https://www.faz.net/-gxh-93rwd

Deutschlands sieben Weltwunder : Brenne auf, mein Licht

Wie ein gigantisches Kaleidoskop: Blick nach oben im Atrium.

Und in der Lobby gibt es kaum mehr zu sehen als den beeindruckenden Schacht nach oben, das leere Zentrum des dreieckigen Gebäudes, das durch die Gitter der baupolizeilich vorgeschriebenen Zwischendecken aus Glas wirkt wie ein gigantisches Kaleidoskop. Vor allem aber muss man sehr intensiv nach einem Grund suchen, der einen in die Große Gallusstraße treibt, eine mehrspurige, dennoch finstere Schneise, die selbst Autofahrer möglichst schnell hinter sich lassen wollen, weshalb sie das Gaspedal hier gern ein wenig tiefer drücken, als es erlaubt ist. So waren die Klagen. Damals. Vor fast genau zwanzig Jahren, als im Mai 1997 der Turm von den ersten Angestellten bezogen wurde.

Eine Stadt gerät aus den Fugen

Dabei war Frankfurt längst an Wolkenkratzer gewöhnt. Die Zeiten, da bei Hochhausbränden selbst brave Bürger applaudierten, schienen endgültig vorüber. Und in der Buchreihe „Kunststücke“, die sich ansonsten mit Gemälden von van Eyck und Otto Dix oder Skulpturen von Schadow und Picasso beschäftigte, hatte man schon 1991 der „Frankfurter Skyline“ einen eigenen Band gewidmet; der Untertitel: „Eine Stadt gerät aus den Fugen und gewinnt an Gestalt.“ Aber gerade davon konnte die Rede nicht sein, wie das Leporello am Ende des Büchleins mit einem halben Meter breiten Panorama der Innenstadt belegte. Die Ansicht reichte von der silbernen Stele der Dresdner Bank, bisweilen Silberturm genannt, über den alten, finsteren Monolithen der Commerzbank und die Zwillingstürme der Deutschen Bank bis zur Spitze des gotischen Doms – aufgenommen von der Ignatz-Bubis-Brücke aus, die damals allerdings noch Obermainbrücke hieß.

Und genau dort, wo heute der Commerzbankturm steht, klaffte unübersehbar ein Loch, eine Lücke, in die sich scheu und bescheiden der alte Rathausturm Langer Franz eher duckte als reckte. Wer dieses Bild am Ende des Buchs heute entfaltet, begreift augenblicklich, dass die gesamte Ansiedlung von Hochhäusern nur auf den Bau der Commerzbank gewartet hatte. Er ist das fehlende Mosaikstück, das der Skyline zu Form und Größe verhilft. Ohne den Turm ist sie heute nicht mehr vorstellbar. Und das ist nicht einmal eine Frage der Perspektive.

Auf diesen Turm hat die Stadt gewartet: Im Jahr 1991 klaffte hier noch eine schmerzliche Lücke.

Schaut man von Westen aus auf Frankfurt, vom Vordertaunus aus, stellen sich die Gebäude von der Europäischen Zentralbank bis zum Messeturm in langer Reihe auf und könnten in ihrem Auf und Nieder als Verlauf einer Dax-Kurve gedeutet werden. Blickt man von Osten aus auf die Stadt, wirkt sie kompakt, wie eine Festung. Uneinnehmbar. Und von Westen her stehen die Türme locker beieinander wie Menschen bei einem Cocktail-Empfang, als seien sie ins Gespräch vertieft. Der schönste Blick aber öffnet sich von der Alten Brücke aus. Das ist kein Geheimnis.

In die Erde gerammt, einen Claim abzustecken

Zu jeder Tages- und Nachtzeit stehen dort Fotografen, die Kamera auf ein Stativ geschraubt, und warten darauf, dass sich morgens das Licht der aufgehenden Sonne in einer der verspiegelten Fassaden bricht oder sich nachts die Fenster der erhellten Büros als zittrige Linien im Main spiegeln. Und wenn, wie es in Frankfurt so häufig der Fall ist, die untergehende Sonne das Ensemble in flammende Rot- und Orangetöne taucht, kommen Hunderte von Passanten hinzu, die ihren Weg nach Sachsenhausen unterbrechen und sich mit gezückten Handys entlang dem Geländer aufreihen. Und immer sieht die Commerzbank mittendrin aus wie ein Leuchtturm. Das liegt an der Größe. Und es liegt an dem commerzbankgelben Licht, das vom frühen Abend an von den obersten Etagen aus über die ganze Stadt strahlt. Wie ein Signal. Und ein wenig auch wie eine Markierung, die den Weg ins Zentrum weist.

Weitere Themen

Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

Topmeldungen

China hat im Monat April so wenig amerikanische Schuldtitel gehalten wie seit zwei Jahren nicht mehr.

Handelskonflikt : Spielt China seinen nächsten Trumpf aus?

Mitten im Handelskrieg der beiden größten Wirtschaftsmächte verkauft Peking so viele amerikanische Staatsanleihen wie seit Jahren nicht mehr. Zieht China nach seiner angedrohten Beschränkung des Exports der Seltenen Erden nun seine nächste Waffe?

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.