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Kreuzfahrt in Coronazeiten : Schiff sucht Parkplatz

  • -Aktualisiert am

Die neun Liegeplätze im Port of Miami sind voll belegt. Sie sind auch deshalb begehrt, weil der Hafen zunächst für 30 Tage die recht happigen Liegegebühren ausgesetzt hat. Bild: AFP

Nur wenige Kreuzfahrtschiffe sind noch unterwegs. Wo finden all die anderen Platz? Und wie geht es der Besatzung?

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          Zwei Wochen nach der Absage aller Kreuzfahrten suchen immer noch einige versprengte Schiffe nach offenen Häfen, um ihre Passagiere auszuschiffen und nach Hause zu fliegen. Währenddessen werden die Anker- und Liegeplätze für stillgelegte Kreuzfahrtschiffe knapp. Und die Crew sitzt zumeist auf den Schiffen fest.

          Eine vergleichbare Situation gab es vor der Coronavirus-Krise noch nie: Innerhalb weniger Tage ist die Kreuzfahrt nahezu zum Stillstand gekommen. Eine Branche, die typischerweise Monate bis Jahre im Voraus plant, ist konfrontiert mit Bedingungen, die sich willkürlich und binnen weniger Stunden mehrfach ändern. Zehntausende Passagiere mussten schnellstens nach Hause geflogen werden, während Meldungen über weitere Hafenschließungen, Flugstreichungen und rigide Reisebeschränkungen im Stundenrhythmus eintrafen.

          Mindestens 15 Schiffe sind auch jetzt noch mit Passagieren unterwegs. So fährt beispielsweise die Albatros von Singapur wochenlang direkt nach Bremerhaven. Auch die Queen Mary 2 hat noch Passagiere an Bord und ist auf dem Weg von Australien nach Southampton. Dramatisch ist die Situation auf der Artania geworden, die mit 831 Deutschen an Bord vor Fremantle in Australien vor Anker liegt. Einige Passagiere haben sich zuvor in Sydney mit Covid-19 angesteckt, so dass die eigentlich geplante 28-Tage-Seereise nach Hamburg unmöglich geworden ist. Trotz zunächst kriegerischer Rhetorik des Gouverneurs von Western Australia, niemanden an Land zu lassen, sollen die Passagiere an diesem Wochenende nach Hause fliegen dürfen.

          Taktieren um günstige Liegeplätze

          Urlauber sicher nach Hause zu bringen hat für die Reedereien Priorität. Doch kaum weniger komplex sind die Aufgaben, die sich danach stellen: Wohin mit den vorübergehend außer Dienst gestellten Schiffen? Und wie kommt die Crew mit der neuen Lage zurecht?

          Selbst große Kreuzfahrthäfen wie Miami, Fort Lauderdale, Dubai, Barcelona oder Civitavecchia haben zu wenig Liegeplätze, um alle Schiffe aufnehmen zu können – oder wollen es gar nicht. Es ist wie ein Schachspiel: Jede Reederei versucht vorauszuahnen, wann die Schiffe wieder in Dienst gehen könnten und wo genau sie dann gebraucht werden. Zugleich taktieren sie um sichere und möglichst kostengünstige Liegeplätze.

          Humanitäre Zwischennutzung - und  vielleicht ja auch ein Modell für Kreuzfahrtschiffe: Das italienische Fährunternehmen GNV hat die „Splendid“  in Genua in ein Krankenhaus umgewandelt, um die örtlichen Krankenhäuser im Kampf gegen das Coronavirus zu unterstützen. Ähnliches ist in den USA mit Kreuzfahrtschiffen geplant. Die Carnival-Gruppe hat Schiffe angeboten und Donald Trump begrüßte das.

          Besonders hoch ist die Kreuzfahrtschiffsdichte in Florida und auf den Bahamas. Denn die meisten Schiffe waren zur Wintersaison in der Karibik und haben sich jetzt erst einmal einen Platz in der Nähe gesucht. Besonders bei Freeport auf den Bahamas gibt es mehrere Ankerplätze, an denen jeweils zehn bis zwölf Schiffe in Sichtweite zueinander liegen. Die neun Liegeplätze im Port of Miami sind voll belegt. Sie sind auch deshalb begehrt, weil der Hafen zunächst für 30 Tage die recht happigen Liegegebühren ausgesetzt hat.

          Immer wieder darf ein anderes Schiff an die Pier, etwa um Proviant zu laden. Auch an den Ankerplätzen auf den Bahamas bewegt sich ständig etwas. Viele Reedereien laufen einmal wöchentlich ihre Privatinseln dort an, damit sich die Crew ein wenig die Beine an Land vertreten kann. Denn die ist an Bord, abgesehen von Telefonaten in die Heimat, derzeit von der Außenwelt isoliert.

          Wohin mit der Crew?

          Die Schiffe der großen deutschen Reedereien sind über die halbe Welt verteilt: TUI Cruises hat Schiffe auf den Kanaren, in der Karibik und auf dem Heimweg nach Europa. Aida hat Anker- oder Liegeplätze in Dubai und Kapstadt, auf den Kanaren, in der Karibik, im Mittelmeer, in Hamburg und Bremerhaven sowie einige Schiffe auf dem Weg nach Europa. Hapag-Lloyd Cruises behält die Europa 2 in Marseille. Die Europa ist auf dem Weg nach Barbados und bekommt dort Gesellschaft durch die Hanseatic Inspiration. Die Bremen liegt im neuseeländischen Auckland, und die Hanseatic Nature kommt nach Hamburg. Die Schiffe von Phoenix Reisen sind außer der Artania mit ihren Passagieren weiter auf dem langen Rückweg nach Deutschland.

          Die kniffeligste Aufgabe aber müssen die Reedereien bei der Schiffscrew lösen. Die meisten Schiffe sind frei von Covid-19-Infektionen und daher ein sehr sicherer Ort. Zugleich sorgt sich die Crew aber um ihre Familien, die teils in Ländern mit hohen Infektionsraten leben. Ohnehin ist ein Heimflug erst nach 14 Tagen Abschottung denkbar – sofern Heimflüge überhaupt möglich sind. In der Karibik gibt es dafür ausgerechnet in Kuba Hoffnung, wo sich die Behörden kooperativ zeigen. Sogar Covid-19-infizierte Passagiere des britischen Kreuzfahrtschiffs Braemar ließen sie ausschiffen und nach Hause fliegen.

          Andererseits ist es für die Reedereien nicht unbedingt sinnvoll, die Crew nach Hause zu fliegen, etwa auf die Philippinen oder nach Indonesien. Zum einen ist für den sicheren Schiffsbetrieb während der Kreuzfahrt-Pause auch ohne Passagiere eine Mindestcrewzahl vorgeschrieben. Zum anderen würde die Crew gebraucht, sollte in einigen Wochen der Kreuzfahrtbetrieb wieder anlaufen. Wann genau das sein wird, stehe zwar „in den Sternen“, wie es ein Brancheninsider formulierte. Aber würden die weltweiten Reisebeschränkungen es dann überhaupt zulassen, Hunderttausende von Crewmitgliedern zurück zu den Kreuzfahrtschiffen zu fliegen?

          Derweil halten sich Reedereien und Crew mit optimistischen Aktionen bei Laune. Die zehn bis zwölf Schiffe an einem Ankerplatz bei Freeport beispielsweise blasen jeden Abend gleichzeitig das Schiffshorn, reedereiübergreifend. Carnival-Schiffe lassen im Hafen von Miami abends die Kabinenbeleuchtung der Schiffe mit dem Schriftzug „We will be back“ aufleuchten.

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