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Côte Vermeille : Die malenden Raubtiere von der Purpurküste

  • -Aktualisiert am

Picasso, Braque, Matisse, Maillol: Die Dichte an Großkünstlern war an der Côte Vermeille so hoch wie kaum irgendwo sonst in Europa. Bild: Rob Kieffer

Das gleißende Licht und der katalanische Lebensstil an der Côte Vermeille im Südwesten Frankreichs haben Künstler von Weltruhm beflügelt. Warum das so war, kann man bis heute zwischen Bergen und Buchten erleben.

          7 Min.

          An kaum einem anderen Ort sind sich Berge und Meer so nah wie in Collioure. Die Al­bères, die Ausläufer der Pyrenäen an der französischen Mittelmeerküste, scheinen mit ihren schroffen Felsgraten regelrecht in die schäumenden Wellen hineinzutauchen. Morgens kränzen meistens noch Nebelfetzen die Wehrkastelle ein, die hoch oben angelegt worden waren, um das bis zum Pyrenäenfrieden von 1659 zu Katalonien gehörende Hafen- und Fischerstädtchen gegen Invasoren und Piraten zu schützen. Doch dann bricht die Sonne mit solch einer Wucht durch, dass sich Collioure in eine einzige mediterrane Farbpalette verwandelt. Das Wasser, auf dem die traditionellen katalanischen Fischerboote schaukeln, schimmert tintenblau. Die bunten Fassaden und Fensterläden der schmalen Häuser an den Pflastergassen strahlen in Aprikosen­orange, Malvenviolett, Sonnenblumengelb und Olivengrün. Die mützenförmige Kuppel des Kirchturms von Notre-Dame-des-Anges, der früher auch als Leuchtturm diente, überragt in zartem Rosa die leuchtend roten Ziegeldächer.

          Nicht Formen färben, sondern Farben formen

          Als Henri Matisse 1905 zum ersten Mal nach Collioure kam und sich in der Pension von Madame Rosette einmietete, war er vom Farbenspiel des Ortes und der Côte Vermeille, der sich südlich von Perpignan bis an die spanische Grenze erstreckenden Purpurküste, wie hypnotisiert. Aus seiner Kindheit und Jugend in Nordfrankreich kannte er eher das Grau der Schlackenhalden und das Schwarz des Fabrikrauches. Bis dahin in den hellen, diffusen Tönen des Impressionismus malend, ließ er nun die Farben pur und großflächig knallen. „Malen heißt nicht Formen färben, sondern Farben formen“, umriss er seine neue ungestüme Technik. Um eine bessere Sicht auf das Treiben im Hafen zu haben, richtete er sein Atelier im zweiten Stockwerk eines Hauses an der Plage Port d’Avall ein. Von außen sieht man bis heute das Fenster mit den grünen Klappläden und der Eisenbalustrade, das einem der berühmtesten Ölgemälde des Künstlers den Namen gab: „La fenêtre ouverte à Collioure“ zeigt das geöffnete Fenster, durch das man die Fensterbank mit Blumentöpfen und weiter entfernt den Hafen mit Schiffen sieht, alles in fast schon psychedelischen Farben strahlend.

          Vorposten Kataloniens an der Küste der Provence: das königliche Schloss von Collioure.
          Vorposten Kataloniens an der Küste der Provence: das königliche Schloss von Collioure. : Bild: Picture Alliance

          Matisse animierte gleichgesinnte Künst­lerfreunde wie André Derain, Maurice de Vlaminck, Kees van Dongen und Raoul Dufy, gleichfalls nach Collioure zu kommen, um sich dem Farbenrausch hinzugeben. Derain war entzückt: „Da ist vor allem dieses Licht – ein blondes, goldgefärbtes Licht, das jeden Schatten ausradiert. Für mich hat eine verwirrende Arbeit begonnen, denn alles, was ich bisher gemalt habe, scheint mir beschränkt.“ Doch die ersten Kreationen der in das Farbenspiel der Côte Vermeille vernarrten Koloristen lösten auf dem Herbstsalon 1905 in Paris Kopfschütteln aus. Es seien die minderwertigen Arbeiten von „fauves“, von Raubtieren, ätzte ein degoutierter Kunstkritiker. Allen Schmährufen zum Trotz machte der neue Kunststil, dem man den Namen Fauvismus gab, schnell Karriere, obwohl er kurzlebig war und nur bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges dauerte.

