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Deutschlands sieben Weltwunder : Brenne auf, mein Licht

Ein leuchtend gelber Fingerzeig über Frankfurt: Norman Fosters Commerzbank-Zentrale. Bild: Lukas Kreibig

Seit zwanzig Jahren überragt Norman Fosters Turm die Frankfurter Innenstadt. Er ist der schönste Gipfel dieses Hochgebirges der Banken. Beim Näherkommen allerdings offenbart er seine dunkle Seite.

          Jetzt ist es wieder so weit. Jetzt verschwindet der Turm der Commerzbank morgens aus dem Blickfeld, wenn der Nebel tief über der Frankfurter Innenstadt hängt. Einen trüben, grauen Vormittag lang nimmt dann die Architektur halbwegs menschliches Maß an, weil alles jenseits der zwanzigsten, vielleicht auch nur der fünfundzwanzigsten Etage abgedeckt ist, zugedeckt wie von einer zarten Daunendecke, die sich über das Zentrum schmiegt. Dann kann man Frankfurt überblicken, ohne den Kopf in den Nacken legen zu müssen. Und man bekommt einen Eindruck davon, wie die Stadt ohne ihre Skyline aussähe. Um es kurz zu machen: Es ist ein Bild, das man nicht allzu lange erträgt. Und glücklicherweise löst sich der Nebel meist rasch auf. Dann befreit sich in dramatisch-schönen Momenten die Spitze der Commerzbank aus dem Gewölk, wie sich unvergesslich Greta Garbo in „Anna Karenina“ aus dem Dampf der Lokomotiven schälte. Noch so eine Diva.

          Im Morgennebel schrumpft die Stadt auf ein überschaubares Maß.
          Freddy Langer

          Redakteur im Feuilleton, zuständig für das „Reiseblatt“.

          Und oben, fast fünfzig Stockwerke über dem Kaiserplatz und bisweilen eben auch über den Wolken? Da sitzen die Angestellten und noch darüber der Vorstand der Commerzbank, dem Herrgott näher als den Menschen auf der Straße, und man malt sich aus, wie sie über das Nebelmeer schauen wie weiland Caspar David Friedrichs Wanderer und wie ihr Blick das dichte Weiß abtastet, über dem die Sonne gleißt, während sich in die eine Richtung die Aussichtsplattform des Maintowers abhebt und weit dahinter der Messeturm mit seiner Haube wie ein scharf gespitzter Bleistift und in die andere Richtung sich ganz aus Glas die verdrehte Doppelhelix der Europäischen Zentralbank aus dem Flaum der Wolken schraubt.

          Und dann wunderte man sich nicht, wenn dort oben Gedanken gehegt würden, in denen Formulierungen wie „Herrscher des Universums“ Platz finden oder „Ihr da unten, wir hier oben“. Also just das, was einem Bergsteiger in einer Selbstermächtigung bisweilen auf einem Gipfel auch so durch den Kopf rauscht, und was anderes ist die Commerzbank als der höchste Gipfel inmitten des Frankfurter Hochgebirges aus Banken? Aber vielleicht denkt man dort oben auch ganz anders. Bescheiden. Ergeben. Demütig. Es soll ja Bergsteiger geben, die Gipfel erklimmen, nur um sich angesichts der umgebenden Erhabenheit ihrer eigenen Bedeutungslosigkeit bewusst zu werden.

          Ummauerte Beete mit Kaffeeautomat

          Dabei versinnbildlicht der Commerzbankturm mit seiner brutalen Eleganz natürlich nichts mehr als den Begriff Macht, womöglich sogar Allmacht. Wie ein Zeigefinger reckt er sich aus der Innenstadt empor, einerseits mahnend und andererseits andeutend, dass Kontakt allenfalls nach ganz oben gesucht wird. Hundertfünfundachtzig Meter hatte der ursprüngliche Bauplan vorgesehen für einen Turm, der aus dem verschachtelten Spiel etlicher Klötze emporwachsen sollte. Aber die Pläne änderten sich. „Wenn dies nicht, dann auch das nicht“, argumentierten die Bauherren im Rathaus, peitschten ihre Interessen durch und fanden in Petra Roth, die damals noch nicht die Oberbürgermeisterin war, eine hemmungslose Fürsprecherin, die man heute freilich nur visionär nennen kann. Am Ende war das Gebäude schlank und hoch und nach oben hin immer noch schlanker, wie eine ausgezogene Stabantenne. Einschließlich des rot-weiß wie eine Bahnschranke gestrichenen Mastes auf seiner Spitze endete es erst knapp unter der Dreihundert-Meter-Marke. Rekord! Höher war damals in ganz Europa kein Haus.

