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Foto: Vila Galé

Ein königliches Vergnügen

Von CHRISTINE WOLLOWSKI
Foto: Vila Galé

20. Oktober 2021 · Ferien auf dem Reiterhof, und was für einem: Auf dem jahrhundertealten Gestüt „Alter Real“ im portugiesischen Alentejo hat nun ein Hotelbetrieb Einzug gehalten.

Die Damen lassen auf sich warten. Mehrere Dutzend Menschen stehen schwitzend in der Vormittagssonne, die Handykameras im Anschlag. Irgendwann sind aus der Ferne Glocken zu hören, Hufschlag nähert sich. Da kommen sie! Allerdings nicht so rasant wie erwartet. Die erste der kastanienbraunen Stuten schlendert überaus gemächlich. Die nachfolgenden Tiere haben es nicht eiliger. 


  • Nachmittags dürfen die Stuten hinaus auf die  weiten Weideflächen.
  • Bis sie sechs Monate alt sind, dürfen die Fohlen bei ihren Müttern aufwachsen.
  • Das Gestüt von Alter Real züchtet bevorzugt Lusitanos in Kastanienbraun. Anderorts werden auch weiße Tiere akzeptiert.
  • Wenn die Wiesen im Sommer trocken sind, werden die Tiere nicht mehr vom Weiden satt, es muss reichlich Heu zugefüttert werden.
  • Nachmittags dürfen die Stuten hinaus auf die weiten Weideflächen. Foto: Vila Galé
  • Bis sie sechs Monate alt sind, dürfen die Fohlen bei ihren Müttern aufwachsen. Foto: Vila Galé
  • Das Gestüt von Alter Real züchtet bevorzugt Lusitanos in Kastanienbraun. Anderorts werden auch weiße Tiere akzeptiert. Foto: Vila Galé
  • Wenn die Wiesen im Sommer trocken sind, werden die Tiere nicht mehr vom Weiden satt, es muss reichlich Heu zugefüttert werden. Foto: Vila Galé


Die an diesem Septembermorgen so lustlose Pferdeherde besteht aus reinrassigen Lusitanos, die zu den edelsten Pferden der Welt gehören. Die Rasse entstand vor fast 300 Jahren, weil der portugiesische König Dom João V seiner Frau imponieren wollte. Maria Anna stammte aus Österreich, ihr Mann wollte der Wiener Hofreitschule Konkurrenz machen. Da gab es nur einen Haken: Portugal besaß 1748 keine Dressurpferde. Kurzerhand gründete Dom João in den Hügeln des Alentejo beim Dorf Alter do Chão ein Gestüt und ließ dort aus iberischen Pferden und Berbern eine besonders nervenstarke und wendige Rasse züchten. Die Erfolge der Lusitanos beim Stierkampf, im Krieg und bei höchster Dressurkunst hat João V nicht mehr erlebt: Er starb 1750. 


Die Gebäude des Hotels Vila Galé in Alter Real liegen inmitten des 800 Hektar großen Gestütsgeländes.
Die Gebäude des Hotels Vila Galé in Alter Real liegen inmitten des 800 Hektar großen Gestütsgeländes. Foto: Vila Galé


Auf seinem königlichen Gestüt Alter Real, inzwischen in Staatseigentum, dreht sich bis heute alles um die edlen Pferde. Sieben Bereiter trainieren die talentiertesten für internationale Wettkämpfe. Eine Tierärztin plant mit ihnen und dem Verwalter, welcher Hengst mit welcher Stute den besten Nachwuchs verspricht. 

Im September hat die Sonne des Alentejo das Gras längst weizenblond gebleicht. Schwalben ziehen ihre Kreise, aber sie bringen keinen Regen. Sogar Korkeichen und Olivenbäume wirken wie eingestaubt, als Leonardo Pereira in der Morgendämmerung mit dem Pick-up seine Runde fährt. Kaum hat der 26-Jährige die Bremse gezogen, tänzeln übermütige Junghengste heran: Sie heben die Schweife und wölben ihre Hälse, als gelte es, einen Preisrichter zu beeindrucken. Dabei wollen sie nur an das Kraftfutter, das Leonardo mitbringt. 