          Die Zeche wird mit Kunstwerken beglichen

          Bedeutende Originalbilder aus dieser Epoche kann man in Collioure nicht sehen, sie wanderten aus in die renommiertesten Kunstsammlungen der Welt, nach New York ins Museum of Modern Art oder nach Sankt Petersburg in die Ermi­tage. Als Entschädigung hat man eine Ersatzschau unter freiem Himmel eingerichtet: Der Chemin du Fauvisme führt durch die Altstadtgassen mit ihren Souvenirboutiquen und entlang der mächtigen Schlossfestung, die den Königen von Mallorca als Sommerresidenz diente, über die Hafenpromenade mit ihren Caféterrassen bis zur Felseninsel mit der Kapelle Saint Vincent.

          Unterwegs kommt man an zwanzig großformatigen Reproduktionen von Gemälden der Fauvisten vorbei, jedes Mal genau an der Stelle, an der die Maler ihre Staffelei aufgestellt hatten. Kunstwerke aus anderen Epochen kann man hingegen in der Hostellerie Les Templiers sehen. An den Wänden rund um den Tresen, der einem hölzernen Schiffsbug gleicht, und in den Zimmern und Fluren des Hotels hängen Hunderte von Bildern, die die Besitzerfamilie Pous über vier Generationen gesammelt hat. Die Maler hatten die Werke als Geschenk oder Begleichung der Zeche dagelassen, im Gästebuch haben sich Picasso und Dalí mit neckischen Zeichnungen verewigt. Heute dreschen die Stammkunden Karten, anstatt Bilder zu malen, während aus der Küche der Geruch von gebratenen Knoblauchzehen und Peperoni dringt, mit denen Anchovis und Sardinen angerichtet werden; sie sorgten einst für den Reichtum des Städtchens.

          Heute geht das Leben in Colloiure einen ruhigeren Gang als zu den Zeiten, als Heerscharen feierwütiger Künstler den Ort bevölkerten.
          Heute geht das Leben in Colloiure einen ruhigeren Gang als zu den Zeiten, als Heerscharen feierwütiger Künstler den Ort bevölkerten. : Bild: Picture Alliance

          Claire Muchir, Direktorin des Museums für Moderne Kunst in Collioure, stört es wenig, dass sich kein Hauptwerk aus den Glanzzeiten des Fauvismus in ihrer Sammlung befindet. „Wir wollen zeigen, dass nicht nur die Fauvisten von Collioure geprägt wurden, sondern auch Künstler der nachfolgenden Generationen, die aus ganz Europa stammten.“ Vom 11. Juni bis zum 2. Oktober dieses Jahres findet mit Exponaten aus der eigenen Kollektion sowie Leihgaben aus großen Museen die Ausstellung „Collioure, Babylon der Kunst“ statt. Vom Jahrhundertanfang bis zum Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Côte Vermeille zum Refugium von Künstlern aller Couleur, die vor Krieg, politischer Verfolgung, Armut und Krankheit flüchteten. „Sie suchten das Licht, während sich der Himmel in Europa verdunkelte“, sagt Claire Muchir. Der schottische Architekt und Möbeldesigner Charles Rennie Mackintosh, finanziell ruiniert und gesundheitlich angeschlagen, zog nach Port-Vendres, um sich der Aquarellmalerei hinzugeben. Der Maler Otto Freundlich floh vor den Nazis, die ihn als „entarteten Künstler“ gebrandmarkt hatten, in das Dorf Saint-Martin-de-Fenouillet. Auch die Matisse-Schülerin Mathilde Vollmoeller und ihr ebenfalls malender Ehemann Hans Purrmann verschlug es während ihrer kriegsbedingten Odyssee an die Pyrenäenküste, an der sie Stillleben und Landschaften in kräftigen Farbkompositionen leuchten ließen.

