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Danzig : Das steinerne Harz

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In der Brigittenkirche baut man einen Altar ganz aus Bernstein Bild: dapd

Meer davon: Die polnische Küstenstadt Danzig ist die Welthauptstadt des Bernsteins, die Altstadt ein Zentrum für Goldschmiede. Ein Streifzug durch Danzig.

          5 Min.

          Ein Sturm fegt über die Ostsee. Der Sandstrand ist menschenleer. Doch Zbigniew Strzelczyk, ein hochgewachsener Mann in hüfthohen Fischergummistiefeln, steht breitbeinig in der Brandung. In den Händen hält er einen langen Stab, an dessen Ende ein grobmaschiges Netz befestigt ist. Er fischt nach Bernstein.

          Das „Gold des Nordens“ liegt viele Meter tief in der Erde. Bei Sturm jedoch waschen die Wellen die bernsteinhaltigen Schichten aus und treiben kleine Brocken bis ans Ufer. Zur Freude der Kinder. Bei gutem Wetter suchen sie täglich nach goldgelben, rötlich-orangefarbenen und dunkelbraunen Bernsteinstücken im Sand. Große Klumpen aber sind zu schwer, um an die Küste gespült zu werden. Daher versuchen Männer wie Strzelczyk, sie mit ihren Käschern den Wogen zu entreißen.

          Der Bernsteinschnitzer wirkt unzufrieden. „Kein richtiger Bernsteinwind“, brüllt er gegen die Brandung. „Von dort drüben müsste er kommen!“ Er deutet Richtung Nordosten, wo die ergiebigsten Ablagerungen im Boden liegen. Schwimmen dunkle, verwitterte Holzstücke in den Wellen, so genanntes Sprockholz, dann sind auch die Mineraloide meist nicht weit. Vor ein paar Jahren hat ihm eine Welle einen Brocken, groß wie ein Kohlkopf, ins Netz gespült.

          „Jedes Stück ist anders“

          Doch Strzelczyk sichtet kein Sprockholz. Vergeblich wartet er, dass der Wind sich dreht. Schließlich macht er kehrt und watet ans Ufer. Er hatte auf einen Großfang gehofft. „Hat auch Vorteile“, sagt er, so bleibe wenigstens noch Zeit zum Frühstücken vor der Arbeit. „Man schmiedet Pläne“, sagt Strzelczyk. „Und das Leben ist, was stattdessen passiert.“

          Strzelczyk muss es wissen. Seit fast vier Jahrzehnten arbeitet der freundliche Mann mit den silbergrauen Haaren ausschließlich mit Bernstein. Wie kaum ein anderer kennt er die Besonderheiten des edlen wie tückischen Materials. „Jedes Stück ist anders“, sagt er. Manche Brocken haben die Struktur einer Zwiebel, in anderen entdeckt man eingeschlossene Insekten oder Eidechsen aus der Vorzeit, sie sind ein Vermögen wert. „Und wieder andere zerbrechen dir plötzlich zwischen den Fingern.“ In der Antike erklärten sich die Menschen die Entstehung von Bernstein so: Tag für Tag fuhr der Sonnengott Helios mit seinem vierspännigen Wagen übers Firmament. Doch als er seinem Sohn Phaethon einmal kurz die Zügel überreichte, raste der Wagen auf die Erde zu - und entfachte einen Weltenbrand. Zeus, der höchste der Götter, tötete Phaethon mit einem Blitz. Und als Phaetons Schwestern um ihn trauerten, geronnen ihre Tränen zu goldgelben Perlen.

          Bernstein: magische Substanz aus dem Meer
          Bernstein: magische Substanz aus dem Meer : Bild: Andreas Kasperski

          In Wirklichkeit ist Bernstein Harz von Nadelbäumen aus dem Tertiär, das sich im Lauf von Jahrmillionen verhärtete. Sein Ursprung war unblutig, die Geschichte der Passion der Menschheit für dieses Material hingegen häufig von Leid und Trauer geprägt: Der Deutsche Orden etwa, der die Danziger Bucht im frühen Mittelalter beherrschte, zwang seine Untertanen, für die ordenseigene Schatzkammer Bernstein zu sammeln. Wer sich widersetzte, wurde am Strand gehängt.

          Danziger Bernsteinkunst

          Das Bernsteinmuseum im ehemaligen Gefängnisturm in der historischen Altstadt steht am sogenannten „Königsweg“, einer Straße mit Kopfsteinpflaster, über die einst die Herrscher mit ihren Kutschen in die Stadt einfuhren. Schwerpunkt der Dauerausstellung ist das 15. bis 17. Jahrhundert, die „goldene Zeit“ der Danziger Bernsteinkunst, als Päpste, Könige, Zaren und Sultane aus aller Welt nach dem Material suchten. Gezeigt wird außerdem das Wiederaufleben der Bernsteinbegeisterung in jüngster Zeit, von der Künstler wie Strzelczyk profitieren.

          Der Bernsteinschnitzer hat sein Frühstück beendet. Bedächtig schließt er das Tor zu seiner Boutique auf, in einem schmalen, weiß getünchten Haus, direkt neben dem mittelalterlichen Krantor, dem Danziger Wahrzeichen. Mit Hilfe der Drehwinden dieses Stadttors montierten Werftarbeiter einst Schiffsmasten. Schon aus dieser Tradition schnitzt Strzelczyk neben Schmuck und Schachfiguren auch kleine Segelschiffe.

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