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Comer See : Eine fast perfekte Illusion

  • -Aktualisiert am

Hier fühlen sich nicht nur Engländer wohl: Im Park zum See hin lassen sich die Tage verdösen. Bild: Ulrike Maria Hund

Wie aus einer anderen Zeit: Im Hotel San Giorgio am Comer See ist nicht alles perfekt, aber man fühlt sich sofort willkommen.

          6 Min.

          Am schönsten ist die Anreise per Boot von Como aus, vorbei an bewaldeten Höhen, schroffen Bergen, ans Ufer gedrückten Dörfern, prächtigen Villen. War der See zu Beginn unserer Fahrt noch tief in die Berghänge eingeschnitten, so öffnet er sich im Zentrum des Sees und wird weit und licht. Dort, hinter der Felsnase der Villa Balbianello, liegt die kleine Bucht von Lenno.

          Der Landesteg ist nur ein paar Schritte vom Hotel entfernt. Durch Zufall steht das Gartentor offen, und so ziehen wir unsere Koffer über einen Kiesweg einfach in den Hotelgarten hinein. Dort bleiben wir verzaubert stehen. Oberhalb einer Wiese mit uralten Bäumen steht das Hotel. Es sieht aus wie aus einem Traum mit seinen Rundbögen, grünen Fensterläden, schmalen Balkonen und gerafften roten Jalousien. Efeu rankt sich die Hauswand hinauf. Eine hölzerne überdachte Veranda weist zum Garten hinaus, in eine Parklandschaft voller Dattelpalmen, Zierahorn, Agaven und baumhohen Rhododendren. Weinlaubbewachsene Pavillons spenden Schatten. Ein verwittertes Mäuerchen trennt die Wiese vom See. Runde Mühlsteine dienen als Tische. Weiße Plastikliegen sind in kleinen Gruppen über die Wiese verteilt, das einzige Zeichen, dass wir uns im einundzwanzigsten Jahrhundert befinden. Ein Kellner bringt ein Tablett mit Aperitifs in den Garten. Alles ist von einer heiteren Melancholie bestimmt, als wären wir in einen Roman von Giorgio Bassani eingetaucht, „Die Gärten der Finzi-Contini“. Da hat uns auch schon der Kellner entdeckt, und wenige Augenblicke später schleppt ein junger Mann unsere Koffer die Stufen hinauf in die Halle. Er ist ein wenig verwundert, wie wir mit unseren Koffern in den Garten gekommen sind, der Hoteleingang sei auf der anderen Seite, oben an der Straße. Als wir auf das Boot zeigen, das eben den See überquert und weiter nach Bellagio fährt, lächelt er: Benvenuti.

          Nicht verstaubt, eher nostalgisch

          Wenig später haben wir unser Zimmer bezogen. Es ist geräumig und licht. Weiße Vorhänge bauschen sich vor dem bodentiefen Fenster. Eine altertümliche Waschkommode mit Spiegel nimmt fast die ganze Seitenwand ein. Die Schubladen klemmen ein wenig. Wir füllen nicht einmal die oberste Schublade, der Platz würde für einen ganzen Sommer reichen. In einem weiß lackierten Wandschrank stapeln sich Wolldecken und Kissen. Das Bett mit dem altmodischen Metallrahmen nimmt das halbe Zimmer ein. Wir versinken in den dicken Matratzen wie zwei Neugeborene. Die Laken riechen nach frischer Seife. Die Schubladen des Nachttischchens sind mit Papier ausgeschlagen wie bei meiner Großmutter. Der glänzende dunkle Dielenboden fühlt sich warm an unter den Füßen. Einen Kühlschrank gibt es nicht. Einziges Zeichen der Moderne ist ein kleiner Flachbildschirm auf einem runden Beistelltischchen. Das Bad ist fast gänzlich ausgefüllt von einer Emaillebadewanne mit Löwenfüßen, das Waschbecken gegenüber ist jedoch so niedrig montiert, als sei es für Zwerge gedacht. Zugegeben, manches ist ein wenig in die Jahre gekommen in diesem Haus. Der abgesprungene Lack am Nachttisch und der fast blinde Spiegel im Bad. Dennoch fühlen wir uns sofort wohl. Vielleicht, weil jeder Gegenstand eine Geschichte erzählt, nichts ist uniformiert und durchgestylt. Das Hotel ist nicht verstaubt, vielmehr ein wenig nostalgisch, als würde die Zeit hier langsamer vergehen. Nur der Parkplatz vor unserem Fenster mit den dunklen Limousinen stört ein wenig die Illusion. Zum Glück ist er von Dattelpalmen und baumhohen Rhododendren verdeckt. Der Lärm der Durchgangsstraße ist in der Nacht dennoch zu hören. Wir haben zu spät gebucht, sonst hätten wir noch eines der Zimmer mit Seeblick bekommen. Aber schon bald habe ich mich entspannt und schlafe tief und fest.

