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Reiseveranstalter : Urlaub futsch! Geld auch?

  • Aktualisiert am

Überstürzter Abbruch: Passagiere eines deutschen Kreuzfahrtschiffes werden aus Australien ausgeflogen. Bild: dpa

Eine ganze Branche steht vor dem Kollaps, wenn alle Urlauber den Preis für ihre stornierten Reisen augenblicklich zurückverlangen. Wie kann beiden Seiten geholfen werden? Ein Gespräch mit dem Reiseveranstalter Ralf Wiemann.

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          Ralf Wiemann ist Geschäftsführer des Reiseveranstalters erlebe-fernreisen und vertritt als Mitglied im Vorstand der AER Kooperation 430 der etwa dreitausend Reiseveranstalter in Deutschland sowie 730 der etwa dreizehntausend Reisebüros. Es ist keine gute Zeit für seine Branche. Grenzen wurden geschlossen, Flugzeuge stehen auf dem Boden, in vielen Ländern gelten Ausgangssperren. Zunächst waren die Veranstalter damit beschäftigt, Urlauber zurück nach Hause zu holen. Zugleich mussten alle gebuchten Reisen für die kommenden Monate abgesagt werden. Mit seinen Mitgliedern hat Wiemann einen Film gedreht, den man auf Youtube anschauen kann. Er lässt keinen Zweifel daran, dass ihnen das Wasser bis zum Halse steht. Aber es gibt auch die Perspektive jener Urlauber, die überhaupt jetzt erst verreisen wollten. (F.A.Z.)

          Herr Wiemann, beginnen wir mit einem konkreten Fall: Ich habe für die Osterferien für mich und meine Familie eine Pauschalreise gebucht. Sie wurde abgesagt. Was passiert nun?

          Es tut mir leid, dass auch Sie, wie so viele Familien, den Urlaub nicht antreten können. Wegen der Corona-Pandemie mussten alle Reisen abgesagt werden. Sie haben jetzt die Möglichkeit, nach §651 BGB kostenfrei zu stornieren und Ihr Geld innerhalb von vierzehn Tagen zurückzuerhalten, kostenlos auf einen späteren Zeitpunkt umzubuchen oder einen Reisegutschein anzunehmen.

          Die Reise wurde vom Veranstalter abgesagt. Welche Rechte hat man dadurch? Sind es andere, als wenn man selbst storniert hätte?

          Bei einem behördlichen Einreiseverbot wegen der Corona-Pandemie handelt es sich um einen unvermeidbaren, außergewöhnlichen Umstand im Sinne des Pauschalreiserechts gemäß § 651h BGB und der EU-Fluggastrechteverordnung, wenn die behördliche Maßnahme direkte Folge des Coronavirus ist. Sowohl eine Pauschalreise als auch ein einzelner Flug oder eine einzeln gebuchte Unterkunft lassen sich daher kostenfrei stornieren oder durch den Anbieter absagen. Schadenersatz für Folgeschäden oder vergebliche Kosten sind für den Gast jedoch wegen fehlenden Verschuldens ausgeschlossen.

          Branchenvertreter Ralf Wiemann

          Das heißt im Klartext: Der Kunde hat Anrecht auf sein Geld?

          Laut Pauschalreiserichtlinie und BGB hat der Kunde natürlich Anrecht, sein Geld nach einer Reiseabsage innerhalb von vierzehn Tagen auf seinem Konto zu haben.

          Wenn nun jeder Urlauber auf Rückerstattung bestünde, könnten das die Veranstalter überhaupt leisten?

          Das wäre unweigerlich das kurzfristige Aus fast aller deutschen Reisebüros und Veranstalter – mit kaum überschaubaren Folgen. Jenseits aller wirtschaftlichen wie persönlichen Konsequenzen in einzelnen Fällen würde das Reisen generell in der Zukunft dadurch schwierig und auch teuer werden.

          Es bringt also ein Gesetz, das der Sicherheit der Kunden dienen soll, nun eine ganze Branche in Gefahr?

          Der §651h (4) BGB ist für Pandemien wie die jetzige weder gedacht gewesen noch geeignet. Wir Reiseveranstalter, die in der Vergangenheit gut gewirtschaftet haben, sind jetzt mit gleich einer ganzen Reihe von Herausforderungen konfrontiert: Bei jeder Buchung geht der Reiseveranstalter mit etwa achtzig Prozent Vorauszahlung in die Pflicht, um überhaupt Leistungen anbieten zu können. Diese Gelder erhalten wir nur zu einem geringen Teil zurück, die meisten Leistungsträger wie Fluggesellschaften und Hotels gewähren stattdessen kostenlose Umbuchungen auf einen späteren Zeitpunkt in diesem Jahr – dabei waren es ja die Airlines, die ihre Strecken gestrichen haben. Wir haben dadurch viel Liquidität verloren.

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