https://www.faz.net/-gxh-9t0t7

Im Kinderhotel : Rutschen sind wichtiger als Luxus

  • -Aktualisiert am

So hat ein Nobellandhotel auszusehen: Das Sonnwies bei Brixen. Bild: Tim Wolff

Das Berghotel Sonnwies unweit der Südtiroler Stadt Brixen versucht, Familien- und Nobelunterkunft zugleich zu sein – eine große Herausforderung.

          6 Min.

          Sollte ich gleich in den Serpentinen zu schnell sein oder Ihnen schlecht werden, geben Sie bitte Bescheid“, kümmert sich der Taxifahrer, der uns vom Brixener Bahnhof in die Berge bringt. Das fängt ja schon außergewöhnlich an. Jedenfalls ist das eine mir fremde Arbeitsauffassung von Personentransporteuren bergiger Regionen. Ohne an Abgründen todesbegrüßend entlangzurasen, stellt sich für mich als Pauschalreise-Sozialisierten kein echtes Berghotelanfahrtsgefühl ein. Wer auf der Anreise nicht ein- oder zweimal sein Leben an sich hat vorbeiziehen sehen, hat es eigentlich nicht verdient, rundumversorgt über der Zivilisation zu thronen.

          Dachte ich bisher. Aber nun sind zwei Kleinkinder an Bord; von der langen Zugfahrt müde Kleinkinder, denen nach Kommunikation nicht zumute ist. Also muss ich die freundlichen Gefällt’s-euch-Fragen beantworten, die der achtsame Anton – oder war es ein Josef? Auf der Rückfahrt wird es jedenfalls ein Wolfgang sein – unablässig stellt. Und ich goutiere die Wetter- und Schneevorhersagen aufmerksam, obwohl meine Smalltalkfähigkeiten nach langen Zugfahrten eher denen meiner Kinder ähneln. Aber was macht man nicht alles für die Kleinen. „Hier sehen wir zum ersten Mal das Bergdorf Lüsen“, erklärt Reimund mit wohltemperierter, fremdenführerischer Stimme mit geübtem Fingerzeig auf eine gezuckerte Bergspitze. „Ja, so hat ein Bergdorf auszusehen!“, antworte ich deutlich zu herzhaft. Der Andi lacht auf und bricht abrupt wieder ab. Er scheint Sarkasmus zu vermuten, wo nur soziale Inkompetenz herrscht.

          Der Chef persönlich schiebt Schnee

          Die Augen der Stadtkinder werden von Kurve zu Kurve größer. Wir passieren Hotels und andere zu tourismusfunktionalen Stätten umgebaute Berghöfe und pragmatische Graubauten, dazwischen ein Plakat von rotbackigen Burschen, die den zweiten Platz in einem landwirtschaftlichen Wettstreit gewonnen haben. Oder etwas mit Wintersport? So haben jedenfalls Bergburschen auszusehen! Ob das Lüsener Hotel „Watscherhof“, das nun am Seitenfenster vorbeihuscht, auch ein kinderfreundliches ist? Wie ist es zu seinem Namen gekommen? Wurden einst hierher die Kinder der Region ferienverschickt, und man wollte schon im Namen deutlich machen, dass christliche Zucht und Ordnung herrscht? Es gibt kaum Läden, keine Apotheken, aber Autoservice und Bushaltestellen, an denen die Geister von Generationen verzweifelter Dorfjugend herumschweben. Hier kennt bestimmt jeder jeden. Noch ein Kurvengruß zum Busfahrer, und wir sind angekommen.

          Das Hotel Sonnwies schmiegt sich über dem Dorf in waldreiche, sanfte Berge, die in eine graue, aber nicht triste Wolkensuppe ragen. Mit einem prächtig hellhölzern balkonierten Haupthaus und einigen Nebenhäusern, in denen sich hochmoderne Appartements befinden oder kindgerechtes Anschauungsgetier aufbewahrt wird, ist nichts zu rustikal und doch alles so ländlich, wie es dem Wellness-Gedanken dient. So hat ein Nobellandhotel auszusehen. Der Chef persönlich schiebt mit Traktor und Schaufelaufsatz Schnee von den schmalen, steilen Straßen. Es geht, das merkt man sofort, familiär, säuberlich und nobel zu. Entsprechend ist der Parkplatz voll mit Geländewagen aus mindestens drei Ländern und man selbst als Zugfahrer ein Exot.

          Bitte das Zirbenholz nicht bemalen: Auch das Zimmer bemüht sich um einen Kompromiss aus Landhotel und Kita.

          Vor dem Rezeptionspult gibt es eine Treppe, damit auch Kinder bedient werden können. Eine Einladung, der selbst eine geschaffte Sechsjährige und ihr schlapper vierjähriger Bruder nicht widerstehen können. Nun stehen sie da, blicken die dezent trachtgewandeten Empfangsdamen an. „Na, hallo, wer seid ihr?“ Keine Antwort der Kinder. Keine Ungeduld auf der anderen Seite. „Kommt erst mal an. Darf ich euch alles zeigen?“ Es wird genickt. Man weiß, wie versprochen, mit den jungen Gästen umzugehen.

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Zurück nach Europa : Greta findet Mitsegel-Gelegenheit

          Um es noch rechtzeitig zur Weltklimakonferenz nach Madrid zu schaffen, muss Greta Thunberg bald in See stechen. Ein australisches Youtuber-Paar nimmt sie mit über den Atlantik. Außerdem sieht sie etwas Gutes an Donald Trump.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.