          Panoramablick vom Comer See auf die Villa del Balbaniello ganz in der Nähe.
          Panoramablick vom Comer See auf die Villa del Balbaniello ganz in der Nähe. : Bild: picture alliance / Zoonar

          Am nächsten Morgen duftet es im Frühstücksraum nach gebratenen Eiern und Speck. Ein Kellner bringt Kaffee und Cocktails auf die Terrasse. Es gibt eine altmodische Bibliothek aus dunklem Holz und ein Kaminzimmer mit efeubewachsenen Fenstern. Alles mutet ein wenig englisch an. Das sei kein Wunder, erklärt Veronica Redaelli, eine zurückhaltende Enddreißigerin, die mit ihrem Bruder das Hotel führt. Als ihr Urgroßvater, Giulio Cappelletti, das Hotel erbaut habe, kamen vor allem Engländer an den See. Sie schätzten das milde Klima und verweilten den ganzen Sommer hier. Es waren die Zwanzigerjahre des letzten Jahrhunderts, der Tennissport war gerade in Mode gekommen. Sogar einen Tunnel unter der Durchgangsstraße ließ ihr Urgroßvater anlegen, so konnten die Gäste durch den oberen Garten zum Tennisplatz gelangen. Und wie aufs Stichwort kommen in diesem Augenblick zwei Herren im Tennisdress die Treppe hinab.

          Einfach zwischendurch in den See springen

          Giulio Capelletti war ein Selfmademan und Abenteurer wie aus einem amerikanischen Roman. Er lernte Kellner, heuerte auf einem Kreuzfahrtschiff in Ägypten an und lernte dort die Gepflogenheiten der besseren englischen Gesellschaft kennen. Zurück in Lenno, stieg er zum Manager eines kleinen Hotels auf. Sein Traum aber war ein eigenes Hotel. Er konnte schließlich am Rand des Dorfes das Land einer ehemaligen Olivenmühle erwerben. Seine englischen Stammgäste unterstützten ihn finanziell, und so gelang es ihm, das eigene Hotel zu eröffnen, das San Giorgio. Man spielte Tennis, besuchte Konzerte in Tremezzo, machte ab und zu einen Ausflug in die Berge. Man verweilte den ganzen Sommer lang. Leider konnte Giulio die Eröffnung des Hotels nicht lange genießen. Er verstarb schon vier Jahre später.

          Und die heutigen Gäste? Als wäre er einem Nildampfer entstiegen, sitzt beim Abendessen ein älterer Herr mit Turban und Bart auf der hölzernen Veranda, begleitet von zwei exzentrisch gekleideten Damen, die einem Film entsprungen scheinen. Ein älterer Herr in Badehose und Handtuch über der Schulter nimmt schon vor dem Frühstück ein kühles Bad. Ein Pärchen aus der Schweiz verbringt hier die Flitterwochen. Eine Hamburger Großfamilie ist gleich mit zwei Schwiegertöchtern plus Enkelkindern angereist. Jeden Morgen beim Frühstück werden wir zu amüsierten Zeugen einer höchst komplizierten Tagesplanung. Am Ende lösen sich die meisten Vorhaben jedoch in Luft auf, weil zum Zeitpunkt des anvisierten Aufbruchs die Kinder längst zum See hin entwischt sind.

