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Unort des Jahres

Von CHRISTOPHER WARMUTH

25. April 2021 · Wenn die Quarantäne zum prägendsten Erlebnis der Reise wird: Elf Tage und zehn Nächte in einem Hotel in Bangkok.

Sich freiwillig zehn Tage in ein thailändisches Hotel in Quarantäne zu begeben fühlt sich so an, als warte man dieselbe Zeit an einer Haltestelle auf den Bus. Es ist der notwendige Teil einer Reise, um an einen einsamen Strand zu kommen, aber zum Selbstzweck würde sich das keiner antun. Wer zurzeit reisen will, muss leiden.

Zunächst erscheint alles erträglich: Thailand, Bangkok, aktuell konstant über dreißig Grad, vierzig Quadratmeter Studio mit Balkon und Poolblick, Klimaanlage, Kingsize-Bett mit ganz viel Tageslicht. Und das Unglaubliche: eine Corona-Sieben-Tage-Inzidenz von 10 in ganz Thailand, die einem die Möglichkeit schenkt, relativ bedenkenlos ein aus touristischer Sicht leergefegtes Paradies zu entdecken. Aber all diese Traumziele, die Aussicht auf Freiheit danach, die maximalen Möglichkeiten im begrenzten Raum, die Bemühungen, den Ort zu einem sinnhaften zu machen, bleiben vergebens: Eine Quarantäne wird nicht Teil des Urlaubs. Sie ist der Appendix des Flughafentransits - ein Zwischenstadium, ein Nicht-Ort.

Schon der Flug war bedrückend und einsam, ja geisterhaft. Achtunddreißig Menschen in einer Lufthansa-Maschine, die beinahe dreihundert fassen könnte. Auf dem direkten Weg von Frankfurt nach Bangkok ist es jedenfalls einfach, genügend Sicherheitsabstand einzuhalten. Der Service war eingeschränkt: nur einmaliger Kurzbesuch des Personals am Platz. Beim Essen gibt es nur eine Wahl, Nudeln mit geschmacklosem Tomatenhack. Hochprozentiger Alkohol konnte da nicht helfen, Spirituosen sind aktuell nicht vorgesehen, nur Bier und Wein.


Eine Stuhlparade erwartet einen am Flughafen, wo man die thailändisches Warteschlangenpraxis zur Dokumentenkontrolle absitzt.
Eine Stuhlparade erwartet einen am Flughafen, wo man die thailändisches Warteschlangenpraxis zur Dokumentenkontrolle absitzt.
Eine Stuhlparade erwartet einen am Flughafen, wo man die thailändisches Warteschlangenpraxis zur Dokumentenkontrolle absitzt.
Zweiklassentourismus: Damit dem Touristen nicht langweilig wird, darf er nach dem zweiten negativen Coronatest im Hotel für fünfundvierzig Minuten täglich von rechts nach links.
Zweiklassentourismus: Damit dem Touristen nicht langweilig wird, darf er nach dem zweiten negativen Coronatest im Hotel für fünfundvierzig Minuten täglich von rechts nach links.
Zweiklassentourismus: Damit dem Touristen nicht langweilig wird, darf er nach dem zweiten negativen Coronatest im Hotel für fünfundvierzig Minuten täglich von rechts nach links.
Willkommen im New Normal: Vierzig Quadratmeter sind die Heimat in der Übergangszeit bis zum finalen Eintritt ins leergefegte Paradies Thailand.
Willkommen im New Normal: Vierzig Quadratmeter sind die Heimat in der Übergangszeit bis zum finalen Eintritt ins leergefegte Paradies Thailand.
Willkommen im New Normal: Vierzig Quadratmeter sind die Heimat in der Übergangszeit bis zum finalen Eintritt ins leergefegte Paradies Thailand.


„Wir würden gerne mehr tun, aber gerade geht nicht mehr. Falls Sie später noch Hunger haben: Wir haben Kekse“, sagt die Flugbegleiterin entschuldigend. Man schreibe mit diesem Flug dennoch keine roten Zahlen, weil der Frachtraum bis oben hin voll sei, mit Lachs oder so. Das gleiche den Passagiermangel aus. „Und sind wir froh, dass wir überhaupt fliegen können!“ Auch hier gilt, was für die gesamte Reise gilt: Alles ist erträglich, weil man reisen darf.

