https://www.faz.net/-gxh-93rwd

Deutschlands sieben Weltwunder : Brenne auf, mein Licht

Im Stundentakt kommen die Besuchergruppen. Doch die Sensation ist weniger das Haus als vielmehr die Stadt dort unten.

Das entbehrt nicht einer gewissen Anmaßung. Denn solche Markierungen gab es schon vorher. Die Stadttore gehören dazu, also der Eschenheimer Turm, ebenso der Dom, zu dessen Füßen sich ursprünglich die Altstadt ausbreitete und sich vom kommenden Jahr an die neuerrichtete Altstadt ausbreiten wird. Dass nun jedoch eine Bank diese Rolle an sich gerissen hatte, gefiel nicht jedem. War zuvor noch von Säulen und Raketen, Stalagmiten und Obelisken die Rede, sahen nun manche in dem Haus einen Pflock, der in die Erde gerammt war, wie um einen Claim abzustecken. Und es versteht ja auch nicht jeder die geläufigen Bezeichnungen „Bankfurt“ und „Mainhattan“ als Kosenamen.

So etwas wie ein modernes Heimatgefühl

Und doch bleiben die meisten Frankfurter gelassen, denken nicht nach über Vokabeln wie Kapitalistenkapitale, sondern betrachten die Hochhäuser so, wie die Buchreihe sie damals nannte: als Kunststück. Die Commerzbank wird zur Skulptur, nicht anders als die Stelen der drei Frankfurter Bildhauer Hans Steinbrenner, Michael Croissant und Christa von Schnitzler, die in der Sandgasse artig in Reihe stehen – nur eben sehr viel höher, weshalb man gegenüber dem Commerzbankturm auch ein ungleich erhebenderes Gefühl verspürt.

Ein erhebendes Gefühl: Diese Aussicht erleben normale Frankfurter immer nur beim Wolkenkratzerfestival.

Dahinter verbirgt sich so etwas wie ein modernes Heimatgefühl, auch Stolz, und die Banken tun gut daran, es zu nähren. Mit dem Wolkenkratzer-Festival, das die Eintrittskarten in die Hochhäuser verlosen muss, weil die Nachfrage das Angebot zigfach übertrifft. Oder mit Führungen wie bei der Commerzbank, die seit Jahren am jeweils letzten Samstag im Monat angeboten werden und trotzdem noch immer auf sechs Monate im Voraus ausgebucht sind. Im Stundentakt werden kleine Gruppen durchs Haus geführt.

Erster Halt: Thomas Emdes siebzehn Meter hohes Farbvlies mit der Darstellung eines Wolkenhimmels, dessen Stimmung sich mit der Richtung, aus der man schaut, ändert vom Morgen zum Abend. Zweiter Halt: der Lichtschacht, um den herum das Haus gebaut ist, dreihundert Meter hoch. Dann folgt der Aufzug, der mit sechs Metern pro Sekunde in die Höhe rauscht. Der Rest ist Ökologie.

Ein glitzerndes Band im Gegenlicht

Hier die doppelte Glasfassade, die es ermöglicht, jedes Fenster zu öffnen und alle Büros nach Gusto der zweitausendsechshundert Mitarbeiter mit frischer Luft zu kühlen. Dort die energiesparende Gesamttechnik bis hin zu Bewegungsmeldern, die alle Geräte und Lampen ausschalten, wenn sich in einem Zimmer eine Stunde lang niemand bewegt hat. Dazu das leichte Stahlgerüst und der Verzicht auf Beton, was beim Bau zu ganz erheblichen Einsparungen auch von Ressourcen geführt habe. Norman Foster, der Architekt, sprach damals ganz und gar unbescheiden vom „weltweit ersten ökologischen Hochhaus“.

Aber was bedeuten schon all diese Daten im Vergleich zum Ausblick auf die Stadt? Und am Ende sind die Besuchergruppen doch nur gekommen, um sich an den Fenstern die Nasen plattzudrücken. Wie eine Modelleisenbahnanlage breitet Frankfurt sich aus. Der Main ein glitzerndes Band im Gegenlicht. Die Häuser wie Spielzeug. Und die Menschen – nicht zu sehen, nicht einmal ameisenklein. So also sieht der liebe Gott die Welt, denkt man dann einen wohligen Moment lang. Und bekommt gleich darauf ein schlechtes Gewissen.

Weitere Themen

Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

Topmeldungen

Wirft hin: Patrick Shanahan wird nicht amerikanischer Verteidigungsminister.

Rückzug von Shanahan : Keine Ruhe im Pentagon

Mitten in der Iran-Krise verliert Donald Trump seinen amtierenden Verteidigungsminister. Der Wunschkandidat des Präsidenten hat sich zurückgezogen – wegen eines „traumatischen Kapitels“ in seinem Familienleben.
Der 22 Jahre alte Ali B. dementiert weiterhin die Vergewaltigung von Susanna F.

Psychiaterin über Ali B. : Egozentrisch, manipulativ, empathielos

Im Prozess um die getötete Schülerin Susanna F. aus Mainz berichtet wenige Wochen vor dem Urteilstermin die psychiatrische Gutachterin. Den angeklagten Ali B. beschreibt sie als faulen und frauenverachtenden Mann, der in seinem Leben immer nur an sich selbst gedacht habe.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.