          Höher war damals kein Haus in ganz Europa: Blick auf die Skyline vom Reuterweg aus.

          Trotzdem stieß es bei den Bürgern nicht nur auf Begeisterung: Es sei bleich und unelegant, musste es sich vorwerfen lassen. Es schließe die Bürger aus, klagten andere, weil von den ursprünglichen Versprechen, darin mehrere Restaurants unterzubringen, ein Theater für Kleinkunst sowie ein Auditorium mit fünfhundert Plätzen, nur die Betriebskantine im Erdgeschoss übrig blieb, die zwar jedermann offensteht, aber guten Gewissens weder zu den eleganten noch den gemütlichen Lokalen Frankfurts gerechnet werden kann.

          Manche Enttäuschung freilich gründete auch auf falschen Vorstellungen. So glaubten viele, die neun Gärten, die jeweils über vier Stockwerke die Büroetagen voneinander trennen, ergössen ihr Grün über die Außenfassaden, geradeso, wie sich das ja ebenfalls falsche Bild der hängenden Gärten der Semiramis in unsere Vorstellung geschlichen hat. Dabei handelte es sich dort, wie Archäologen heute vermuten, nur um ein paar Stufen. In der Commerzbank sind es ummauerte Beete, auf deren Umrandung ein Kaffeeautomat steht und in denen je nach Himmelsrichtung nordamerikanische, asiatische oder mediterrane Flora gedeiht, darunter meterhohe Bäume, aber zumeist eher Blumen und Sträucher, wenngleich von solcher Vielfalt, dass der eigens angestellte Gärtner von 12.200 Pflanzen spricht. Zugang zu diesen Miniparks und ihren Pausenplätzchen haben nur die Angestellten. Und dann war da noch die Sache mit dem Kaiserplatz.

          Eine wunderbare Schale aus geschliffenem Porphyr

          Im Jahr 1864 wurde er als erster großstädtischer Platz Frankfurts eingeweiht, und es ist sehr gut möglich, dass er im Laufe seiner Geschichte irgendwann einmal der schönste der ganzen Stadt gewesen ist, wozu allerdings nicht sonderlich viel gehört, weil Frankfurt bei der Gestaltung seiner Plätze kaum je Fortune bewiesen hat. Schon gar nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute ist es schwer, genau genommen unmöglich, sich den Kaiserplatz in seiner ursprünglichen Form vor Augen zu rufen, von dessen sternenförmigen Regelmaß Straßen in alle Richtungen abgingen und in dessen Zentrum eine wunderbare Fontäne stand, die Schale aus geschliffenem Porphyr, um die herum die Straßenbahnen einen Knick machten, und an dessen Rand das imposanteste Hotel Frankfurts errichtet wurde, der Frankfurter Hof, mit einem herrschaftlichen Entrée, das einem Schloss würdig ist, aber heute nur noch als Ausgang zur Terrasse dient.

          Die antiken Gärten der Semiramis hatten nur ein paar Stufen. Die Commerzbank hingegen ist laut ihrem Erbauer das weltweit erste ökologische Hochhaus.

          Nach dem Krieg dann eine neue Situation. Fast überall nur einfallslose Neubauten, jedoch auf einer Seite immerhin das Juniorhaus. Als erstes Hochhaus nach dem Krieg 1951 gebaut und immer noch ein Schmuckstück, fügt es sich wunderbar in den Straßenverlauf ein und symbolisierte darüber hinaus mit seiner großen, gewölbten Fensterfront, hinter der sich eine Treppe neun Stockwerke nach oben wendelt, und mit den großen Neonwerbungen auf seinem Dach, von dem Wort Persil bis zum Mercedes-Stern, auf ästhetisch gelungene Weise das Wirtschaftswunder. Der Turm der Commerzbank trat anders auf, machte sich den Kaiserplatz kurzerhand untertan – und baute ihn zu.

          Wer steigt Treppen für die paar Meter?

          Wie eine Mauer versperrt er den Weg, und es ist eher Hohn als Trost, dass seine beiden Eingänge über die großzügige Lobby des Atriums hinweg die Friedensstraße mit der Großen Gallusstraße verbinden. Erst vierundzwanzig Stufen hinauf, dann achtundzwanzigeinhalb hinunter oder neunundzwanzigeinhalb, je nachdem, an welchem Ende man die breite Freitreppe nimmt. Es war die Forderung der Stadt an den Architekten Norman Foster, den zerstörten Platz durch eine überbaute Plaza zu ersetzen. Aber wer steigt Treppen für einen Weg, der an der Fassade entlang gerade einmal sechzig Meter misst?