          Arkadische Vorstellungen der Künstlerrebellen

          Viele Künstlernomaden suchten sich Céret als Zufluchtsort aus, das wegen seiner Kirschkulturen bekannte bäuerliche Städtchen im Hinterland. Pablo Picasso, der Spanien und dem Franco-Regime den Rücken gekehrt hatte, der Bildhauer Manuel Hugué oder die Maler Frank Burty Haviland und Georges Braque machten Céret von 1910 an zum „Mekka des Kubismus“. Paris und die Künstlersiedlung La Ruche in Montparnasse waren der Clique zu teuer, langweilig und elitär geworden. Zuerst wollten sie ihre Ateliers im pyrenäischen Kurort Amélie-les-Bains einrichten. Doch die Tuberkulosekranken und die auf den Trottoirs aufgestellten Näpfe, in die die siechen Patienten spuckten, wirkten nicht gerade inspirierend. Da entsprach Céret eher den arkadischen Vorstellungen der Künstlerrebellen. Die Pensionen und der Landwein waren billig, die Mädchen bezaubernd, die Stierkämpfe und katalanischen Tanzfeste feurig. Manche, wie Picasso, hielten sich nur einige Sommer in Céret auf, andere ihr ganzes Leben.

          Geniestreich, entstanden an der Côte Vermeille: Pablo Picasso malt einen Stierkampf.
          Geniestreich, entstanden an der Côte Vermeille: Pablo Picasso malt einen Stierkampf. : Bild: Rob Kieffer

          Die Werke, die die Kubisten hier schufen, kann man im Musée d’Art moderne besichtigen. Auf vielen Bildern ist Céret das Hauptmotiv. In den kantigen und kippenden Formen des Kubismus sind die maurisch wirkenden Häuser des Ortes dargestellt, die Teufelsbrücke, das Dominikanerkloster, die dunklen Kastanienwälder oder der schneebedeckte Gipfel des Canigou, des heiligen Berges der Katalanen. Als das Museum in den Fünfzigerjahren in der alten Gendarmerie eingerichtet wurde, hinterließ Picasso eine Schenkung von dreiundfünfzig seiner Arbeiten. Charakteristisch für den Maler, der in seiner Geburtsstadt Málaga mit acht Jahren die erste Corrida sah, sind dreißig Keramikteller mit Stieren, Toreros und Picadores in sonnenversengten Arenen. Das Museum mit seinen herausragenden Kollektionen ist gerade erst um einen neuen Trakt erweitert worden, der sich harmonisch in die Altstadt einfügt. Hier finden Wechselausstellungen statt, die katalanische oder dem Mittelmeer verbundene Künstler in den Mittelpunkt rücken. Noch bis zum 6. Juni werden riesige Kopfgebilde aus Draht, Gusseisen und Kunstharz des in Barcelona geborenen und lebenden Jaume Plensa gezeigt, eines der bedeutendsten spanischen Künstler unserer Zeit.

          Ikonisches Bild der fliegenden Taube

          Bei geführten Touren durch den historischen Stadtkern von Céret werden den Besuchern die Schauplätze des Wirkens der Kubisten gezeigt. In der Maison Delcros an der Rue des Évadés wohnte und arbeitete Picasso im ersten, Georges Braque im zweiten Stock. Als könnte man sie noch antreffen, stehen ihre Namen bis heute auf den Klingelschildern. In Scheunen und Schweineställen hauste anfangs der verfemte Chaïm Soutine, dem die Einwohner den Spottnamen „el pintre brut“, der schmutzige Maler, gaben, weil er die Pinsel an seinem Kittel abwischte. Zwischen 1919 und 1922 malte er in Céret im Alkoholdelirium mehr als zweihundert Werke, darunter die erste seiner sechs Konditor-Darstellungen. Ein Bild aus dieser Serie, „Le petit pâtissier“, wurde 2013 bei Christie’s für achtzehn Millionen Dollar versteigert. Man kommt am Grand Café vorbei, auf dessen Terrasse man abends die „passejada catalana“, das Sehen und Gesehenwerden auf dem von Platanen überschatteten Boulevard, beobachten kann. Bei einem Empfang der lokalen Kommunistensektion im Jahr 1953 malte Picasso spontan auf eine Papiertischdecke des Cafés das Motiv „La Sardane de la paix“, das in schwarzer Tusche den katalanischen Volkstanz mit einer drüber fliegenden Friedenstaube zeigt. Das mythische Bild ist im Musée d’Art moderne ausgestellt.