Thailand hat strikte Auflagen für ausländische Touristen, wohl auch dank derer die Pandemie hier zunächst und bisher relativ gut im Griff ist. Die „Bangkok Post“, ein für Südostasien verhältnismäßig freies journalistisches Presseorgan, meldet täglich aktuelle Zahlen: 110 Todesfälle bei knapp unter 70 Millionen Einwohnern infolge der Pandemie und noch unter vierzigtausend infizierte Menschen – seit Beginn der Krise. In Relation sind diese Ziffern kaum zu setzen – Informationen über die Anzahl der landesweiten täglichen Tests sucht man vergebens. Aktuell schnellen die Zahlen in die Höhe, zwischen Februar und April dieses Jahres unterschritten sie konstant die einhundert bei täglichen Neuinfektionen, so liegen sie aktuell zwischen ein- und zweitausend. Die aktuelle Sieben-Tage-Inzidenz liegt damit bei über zehn. Aus europäischer Sicht trotz exponentiellen Wachstums noch immer eine erstrebenswerte Zahl.


Burger mit Pommes, scharf, Obst und Plastik.
Burger mit Pommes, scharf, Obst und Plastik.


Thailand ist bereits pandemieerfahren (Vogelgrippe), generell sind die Menschen maskenaffin, die Luftfeuchtigkeit ist hoch, die Temperatur ganzjährig warm bis heiß, und die Bevölkerung hält sich relativ bereitwillig an die Regeln. Und auch die konsequente Abschottung ist Teil des Erfolgs. Bis Anfang November 2020 waren die Grenzen für Touristen komplett geschlossen, dann war die Einreise mit Touristen-Visa möglich, später mit Special Tourist Visa und seit Mitte Dezember auch wieder visafrei bei einem Aufenthalt bis zu 30 Tagen. Aber: 14 Tage Quarantäne sind obligatorisch, seit 1. April auf 10 Tage verkürzt und auch für bereits Geimpfte auf sieben Tage festgelegt. Das alles lohnt sich nur für längere Aufenthalte, je nachdem wie stark der individuelle Reisewunsch den Ausblick auf zehn Tage Stillstand aufzuwiegen vermag.


Sandwich mit Pommes, Salat, scharf, Obst und Plastik.
Sandwich mit Pommes, Salat, scharf, Obst und Plastik.


Zu den üblichen Reiseunterlagen – Visaantrag, Reisepass, Passfoto, persönliches Erscheinen – benötigt man einen Nachweis einer Reiseversicherung, die ausdrücklich im Falle einer Corona-Erkrankung mindestens 100 000 US-Dollar abdeckt. Alles beisammen, wartet man nur noch auf seinen persönlichen Botschaftstermin, entweder in Hamburg, Berlin, Stuttgart oder München. Im ungünstigsten Fall, wenn nämlich in der Botschaft ein Angestellter an Corona erkrankt und sich alle Termine drei Wochen verschieben, nimmt man eine innerdeutsche Reise von Berlin nach Stuttgart in Kauf, denn der Rest des Antragsprozesses duldet keine drei Wochen Aufschub. Alle Unterlagen bündeln sich im „Certificate of Entry“, in der online zu beantragenden Einreisebestätigung. In einem Zweistufenprozess müssen alle Dokumente hochgeladen werden, nachdem alle persönlichen und reisebezogenen Informationen samt Reisepass, Versicherungsnachweis eingereicht wurden, erhält man eine Zulassung zu Schritt zwei: Flugdaten und Bestätigung des „Alternative State Quarantine Hotel“ müssen letztlich hochgeladen werden. Zuvor wird auch von einer finalen Buchung abgeraten, das bleibt eine Unsicherheit bis kurz vor Reisebeginn. 


Crossiants mit Saft, süß, Obst und Plastik.
Crossiants mit Saft, süß, Obst und Plastik.


Dann nur noch der PCR-Test vor Abflug. Falls vom Unterlagenbündel – in Deutschland auszudrucken, während in Thailand alles online geregelt wird – etwas fehlt: Abflug ade. Ständiger Begleiter, ab vier Wochen vor Abreise, ist somit nicht nur die bürokratische Sorge, sondern auch bis zuletzt die gesteigerte Angst, sich anzustecken. Dann wäre alles umsonst.