          Wie ein gigantisches Kaleidoskop: Blick nach oben im Atrium.

          Und in der Lobby gibt es kaum mehr zu sehen als den beeindruckenden Schacht nach oben, das leere Zentrum des dreieckigen Gebäudes, das durch die Gitter der baupolizeilich vorgeschriebenen Zwischendecken aus Glas wirkt wie ein gigantisches Kaleidoskop. Vor allem aber muss man sehr intensiv nach einem Grund suchen, der einen in die Große Gallusstraße treibt, eine mehrspurige, dennoch finstere Schneise, die selbst Autofahrer möglichst schnell hinter sich lassen wollen, weshalb sie das Gaspedal hier gern ein wenig tiefer drücken, als es erlaubt ist. So waren die Klagen. Damals. Vor fast genau zwanzig Jahren, als im Mai 1997 der Turm von den ersten Angestellten bezogen wurde.

          Eine Stadt gerät aus den Fugen

          Dabei war Frankfurt längst an Wolkenkratzer gewöhnt. Die Zeiten, da bei Hochhausbränden selbst brave Bürger applaudierten, schienen endgültig vorüber. Und in der Buchreihe „Kunststücke“, die sich ansonsten mit Gemälden von van Eyck und Otto Dix oder Skulpturen von Schadow und Picasso beschäftigte, hatte man schon 1991 der „Frankfurter Skyline“ einen eigenen Band gewidmet; der Untertitel: „Eine Stadt gerät aus den Fugen und gewinnt an Gestalt.“ Aber gerade davon konnte die Rede nicht sein, wie das Leporello am Ende des Büchleins mit einem halben Meter breiten Panorama der Innenstadt belegte. Die Ansicht reichte von der silbernen Stele der Dresdner Bank, bisweilen Silberturm genannt, über den alten, finsteren Monolithen der Commerzbank und die Zwillingstürme der Deutschen Bank bis zur Spitze des gotischen Doms – aufgenommen von der Ignatz-Bubis-Brücke aus, die damals allerdings noch Obermainbrücke hieß.

          Und genau dort, wo heute der Commerzbankturm steht, klaffte unübersehbar ein Loch, eine Lücke, in die sich scheu und bescheiden der alte Rathausturm Langer Franz eher duckte als reckte. Wer dieses Bild am Ende des Buchs heute entfaltet, begreift augenblicklich, dass die gesamte Ansiedlung von Hochhäusern nur auf den Bau der Commerzbank gewartet hatte. Er ist das fehlende Mosaikstück, das der Skyline zu Form und Größe verhilft. Ohne den Turm ist sie heute nicht mehr vorstellbar. Und das ist nicht einmal eine Frage der Perspektive.

          Auf diesen Turm hat die Stadt gewartet: Im Jahr 1991 klaffte hier noch eine schmerzliche Lücke.

          Schaut man von Westen aus auf Frankfurt, vom Vordertaunus aus, stellen sich die Gebäude von der Europäischen Zentralbank bis zum Messeturm in langer Reihe auf und könnten in ihrem Auf und Nieder als Verlauf einer Dax-Kurve gedeutet werden. Blickt man von Osten aus auf die Stadt, wirkt sie kompakt, wie eine Festung. Uneinnehmbar. Und von Westen her stehen die Türme locker beieinander wie Menschen bei einem Cocktail-Empfang, als seien sie ins Gespräch vertieft. Der schönste Blick aber öffnet sich von der Alten Brücke aus. Das ist kein Geheimnis.

          In die Erde gerammt, einen Claim abzustecken

          Zu jeder Tages- und Nachtzeit stehen dort Fotografen, die Kamera auf ein Stativ geschraubt, und warten darauf, dass sich morgens das Licht der aufgehenden Sonne in einer der verspiegelten Fassaden bricht oder sich nachts die Fenster der erhellten Büros als zittrige Linien im Main spiegeln. Und wenn, wie es in Frankfurt so häufig der Fall ist, die untergehende Sonne das Ensemble in flammende Rot- und Orangetöne taucht, kommen Hunderte von Passanten hinzu, die ihren Weg nach Sachsenhausen unterbrechen und sich mit gezückten Handys entlang dem Geländer aufreihen. Und immer sieht die Commerzbank mittendrin aus wie ein Leuchtturm. Das liegt an der Größe. Und es liegt an dem commerzbankgelben Licht, das vom frühen Abend an von den obersten Etagen aus über die ganze Stadt strahlt. Wie ein Signal. Und ein wenig auch wie eine Markierung, die den Weg ins Zentrum weist.

