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Jazz an der Côte d’Azur : In den Wind geblasen

  • -Aktualisiert am

Wenn es Nacht wird über Juan-les-Pins, wird es hell auf der Bühne. Bild: Verena Fischer-Zernin

Ein Festival ganz ohne Berührungsängste: Jedes Jahr im Juli verwandelt sich der südfranzösische Badeort Juan-les-Pins in eine Oase des Jazz.

          Auch berühmten Künstlern kann es passieren, dass ihnen die Natur die Show stiehlt. Denn worauf soll das Publikum achten, wenn auf der Bühne ein Kobold über die Bühne tobt, zugleich aber die Äste von Schirmpinien eine Dämmerung in Pastelltönen über dem abendstillen Meer einrahmen? Egal wie, man verpasst das jeweils andere: entweder den jüngsten Einfall von Jamie Cullum, blutjunger Liebling der Jazzwelt, oder eine weitere Farbnuance, den allerletzten Lichtschimmer über den hauchzarten Umrissen des Gebirges L’Estérel jenseits von Cannes. Der innere Konflikt will sich gerade ins Philosophische ausweiten, da hebelt ihn eine Frauenstimme von der Tribüne aus: „Jamiiiiiieeeh!“ „Wir reden später, okay?“, antwortet er ins Mikro, als säße er ihr am Kneipentisch gegenüber. Gelächter im Publikum, das Kreischen bleibt. „Du klingst wie eine Wahnsinnige“, erwidert Cullum gelassen, „aber eine nette.“ Abermals Gelächter.

          Berührungsängste mit seinem Publikum kennt der Singer-Songwriter, Senkrechtstarter der Szene, nicht. „Kommt näher, ich brauche euch“, ermutigt er die Hörer, die Sitzreihen zu verlassen und sich um die Bühne zu scharen. Cullum ist unerschütterlich guter Laune. „Wenn Juan anfragt, kann man fast nicht ablehnen“, hat er am Nachmittag vor dem Auftritt gesagt. „Es kommen tolle Bands. Und man ist der Natur so nahe. Ich war den ganzen Morgen am Strand!“ Musik und Natur, die Summe aus beiden ergibt das Festival „Jazz à Juan“. Jeden Juli verwandelt sich der exklusive Ferienort Juan-les-Pins an der Côte d’Azur für gut eine Woche in eine Oase des Jazz, dieses Jahr wird es schon das sechsundfünfzigste Mal sein. Jeden Abend gibt es im Hauptprogramm auf der Pinède Gould ein Konzert mit zwei Acts. Aber auch tagsüber gehört das Städtchen den Pianisten, Saxophonisten und Sängern, den Brass Combos und Percussion-Ensembles. Melodiefetzen vom Soundcheck wehen herüber, Marching Bands ziehen durch die Straßen, die Passanten nehmen unwillkürlich den Takt des walking bass auf. Sogar die Autofahrer im Dauerstau, der zu einem anständigen Sommer an der Côte so unfehlbar dazugehört wie das Türkis des Wassers und die Megayachten in den alten Fischerhäfen, wirken ein wenig gelassener.

          Fußballtrikots und Flipflops unerwünscht

          Vom frühen Nachmittag an, wenn die Sonne beinahe senkrecht herunterbrennt, summt es förmlich unter den Pinien, denen der Ort seinen Namen verdankt und das Festival seinen Spielort. Pinède, das bedeutet Kiefernwald, und der Zusatz „Gould“ verdankt sich dem schwerreichen Amerikaner Frank Jay Gould, der das ehemalige Fischerdorf in den zwanziger Jahren zu einem der mondänsten Treffpunkte der französischen Riviera adelte. Er möbelte das heruntergekommene Casino auf, er machte das Hotel „Le Provençal“ zu einem Maßstab moderner Luxushotellerie: zweihundert Zimmer, jedes mit eigenem Bad - und sogar einem neuen Stück Seife für jeden Gast. Und er ließ einen Platz für die paar Bäume am Strand wieder herrichten, die von dem früheren ausgedehnten Pinienwald zwischen Cannes und Antibes noch übriggeblieben waren. In deren Schatten dreht sich heute ein Karussell, die winzige Bibliothek ist ausdrücklich „für alle“ da.

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