          Noch eine Inspirationsquelle: Die Côte Vermeille ist berühmt für den Süßwein Banyuls.
          Noch eine Inspirationsquelle: Die Côte Vermeille ist berühmt für den Süßwein Banyuls. : Bild: Picture Alliance

          In den katalanischen Traditionen verwurzelt war auch Aristide Maillol, dessen Wirkungsstätte sich nur zwölf Kilometer von der spanischen Grenze entfernt befindet. Im alten Fischerviertel von Banyuls-sur-Mer, dem Cap Doune mit seinen steilen Passagen und überbordenden Bougainvilleen, versteckt sich in einem verwilderten Garten die Maison rose. Hier wurde Maillol 1861 geboren, und hier verbrachte er fast jeden Herbst und Winter, während er vor der Som­merhitze in sein Domizil in Marly-le-Roi bei Paris floh. Nachdem er zuerst Zeichnungen, Grafiken und Wandteppiche geschaffen hatte, wandte er sich als Vierzigjähriger der Bildhauerei zu. Sieben monumentale Originalskulpturen in Bronze und Stein kann man an der Uferpromenade, im Hafen und beim Rathaus von Banyuls bestaunen. Alle stellen sinnliche Frauengestalten mit drallen Rundungen, üppigen Brüsten und muskulösem Torso dar. Sie haben entweder gar keine Arme oder strecken diese weit von sich, damit der Blick auf Hüften und Oberschenkel frei bleibt. Der Künstler bezeichnete seine Kreationen als „Lobgesänge auf die Weiblichkeit“.

          Lebensgroßer Frauenakt in nachdenklicher Pose

          Maillols einstiges Atelier befindet sich ein paar Kilometer weiter in Richtung Berge. Das einsame Landhaus beherbergt ein kleines Museum mit Arbeitsskizzen und kleineren Plastiken des Meisters der weiblichen Körperdarstellung. Dass es die Erinnerungsstätte gibt, ist der Nachlassverwalterin Dina Vierny zu verdanken. Als sie Maillols Lieblingsmodell und Muse wurde, war sie fünfzehn, er dreiundsiebzig. Das kleine Landgut war für Maillol ein Refugium, in dem er nicht nur in Ruhe arbeiten, sondern auch seine Depressionen kurieren konnte. Wenn der Wind durch die Zypressen, Feigenbäume und Korkeichen wehte, sei dies göttlich und mit Mozart zu vergleichen, sagte er verzückt. Der Bildhauer starb 1944 bei einem Autounfall. Im Garten ist er unter seiner Skulpturenikone „Méditerranée“ begraben, einem lebensgroßen Frauenakt in nachdenklicher Pose.

          Bild: F.A.Z.

          Aristide Maillols Eltern waren Winzer, und er selbst liebte den Wein und bewirtschaftete zeitlebens seine eigenen Rebengärten. Nur wenige Kilometer von seinem Atelier entfernt befindet sich die Domaine Berta-Maillol, das Weingut seiner Nachkommen. Der fünfundachtzig Jahre alte Winzerpatriarch Yvon Berta-Maillol ist ein Urgroßneffe des Bildhauers und sieht diesem mit seinem wachen Blick, grauen Rübezahlbart und der markanten Nase frappierend ähnlich. „Als ich noch ein Kind war, spielte ich in Maillols Atelier“, sagt der rüstige Winzer, um sich gleich dem Wein zuzuwenden und eine Flasche Banyuls zu entkorken. Es ist ein Vin doux naturel, ein natursüßer Wein, der auf kargen Schieferböden wächst, im Winter Frost und im Sommer brütender Hitze ausgesetzt ist. Die Weinberge sind so steil, dass man keine Maschinen einsetzen kann und die Trauben von Hand gepflückt werden müssen. Manche Weinberge rutschen direkt ins Meer, sodass man sie nur mit dem Boot erreichen kann. Der Banyuls ist ein kräftiger, nobler Aperitiv- und Dessertwein in Rot und Weiß, der hervorragend zu Foie gras oder Blauschimmelkäse passt. Es sei der beste Wein der Welt, soll Aristide Maillol geschwärmt haben. Und Winzererbe Yvon Berta-Maillol sagt augenzwinkernd, dass sein berühmter Urgroßonkel eben nicht nur ein Faible für dralle Damen gehabt habe, sondern auch für füllige Tropfen aus dem eigenen Wingert.

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