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Deutschlands sieben Weltwunder : Brenne auf, mein Licht

Höher war damals kein Haus in ganz Europa: Blick auf die Skyline vom Reuterweg aus.

Trotzdem stieß es bei den Bürgern nicht nur auf Begeisterung: Es sei bleich und unelegant, musste es sich vorwerfen lassen. Es schließe die Bürger aus, klagten andere, weil von den ursprünglichen Versprechen, darin mehrere Restaurants unterzubringen, ein Theater für Kleinkunst sowie ein Auditorium mit fünfhundert Plätzen, nur die Betriebskantine im Erdgeschoss übrig blieb, die zwar jedermann offensteht, aber guten Gewissens weder zu den eleganten noch den gemütlichen Lokalen Frankfurts gerechnet werden kann.

Manche Enttäuschung freilich gründete auch auf falschen Vorstellungen. So glaubten viele, die neun Gärten, die jeweils über vier Stockwerke die Büroetagen voneinander trennen, ergössen ihr Grün über die Außenfassaden, geradeso, wie sich das ja ebenfalls falsche Bild der hängenden Gärten der Semiramis in unsere Vorstellung geschlichen hat. Dabei handelte es sich dort, wie Archäologen heute vermuten, nur um ein paar Stufen. In der Commerzbank sind es ummauerte Beete, auf deren Umrandung ein Kaffeeautomat steht und in denen je nach Himmelsrichtung nordamerikanische, asiatische oder mediterrane Flora gedeiht, darunter meterhohe Bäume, aber zumeist eher Blumen und Sträucher, wenngleich von solcher Vielfalt, dass der eigens angestellte Gärtner von 12.200 Pflanzen spricht. Zugang zu diesen Miniparks und ihren Pausenplätzchen haben nur die Angestellten. Und dann war da noch die Sache mit dem Kaiserplatz.

Eine wunderbare Schale aus geschliffenem Porphyr

Im Jahr 1864 wurde er als erster großstädtischer Platz Frankfurts eingeweiht, und es ist sehr gut möglich, dass er im Laufe seiner Geschichte irgendwann einmal der schönste der ganzen Stadt gewesen ist, wozu allerdings nicht sonderlich viel gehört, weil Frankfurt bei der Gestaltung seiner Plätze kaum je Fortune bewiesen hat. Schon gar nicht nach dem Zweiten Weltkrieg. Heute ist es schwer, genau genommen unmöglich, sich den Kaiserplatz in seiner ursprünglichen Form vor Augen zu rufen, von dessen sternenförmigen Regelmaß Straßen in alle Richtungen abgingen und in dessen Zentrum eine wunderbare Fontäne stand, die Schale aus geschliffenem Porphyr, um die herum die Straßenbahnen einen Knick machten, und an dessen Rand das imposanteste Hotel Frankfurts errichtet wurde, der Frankfurter Hof, mit einem herrschaftlichen Entrée, das einem Schloss würdig ist, aber heute nur noch als Ausgang zur Terrasse dient.

Die antiken Gärten der Semiramis hatten nur ein paar Stufen. Die Commerzbank hingegen ist laut ihrem Erbauer das weltweit erste ökologische Hochhaus.

Nach dem Krieg dann eine neue Situation. Fast überall nur einfallslose Neubauten, jedoch auf einer Seite immerhin das Juniorhaus. Als erstes Hochhaus nach dem Krieg 1951 gebaut und immer noch ein Schmuckstück, fügt es sich wunderbar in den Straßenverlauf ein und symbolisierte darüber hinaus mit seiner großen, gewölbten Fensterfront, hinter der sich eine Treppe neun Stockwerke nach oben wendelt, und mit den großen Neonwerbungen auf seinem Dach, von dem Wort Persil bis zum Mercedes-Stern, auf ästhetisch gelungene Weise das Wirtschaftswunder. Der Turm der Commerzbank trat anders auf, machte sich den Kaiserplatz kurzerhand untertan – und baute ihn zu.

Wer steigt Treppen für die paar Meter?

Wie eine Mauer versperrt er den Weg, und es ist eher Hohn als Trost, dass seine beiden Eingänge über die großzügige Lobby des Atriums hinweg die Friedensstraße mit der Großen Gallusstraße verbinden. Erst vierundzwanzig Stufen hinauf, dann achtundzwanzigeinhalb hinunter oder neunundzwanzigeinhalb, je nachdem, an welchem Ende man die breite Freitreppe nimmt. Es war die Forderung der Stadt an den Architekten Norman Foster, den zerstörten Platz durch eine überbaute Plaza zu ersetzen. Aber wer steigt Treppen für einen Weg, der an der Fassade entlang gerade einmal sechzig Meter misst?

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