Die Lusitano-Rasse vereint barocken Körperbau mit erstaunlicher Wendigkeit und großzügigem Charakter.
Die Lusitano-Rasse vereint barocken Körperbau mit erstaunlicher Wendigkeit und großzügigem Charakter. Foto: Vila Galé


Die Frechsten unter ihnen versuchen, die Futtersäcke gleich auf der Ladefläche aufzureißen. Der Pferdewirt verjagt sie mit Schnalzen, verteilt Futter zwischen den an der Krippe drängelnden Tieren und beobachtet aufmerksam, ob jemand Anzeichen von Krankheit zeigt. 20 Leute kümmern sich um die 300 Pferde und die 800 Hektar große Anlage. 

Bis zu 200 waren es zu Zeiten des Königs. Eigene Weinberge, Olivenhaine und ein großer Gemüsegarten lieferten Verpflegung. Auf den Wiesen tummelten sich Schweine, Kühe, Enten, Hühner und Gänse. Fast das ganze Dorf Alter do Chão stand in den Diensten des Königs – und des Gestüts.


  • Jede Stute hat ihren festen Platz im Stutenstall, den sie von allein aufsuchen: wer in der Rangordnung weiter oben steht, darf näher am Ausgang futtern.
  • Bei den für die hohe Schule bestimmten Tieren wird die Mähne akkurat gestutzt – sie darf nur zu einer Seite fallen.
  • In der Nähe ihrer Mütter kuscheln sich die Fohlen voller Urvertrauen ins Stroh.
  • Zuchtziel sind Fohlen, die in Aussehen, Dressurtalent und Charakter die besten Eigenschaften in sich vereinen.
  • Jede Stute hat ihren festen Platz im Stutenstall, den sie von allein aufsuchen: wer in der Rangordnung weiter oben steht, darf näher am Ausgang futtern. Foto: Vila Galé
  • Bei den für die hohe Schule bestimmten Tieren wird die Mähne akkurat gestutzt – sie darf nur zu einer Seite fallen. Foto: Vila Galé
  • In der Nähe ihrer Mütter kuscheln sich die Fohlen voller Urvertrauen ins Stroh. Foto: Vila Galé
  • Zuchtziel sind Fohlen, die in Aussehen, Dressurtalent und Charakter die besten Eigenschaften in sich vereinen. Foto: Vila Galé


„Mein Opa hat noch für König Carlos gearbeitet“, erzählt Ines Correia, als sie die Besucher in den Stutenstall führt. „Wenn der König da war, musste er im Pferdestall übernachten, um sofort zur Stelle zu sein.“ Nach Carlos’ Tod wurde die königliche Unterstützung knapper. Erst als das staatliche Landwirtschaftsunternehmen Companhia das Lezírias im Jahr 2013 die Verwaltung übernahm, stabilisierte sich die Finanzlage: Die Companhia bezuschusst den Betrieb bis heute, bald aber soll er sich selbst tragen. 

Damals waren die meisten Werkstätten bereits geschlossen. Einer der Letzten, der auszog, war Antonio Antunes, der Sattler. In seiner kleinen Werkstatt im Dorf zeigt er stolz seine handgefertigten Lederhalfter: „Sie halten ein Leben lang“, sagt er. „Früher hatte jede Stute ihr eigenes.“ Neben Sattel- und Zaumzeug näht der weißhaarige Mann mit den schmalen Händen heute Schlüsselanhänger, Souvenirs. Sie sind bei den Touristen beliebt, die neuerdings direkt auf dem Gelände des Gestüts Urlaub machen können. „Es gab hier zu viele ungenutzte Gebäude“, erklärt Antonio Pinto, Betriebsleiter von Alter Real, „deren Erhaltung war auf Dauer zu kostspielig.“ Als Lösung bot es sich an, Fremdnutzungen zu genehmigen. Zuerst kamen eine Pferdeklinik und eine Landwirtschaftsschule in leeren Gebäuden unter. Dann wurden das königliche Privathaus und einige Nebengebäude zur touristischen Nutzung ausgeschrieben. 2018 machte die Gruppe Vila Galé, die im Alentejo bereits zwei weitere Landhotels besaß, das Rennen.


