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Australien : Meine Nacht in Daly Waters

Daly Waters: Wo die Ampel immer auf rot steht Bild: Freddy Langer

Das Northern Territory ist groß und weit und leer. Doch dann taucht wie eine Oase ein Pub im Nirgendwo auf.

          Als wir Daly Waters erreichten, war die Sonne gerade untergegangen, und die Ampel im Ort stand auf Rot. Die erste Verkehrsampel seit Tagen. Vermutlich sogar die einzige überhaupt zwischen Darwin und Alice Springs, einer Strecke von immerhin fünfzehnhundert Kilometern. Am Straßenrand saßen vor einem Pub Grüppchen beieinander und aßen, tranken und plauderten, aber unterbrachen das jetzt und schauten gespannt zu uns herüber. Als wir den Wagen allmählich abbremsten, begannen sie zu kichern. Und noch bevor wir zum Stehen kamen, lachten sie los. Da begriffen wir, dass die Ampel am Pub von Daly Waters immer auf Rot steht. Der Wirt hat sie dort aufgebaut, damit die Besucher des Ortes genau vor seinem Haus anhalten.

          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Dabei machen das ohnedies die meisten. Denn aus viel mehr als dem Pub besteht die Ortschaft nicht, und auf den Karten von Australien sind solche Marktflecken wie dieser nur deshalb eingetragen, damit in den endlos großen Flächen einer erbarmungslosen Leere wenigstens hin und wieder ein Wort auftaucht, ein Name, der für alle, die im Hinterland unterwegs sind, zugleich ein Versprechen ist. Denn sie bedeuten: Ja, hier bekommst du Burger, Bier und Benzin. Und meistens auch ein Bett.

          Ein Bier oder zwei oder drei und so weiter

          Daly Waters hat zehn Einwohner. Die Hälfte davon arbeitet im Pub, in der Küche und dem angeschlossenen Motel. Die andere Hälfte reicht schwerlich aus, um als Kundschaft den Betrieb am Laufen zu halten. Aber weil in diesem Teil der Welt die Einkehrmöglichkeiten rar sind, biegen die meisten Reisenden, die auf dem Stuart Highway unterwegs sind, der einzigen Nord-Süd-Verbindung des Kontinents, auf die staubige Schotterpiste nach Daly Waters ab und kehren tagsüber auf einen Kaffee oder eine Cola ein – und abends auf ein Bier oder zwei oder drei und so weiter.

          Ja, hier bekommst du Burger, Bier und Benzin. Und meistens auch ein Bett.

          Und dann sitzt man in der lauen Nacht unter dem wogenden Blütenmeer einer Bougainvillea, bis Tony vom Tresen aus die letztmögliche Bestellung ausruft: „Last Orders“. Noch ein Bier also. Und dann gehen die meisten Gäste schlafen. In ihren Wohnmobilen, in Hütten rund um einen Parkplatz oder in die Container, die der Wirt hinter seinem Haus spartanisch, aber ausreichend für eine Nacht eingerichtet hat. Und ein paar wenige Gäste gehen mit rüber zu Mike, einem Rentner, der auf der anderen Straßenseite in einer Garage mit altem Werkzeug auf Steinsockeln, Sätteln auf Holzgestellen und einigen Texttafeln an der Wand eine Art Museum zur Geschichte der Region eingerichtet hat und darüber seine kleine Wohnung.

          An kurzen Hosen erkennt man die Touristen

          Wir hatten mit ihm den Abend über ein paar Partien Billard gespielt, was ihn daran erinnerte, dass er vor einiger Zeit in Katherine, drei Autostunden entfernt, für umgerechnet kaum mehr als zweihundert Euro einen Billardtisch samt Queues und Kugeln gekauft hat. In zwei Tagen werde er geliefert, sagte er, und er habe absolut keine Ahnung, wie man das Monstrum in seine kleine Wohnung bekommen solle. „But we’ll work it out.“

          Die einzige Sehenswürdigkeit: Der Baum von John McDouall Stuart.

          Dann hatten wir uns an einen Tisch gesetzt, und Mike erklärte, wie man die Einheimischen von den Touristen unterscheiden könne, nämlich durch die kurzen Hosen und die Flipflops. Beides würden Australier aus Angst vor Hautkrebs kaum noch tragen. Noch bis vor drei Jahren, setzte er die Plauderei fort, habe er für einen Wochenlohn von dreitausend Euro in einer Mine gearbeitet, und so ging das munter weiter, bis er sich mitten im Satz unterbrach, auf seinen Unterleib deutete und behauptete, dass er nur noch zwei Monate zu leben habe. Dann nickte er bedächtig mit dem Kopf und sagte mehr zu sich als zu uns, welch gute Entscheidung es gewesen sei, nach Daly Waters zu ziehen.

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