte Mahnung, dass es so nicht weitergehen kann wie bisher? Zahlt die Menschheit jetzt den Preis für ihre exzessive Rastlosigkeit? Hat das Schicksal uns das Virus als Strafe für den Missbrauch unserer Freiheit gesandt? Müsste man diese Fragen am heutigen Tag apodiktisch beantworten, wäre die Versuchung groß, das Ende des grenzenlosen Reisens zu verkünden. Doch die Sache ist zu komplex und zu kompliziert für kategorische Antworten.

          Jakob Strobel y Serra

          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Corona ist eine Krise ohne Beispiel und trifft den Tourismus deshalb wie ein Faustschlag ins Gesicht, weil das Virus ein Gesetz bricht, das seit Jahrzehnten ewige Gültigkeit zu besitzen schien: Reisen ist heute so sicher wie noch nie in der Menschheitsgeschichte. Gefahren für Leib und Leben drohen nur in extremen Ausnahmefällen, und der Tod ist zum seltensten aller Reisegefährten geworden. Dutzende von Spezialveranstaltern haben sich sogar dem Geschäftsmodell des kalkulierten Risikos verschrieben, Hunderttausende fahren in die wildesten Gegenden des Planeten mit der guten Gewissheit, gesund wiederzukehren. Selbst die verwegensten Abenteuer kann man heute wagen, ohne seinen Jahresurlaub überziehen zu müssen. Und selbst wenn Gefahren für die eigene Gesundheit wider Erwarten eminent sind, kann man sich gegen sie wappnen, sei es mit Impfungen oder einer Malaria-Prophylaxe.

          Wer das glaubt, ist hysterisch

          Corona aber kommt aus heiterem Himmel, Corona kann überall zuschlagen und fordert überall seinen Tribut. Ein Hamburger Feuerwehrmann stirbt während seiner Ferien in Ägypten, deutsche Kreuzfahrer werden auf ihrem Schiff im Hafen von Yokohama unter Quarantäne gestellt, ein ganzes Hotel auf Teneriffa bleibt zwei Wochen lang abgeriegelt, der Besuch eines Bekannten, der vor kurzem in Mailand war, kann plötzlich zu einer ernsten Gefahr werden. Corona ist nicht mehr kalkulierbar, Corona entkommt man nicht. Das macht das Virus so verstörend.

          F.A.Z.-Newsletter „Coronavirus“

          Die ganze Welt spricht über das Coronavirus. Alle Nachrichten und Analysen über die Ausbreitung und Bekämpfung der Pandemie täglich in Ihrem E-Mail-Postfach.

          Bitte beachten Sie unsere Datenschutzhinweise.

          Genauso beunruhigend ist die Erkenntnis, dass Corona keine Reisekrankheit ist, kein heimtückisches Souvenir, das Touristen von ihren Fahrten in die Ferne mit nach Hause gebracht haben, es ist weder Malaria noch Dengue, weder Ebola noch Fleckfieber. Nicht wir sind zum Virus gefahren, das Virus ist zu uns gekommen. Bleibt zu Hause, dann bleibt ihr gesund: Diese Empfehlung als letzte Sicherheit ist zum Trugschluss geworden.

          Trotzdem verhängen immer mehr Staaten Einreiseverbote – nicht nur für Bewohner von Hochrisikogebieten, sondern auch pauschal für Bürger ganzer Länder und Kontinente. Doch es ist eine Illusion, das Virus auf diese drastische Weise aufhalten zu können, weil es längst in allen Ländern ist, und es widerspricht auch der Wahrscheinlichkeitsrechnung. Nicht jeder Chinese hat Corona, nicht alle Koreaner sind tickende Zeitbomben, und auch Europäer können gesund sein, was populistische Blender wie Donald Trump aber nicht interessiert. Derzeit sind weniger als 0,01 Prozent der Chinesen und der Deutschen infiziert, keine wirklich bedrohliche Zahl. Selbst bei mehreren hunderttausend Erkrankten weltweit ist in Relation zu acht Milliarden Erdenbürgern die Gefahr, dass eine Reisegruppe China, Spanien oder Deutschland ganze Länder verseucht, verschwindend gering. Wer das glaubt, ist hysterisch. Wer nichts mehr mit diesen Menschen zu tun haben will, ist ein Rassist.

          Nostalgie ist kein guter Ratgeber

          In jüngster Zeit sind die Klagen über den Tourismus als globale Plage und das Phänomen des „Overtourism“ als universale Zerstörungskraft immer lauter geworden. Jetzt aber bekommen wir eine Ahnung davon, wie die Welt ohne Tourismus aussieht – und die Klagen werden noch lauter. Denn der weltweite Fremdenverkehr bricht gerade zusammen, reißt dabei Tausende von Hotels, Restaurants und Incoming-Agenturen in den Abgrund, treibt Millionen von Menschen in den Ruin, kostet die Luftfahrtbranche und Reiseveranstalter Milliarden. Jeder, der über chinesische Besucherhorden oder amerikanische Kreuzfahrerheere schimpft, kann jetzt erleben, wie sehr wir sie brauchen, wie schmerzlich wir sie vermissen, wie schlecht unsere Geschäfte ohne sie laufen. Angesichts dieses Szenarios kann man nur hoffen, dass sich die Welt nicht dauerhaft das Reisen verbietet.

          Weitere Themen

          Geschäftsreisen in Corona-Zeiten Video-Seite öffnen

          Sonderflug nach China : Geschäftsreisen in Corona-Zeiten

          Normal ist nichts bei diesem Sonderflug von Frankfurt nach Peking, der Geschäftsleute nach China zurückbringen soll. 12 Stunden vor Abflug geht es zum Corona-Test. Und auch während der langen Reise wird bei den Passagieren ständig die Temperatur kontrolliert.

          Topmeldungen

          Eine Hilfsorganisation bietet in Homestead, Florida, kostenlose Coronatests für Bedürftige an.

          Arbeitslose Amerikaner : Ohne Krankenkasse durch die Pandemie

          Mehr als fünf Millionen Amerikaner haben in den ersten vier Monaten der Corona-Pandemie ihre Krankenversicherung verloren. In Texas oder Florida ist jeder Fünfte nicht versichert. Was passiert, wenn sie an Covid-19 erkranken?

          Kritik an Manchester City : Guardiola attackiert Klopp und Mourinho

          Manchester City erhält doch keine Europapokal-Sperre. Die Kritiker sind entsetzt ob des Urteils. Pep Guardiola geht prompt zur Gegenattacke über – und bekommt wohl ziemlich viel Geld für eine Transferoffensive.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.