  • Die Kutsche für Spazierfahrten ist den traditionellen Modellen nachempfunden – von denen einige im hauseigenen Museum zu sehen sind.
  • Catarina Braco Forte ist Bereiterin des Gestüts, die einzige Frau unter sechs männlichen Kollegen.
  • Täglich wird mit den wertvollen Pferden gearbeitet.
  • Auch Kinder können sich in Alter Real auf die edlen Pferde setzen – für eine sogenannte „Satteltaufe“.
  • Die Kutsche für Spazierfahrten ist den traditionellen Modellen nachempfunden – von denen einige im hauseigenen Museum zu sehen sind. Foto: Vila Galé
  • Catarina Braco Forte ist Bereiterin des Gestüts, die einzige Frau unter sechs männlichen Kollegen. Foto: Vila Galé
  • Täglich wird mit den wertvollen Pferden gearbeitet. Foto: Vila Galé
  • Auch Kinder können sich in Alter Real auf die edlen Pferde setzen – für eine sogenannte „Satteltaufe“. Foto: Vila Galé


Ein Jahr lang dauerten Umbau und Renovierung. Sie erforderten fast elf Millionen Euro und einigen Spürsinn. „Wir mussten zum Beispiel eine ganz spezielle Marmorsorte auftreiben, um beschädigte Teile auszuwechseln. Außerdem brauchten wir einen Restaurationsbetrieb für die antiken Möbel“, erinnert sich Catarina Fonseca, die Hoteldirektorin. 80 antike Möbelstücke wurden restauriert, 135 Olivenbäume gepflanzt und mehr als 1200 Kubikmeter Erdreich ausgehoben. Denkmalpfleger begleiteten den gesamten Umbau.

Jetzt defilieren im Innenhof nicht mehr die Junghengste bei den jährlichen Auktionen. Statt nach Pferdeschweiß duftet es dort nach Rosmarin und Lavendel, und im Pool planschen Familien. Doch die Lusitanos sind überall präsent. Zum Beispiel auf großformatigen Bildern in den Zimmern, im Restaurant und an der Rezeption. Historische Sättel gehören zur Dekoration, und manche Gäste wohnen sogar in ehemaligen Pferdeboxen, deren alte Türen neben den neuen an den Wänden prangen. Auch wer sich nie für Pferde interessiert hat, könnte in Alter Real auf den Geschmack kommen. Fast alle Gäste melden sich für die Führung durch die Stallungen mit Ines Correia an. Manche wagen sich auch selbst in den Sattel: zur Reitstunde oder Satteltaufe. Anfänger haben es leicht mit den Tieren im Barockformat. „Lusitanos haben ein gutes Herz“, sagt André Brás, einer der Bereiter: „Sie machen alles für dich.“