          Im Stundentakt kommen die Besuchergruppen. Doch die Sensation ist weniger das Haus als vielmehr die Stadt dort unten.

          Das entbehrt nicht einer gewissen Anmaßung. Denn solche Markierungen gab es schon vorher. Die Stadttore gehören dazu, also der Eschenheimer Turm, ebenso der Dom, zu dessen Füßen sich ursprünglich die Altstadt ausbreitete und sich vom kommenden Jahr an die neuerrichtete Altstadt ausbreiten wird. Dass nun jedoch eine Bank diese Rolle an sich gerissen hatte, gefiel nicht jedem. War zuvor noch von Säulen und Raketen, Stalagmiten und Obelisken die Rede, sahen nun manche in dem Haus einen Pflock, der in die Erde gerammt war, wie um einen Claim abzustecken. Und es versteht ja auch nicht jeder die geläufigen Bezeichnungen „Bankfurt“ und „Mainhattan“ als Kosenamen.

          So etwas wie ein modernes Heimatgefühl

          Und doch bleiben die meisten Frankfurter gelassen, denken nicht nach über Vokabeln wie Kapitalistenkapitale, sondern betrachten die Hochhäuser so, wie die Buchreihe sie damals nannte: als Kunststück. Die Commerzbank wird zur Skulptur, nicht anders als die Stelen der drei Frankfurter Bildhauer Hans Steinbrenner, Michael Croissant und Christa von Schnitzler, die in der Sandgasse artig in Reihe stehen – nur eben sehr viel höher, weshalb man gegenüber dem Commerzbankturm auch ein ungleich erhebenderes Gefühl verspürt.

          Ein erhebendes Gefühl: Diese Aussicht erleben normale Frankfurter immer nur beim Wolkenkratzerfestival.

          Dahinter verbirgt sich so etwas wie ein modernes Heimatgefühl, auch Stolz, und die Banken tun gut daran, es zu nähren. Mit dem Wolkenkratzer-Festival, das die Eintrittskarten in die Hochhäuser verlosen muss, weil die Nachfrage das Angebot zigfach übertrifft. Oder mit Führungen wie bei der Commerzbank, die seit Jahren am jeweils letzten Samstag im Monat angeboten werden und trotzdem noch immer auf sechs Monate im Voraus ausgebucht sind. Im Stundentakt werden kleine Gruppen durchs Haus geführt.

          Erster Halt: Thomas Emdes siebzehn Meter hohes Farbvlies mit der Darstellung eines Wolkenhimmels, dessen Stimmung sich mit der Richtung, aus der man schaut, ändert vom Morgen zum Abend. Zweiter Halt: der Lichtschacht, um den herum das Haus gebaut ist, dreihundert Meter hoch. Dann folgt der Aufzug, der mit sechs Metern pro Sekunde in die Höhe rauscht. Der Rest ist Ökologie.

          Ein glitzerndes Band im Gegenlicht

          Hier die doppelte Glasfassade, die es ermöglicht, jedes Fenster zu öffnen und alle Büros nach Gusto der zweitausendsechshundert Mitarbeiter mit frischer Luft zu kühlen. Dort die energiesparende Gesamttechnik bis hin zu Bewegungsmeldern, die alle Geräte und Lampen ausschalten, wenn sich in einem Zimmer eine Stunde lang niemand bewegt hat. Dazu das leichte Stahlgerüst und der Verzicht auf Beton, was beim Bau zu ganz erheblichen Einsparungen auch von Ressourcen geführt habe. Norman Foster, der Architekt, sprach damals ganz und gar unbescheiden vom „weltweit ersten ökologischen Hochhaus“.

          Aber was bedeuten schon all diese Daten im Vergleich zum Ausblick auf die Stadt? Und am Ende sind die Besuchergruppen doch nur gekommen, um sich an den Fenstern die Nasen plattzudrücken. Wie eine Modelleisenbahnanlage breitet Frankfurt sich aus. Der Main ein glitzerndes Band im Gegenlicht. Die Häuser wie Spielzeug. Und die Menschen – nicht zu sehen, nicht einmal ameisenklein. So also sieht der liebe Gott die Welt, denkt man dann einen wohligen Moment lang. Und bekommt gleich darauf ein schlechtes Gewissen.

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