Thailands Tourismusindustrie, die ein Fünftel der Wirtschaft ausmacht, ist durch die harten Quarantänebedingungen am Boden. 2019 kamen fast vierzig Millionen Touristen, 2020 waren es nur knapp sechs. Auch deshalb wächst der Druck, mit neuen Konzepten und Pilotprojekten das Reisen wieder zu ermöglichen. Ab Juli, so lautet Anfang April der Plan, öffnet die Insel Phuket für geimpfte Touristen sogar quarantänefrei. Derzeit ist es eine nationale Kraftanstrengung, die Einheimischen dort zu impfen. Das Ziel, zwei Drittel der Menschen auf Phuket bis zum Sommer geimpft zu haben, wird höchstwahrscheinlich problemlos funktionieren.

Bis dahin herrscht aber Quarantänepflicht. Die individuelle Beschäftigung sollte dafür unbedingt vorab akribisch geplant sein, sei es mitgebrachte Arbeit, eine Sportmatte oder eine lange Bücherliste. 


Curry mit Reis, scharf, Gebäck und Plastik.
Curry mit Reis, scharf, Gebäck und Plastik.


Der Phantasie zur Selbstbeschäftigung sind keine Grenzen gesetzt, was David Marriot zeigt, der während seiner Quarantäne zum digitalen Star wurde: Marriott, der wegen eines Trauerfalls seinen Europa-Besuch abbrechen und die Heimreise nach Australien antreten musste und zwei Wochen Hotelisolation erlebte. Er nutze die Verpackungen der täglichen Quarantänekost und das Bügelbrett im Zimmer auf kreative Weise und bastelte ein menschengroßes Pferd daraus. Der Art Director für Fernsehspots wurde zum medialen Hit, zum Papiercowboy. Hatte er in den ersten Tagen seiner Quarantäne mit dem Outfits begonnen, Hut, Weste und Hose, komplett aus Papier, bezog er bald das Raumdekor in sein Kunstprojekt mit ein. So wurde aus einem Bügelbrett und einer Schreibtischlampe das Gerippe für sein Pferd Russell. Langeweile ist für die Quarantäne absolut zu verhindern, sonst nagt sie am Verstand.


  • Der Ritt durch die Quarantänezeit. Artdirector David Marriott war nach drei Tage Netflix gelangweilt. Bis er zu basteln anfing ...
  • Schere, Tape, ein sensibler, langsam morsch werdender Künstlergeist und eine Menge Zeit und Essensverpackung – Artdirector David Marriott posiert mit Pferd Russel im australischen Hotel.
  • Falls es regnen sollte: Papier durchweicht, Plastik hält trocken. Für Ausritte bei Wind und Wetter ...
  • In jungen Papierpferdejahren findet man den Weg noch nicht alleine. Papierpferdepapa David Marriott zeigt Russel den Weg nach Balkonien.
  • Russel ist glücklich. In der Balkonwildnis schnappen David Marriott und sein Pferd etwas frische Luft.
  • Der Ritt durch die Quarantänezeit. Artdirector David Marriott war nach drei Tage Netflix gelangweilt. Bis er zu basteln anfing ...
  • Schere, Tape, ein sensibler, langsam morsch werdender Künstlergeist und eine Menge Zeit und Essensverpackung – Artdirector David Marriott posiert mit Pferd Russel im australischen Hotel.
  • Falls es regnen sollte: Papier durchweicht, Plastik hält trocken. Für Ausritte bei Wind und Wetter ...
  • In jungen Papierpferdejahren findet man den Weg noch nicht alleine. Papierpferdepapa David Marriott zeigt Russel den Weg nach Balkonien.
  • Russel ist glücklich. In der Balkonwildnis schnappen David Marriott und sein Pferd etwas frische Luft.



Natürlich wird im fernen Südost­asien alles versucht, die zehn Tage Überbrückungszeit mit Komfort und Luxus auszufüllen. Aber gerade die ­asiatischen Gastfreundschaftsweltmeister, die gerne so nahbar und freundlich wie möglich Touristen beherbergen, scheitern am pandemiebedingten Abstand. Zwischen Gast und Gastgeber ist eine Menge Distanz. Und Plastik.


Sandwich mit Pommes, Salat, scharf, Biscuit und Plastik.
Sandwich mit Pommes, Salat, scharf, Biscuit und Plastik.


Die drei täglichen Mahlzeiten, in Plastikboxen unterteilt, gewickelt in Plastik, eingetütet in Plastik, werden immer pünktlich vor der Tür auf einem Hocker plaziert. Egal wie schnell man an der Tür ist, der Mitarbeiter, der die Essensration abgestellt hat, ist schon immer weg. Wenn man überhaupt Mitarbeiter sieht, dann sind sie verhüllt in Ganzkörpersynthetik, Maske und Schutzschild.