  • Dieser Teil des weitläufigen Gestüts ist den Hotelgästen vorbehalten.
  • Bäume und Grünanlagen müssen während der trockenen Sommermonate täglich gewässert werden – dazu wird innerhalb der Anlage aufbereitetes Nutzwasser verwendet.
  • Im heutigen Restaurantgebäude wurden früher Waren zu Großhandelspreisen an die Angestellten und ihre Familien verkauft.
  • Die Veranda des ehemaligen königlichen Privatgebäudes bietet einen Rundumausblick auf das Gelände.
  • Die meisten Zimmer sind mit großformatigen historischen Darstellungen dekoriert, die auch Informationen zu König oder Pferd liefern.
  • Dieser Teil des weitläufigen Gestüts ist den Hotelgästen vorbehalten. Foto: Vila Galé
  • Bäume und Grünanlagen müssen während der trockenen Sommermonate täglich gewässert werden – dazu wird innerhalb der Anlage aufbereitetes Nutzwasser verwendet. Foto: Vila Galé
  • Im heutigen Restaurantgebäude wurden früher Waren zu Großhandelspreisen an die Angestellten und ihre Familien verkauft. Foto: Vila Galé
  • Die Veranda des ehemaligen königlichen Privatgebäudes bietet einen Rundumausblick auf das Gelände. Foto: Vila Galé
  • Die meisten Zimmer sind mit großformatigen historischen Darstellungen dekoriert, die auch Informationen zu König oder Pferd liefern. Foto: Vila Galé


André reitet, solange er sich erinnern kann. Manchmal trainiert er bis zu elf Tiere am Tag. Der bisher größte Erfolg des 22-Jährigen: ein dritter Platz bei den portugiesischen Dressurmeisterschaften. Als er in die Halle einreitet, lugt sein Handy seitlich aus der Reithose. Es wird nicht herausfallen: André sitzt so ruhig, als bewege sich sein Pferd gar nicht. Dabei hebt der Hengst die Hufe so hoch, als tanze er Spitze. Erst im Schritt, dann im Trab – und dann auf der Stelle, im Takt zur Musik. Federleicht scheinen die Dressurübungen bei den beiden. Kraftvoll wölbt der Hengst seinen Hals, als er angaloppiert, mit dem rechten Huf zuerst, fliegend umgesprungen auf den linken, wieder auf den rechten, minutenlang immer im Wechsel. Pferd und Mensch verschmelzen in atemberaubender Konzentration.


André Brás ist vermutlich das größte Talent unter den jungen Bereitern: er stammt aus einer Pferdezüchterfamilie und ist praktisch im Sattel aufgewachsen.
André Brás ist vermutlich das größte Talent unter den jungen Bereitern: er stammt aus einer Pferdezüchterfamilie und ist praktisch im Sattel aufgewachsen. Foto: Vila Galé


Was für die Besucher eine willkommene Attraktion neben Weinprobe, Spa und Pool bleibt, ist für André Brás das Wichtigste im Leben. Von morgens bis abends dreht sich alles um die Lusitanos. Selbst nach Feierabend und mehr als sechs Stunden im Sattel mag er sich nicht trennen und sattelt ein Pferd für eine letzte Runde im Gelände. Im goldenen Abendlicht pickt ein Rebhuhn-Paar in einer Mulde nach Samen, ein Rudel Rehe versteckt sich hinter einer Korkeiche. Dazwischen tanzt André mit seinem Hengst Richtung Sonnenuntergang.


Foto: Vila Galé

Der Weg zum Königlichen Gestüt im Alentejo

Nach Lissabon fliegen
Ab Frankfurt: Lufthansa und Tap Air Portugal direkt
Ab Berlin: Tap und Ryanair direkt

Einreise
Entweder geimpft oder negativ getestet, eine elektronische Reiseanmeldung wird ebenfalls verlangt.

Alter Real
Alter Real Das ehemals königliche Gestüt Alter Real liegt knapp drei Fahrstunden nordöstlich von Lissabon und beherbergt seit Kurzem ein Hotel der Vila-Galé-Gruppe mit 77 Zimmern, zwei Pools und Restaurants. Doppelzimmer inkl. Frühstück ab 89 Euro ( vilagale.com/de)

Vila Galé bietet in Alter Real und zwei anderen Häusern in Portugal verschieden Reisearrangements für Reiter an.
Mehr unter: vilagale.com/media/2084488/vg-experiencias-equestre_2020_2021-en.pdf
Das Reitangebot wird auf individuelle Wünsche angepasst

Alles für Ross und Reiter
Insel der Schlangen


Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 20.10.2021 10:59 Uhr