          Im Grunde braucht man den Ort nicht zu verlassen. In Lenno gibt es alles, was man braucht. Vier oder fünf Restaurants säumen die Promenade, es gibt eine Pizzeria zu zivilen Preisen, eine Eisdiele und eine Strandbar am anderen Ende der Bucht. Ein paar Tische mit rot karierten Decken sind vor der Trattoria am Kirchplatz aufgebaut. Eine Kindereisenbahn tuckert die Promenade entlang. An der Durchgangsstraße gibt es einen Kiosk, die Post, ein paar verstaubte Vinotheken und einen Supermarkt. Wer nicht mit dem Auto hinauf in die Berge fahren und sich dennoch ein bisschen umsehen will, spaziert einfach den Greenway entlang, einen Wanderweg, der die Dörfer am Ufer miteinander verbindet. Der Weg ist einfach markiert: Eine runde Bronzeplatte mit zwei stilisierten Fischen ist in regelmäßigen Abständen in den Boden eingelassen. Er führt zu Wallfahrtskirchen hinauf und durch die engen Gassen mittelalterlicher Dörfer. Wem es zu heiß wird, der braucht einfach nur zwischendurch in den See zu springen. Und für den Rückweg gibt es die regelmäßig verkehrenden Linienschiffe.

          Orange leuchtet der Aperol Spritz

          Die Geschichte des Hotels San Giorgio ist nicht immer friedlich gewesen, darauf weist eine Tafel an der Durchgangsstraße hin. In den letzten Kriegsjahren diente es, wie viele Hotels am See, den Faschisten als Unterschlupf. Der Innenminister Mussolinis war mit seinen Wachen im Hotel stationiert. In der Nacht zum 4. Oktober 1944 stieg eine Partisaneneinheit aus ihrem Versteck in den Bergen ins Tal. Sie wollten den Minister entführen, um Waffen zu erbeuten und Kameraden freizupressen. Aber die Wachen waren gewarnt, es gab einen blutigen Schusswechsel im Parkplatz vor dem Hotel, genau unterhalb unseres Zimmers. Ugo Ricci, der Partisanenführer, und drei seiner Kameraden starben. Ein zweiter Trupp, der die Straße absperren wollte, wurde von den anrückenden faschistischen Truppen überrascht. Viele wurden in den nächsten Tagen hingerichtet und deportiert, unter ihnen auch sechs zivile Geiseln aus Lenno. Ein Denkmal auf dem Kirchplatz erinnert daran. Nur ein halbes Jahr später wurde Mussolini mit seiner Geliebten am Comer See gefasst, als er auf einem deutschen Lastwagen in die Schweiz flüchten wollte. Partisanen richteten ihn hin. Eine unscheinbare Gedenkstätte im Nachbardorf erinnert daran.

          Im Örtchen Lenno gibt es alles, was man braucht.
          Im Örtchen Lenno gibt es alles, was man braucht. : Bild: picture alliance / Zoonar

          Gleichsam als Antwort auf die düstere Geschichte entlädt sich in der Nacht ein heftiges Gewitter. Über Stunden rollt der Donner zwischen den Bergen hin und her. Regen prasselt die ganze Nacht und noch am nächsten Morgen, als Händler ihre Marktstände auf der kleinen Piazza und entlang des Ufers aufbauen. Sie sind von den Bergen heruntergekommen, aber kaum ein Passant findet den Weg zu den Obst- und Gemüse-, Käse- und Salamiständen. Dennoch harren sie aus.

          Gegen Mittag schon taucht die wärmende Sonne wieder zwischen den Wolken auf. Wiesen und Gärten dampfen vor Feuchtigkeit. Die Kinder haben ein Schlauchboot zum Steg hinuntergeschleppt und paddeln auf den See hinaus. Die elegante Hamburgerin beobachtet sie von der Ufermauer. Sie trägt schon wieder ein neues Kleid, heute in Blau und Weiß, sie habe es gestern in Como erstanden, verrät sie der Schwägerin. Offenbar ist sie ein paar Stunden ihrer Großfamilie entwischt. Der Kellner trägt leuchtend orangefarbenen Apérol-Spritz in den Garten hinaus. Der See ist tiefblau. Nur ein paar Äste und Blätter schaukeln auf den Wellen, einzige Erinnerung an den nächtlichen Sturm. Die gegenüberliegenden Berge sind in ein milchiges Licht getaucht, und das Tragflächenboot aus Bellagio steuert den Landesteg an. Wir haben es uns auf den Liegestühlen gemütlich gemacht und sehen gleichmütig zu, wie es weiter in Richtung Como fährt.

          Informationen: Das Hotel San Giorgio liegt in Lenno, etwas südlich von Tremezzo. Im Internet unter www.sangiorgiolenno.com.

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