Nudeln mit Fleisch, Suppe, ohne scharf, Obst und Plastik.
Nudeln mit Fleisch, Suppe, ohne scharf, Obst und Plastik.


Direkte Begegnung gibt es in zehn Tagen zweimal: bei den vorgeschriebenen Corona-Tests an Tag fünf und sieben der Quarantäne. Der zweite befreit einen, wenn negativ, dann auch von dem Joch, immer im Zimmer sein zu müssen: fünfundvierzig Minuten Hofgang sind dann täglich erlaubt. Der Pool ist geschlossen, so wie der Sportraum, das Restaurant und sämtliche Aufenthaltsflächen.


So etwas wie Spagetti Bolognese mit Parmesam, Brot, leider ohne scharf, Obst und Plastik.
So etwas wie Spagetti Bolognese mit Parmesam, Brot, leider ohne scharf, Obst und Plastik.


So schlurft man mit maximal vier anderen Quarantänetouristen am abgesperrten Pool sein Zeitfenster ab, mit Maske und mit den Füßen in zwei Plastiksäcken. Selbst wenn das Zimmer verlassen werden darf – nur mit diesen neonfarbenen Müllsäcken um den Fuß, die offenbar zielgerichtet vor den Coronaviren schützen sollen, die sich eventuell in Europa im Schuhstoff eingenistet haben könnten. Der Abstand von zwei Metern zueinander wird dabei penibel eingehalten. Generell wird menschlicher Kontakt digital geregelt: vier Telefonnummern erhält man bei Anreise für Fragen und Wünsche. Man schreibt, wenn etwas fehlt. Eine Nummer für die Essensbestellung, eine Nummer für die Fiebermessungen, die man morgens und abends selbst vorzunehmen hat und per Bildbeweis übersendet, eine Nummer für den Zimmerservice, eine Nummer für Rezeptionsfragen. Wird die Temperatur nicht rechtzeitig digital ans Hotel gesendet, lässt der Anruf der Krankenhausschwester nicht lange warten. So schafft es eine seltsame Routine, aufstehen, Fieber messen, Essen bestellen, Balkon, Essen, Hofgang, Balkon, Fieber messen, essen, schlafen.


Reis mit Fleisch, Suppe, Salat, scharf, Obst und Plastik.
Reis mit Fleisch, Suppe, Salat, scharf, Obst und Plastik.


Das medizinische und bürokratische Rahmenprogramm treibt die Kosten der sonst vergleichsweise günstigen Südostasien-Reise in die Höhe. Sechshundert Euro sind das Minimum für zehn Tage mit bedenklichem Essen und Zimmerangeboten ohne Balkon. Mit tausend Euro bewegt man sich im Mittelfeld. Die Kostentreiber sind das medizinische Personal (24 Stunden im Hotel erreichbar), die zwei PCR-Tests, der ­Einzeltransfer zum Hotel, die notwendigen Mitarbeiterschulungen im New Normal, die Kosten mit dem kooperierenden Krankenhaus. Und natürlich das Plastik.



Weg nach Thailand

Einreise
Das Auswärtige Amt rät von nicht notwendigen, touristischen Reisen nach Thailand ab. Die thailändische Tourismusbehörde klärt unter tatnews.org Fragen zur Einreise für Geimpfte und welche Impfstoffe akzeptiert werden.

Anreise
Die Lufthansa fliegt ab Frankfurt direkt nach Bangkok (750 Euro etwa), einen Stopp ab Deutschland braucht es mit Air France/KLM, Etihad, Qatar oder Swiss (Tarife ab 450 Euro).

Quarantäne
Nichtgeimpfte müssen 10 Tage in Quarantäne im ASQ-Hotel; vollständig Geimpfte 7 Tage. In jedem Fall braucht man ein ausgefülltes T8-Dokument, die Thailand Plus App, einen PCR-Test 72 Stunden vor Abflug und das Certificate of Entry bei der Abteilung für konsularische Angelegenheiten des thailändischen Außenministeriums.

Zugelassene ASQ-Hotels unter:
thaiconsulate.de/asq

David Marriott bei Instagram:
dmobdave

Fotos Bangkok: Christopher Warmuth, Fotos Brisbane: AP


EMIRATE Impfst du noch, oder reist du schon?
BRASILIEN Land der Indigenen

Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 22.04.2021 13:47 Uhr