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„Colorama“ : Verweile doch! Du bist so schön

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„Colorama“ nannte Kodak die riesigen Panoramen, mit denen das Unternehmen in New Yorks Central Station vierzig Jahre lang seine Farbfilme bewarb. Nun gibt es sie in einem Buch. Von Freddy Langer

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          So reizend, so entzückend, so herzallerliebst! Sympathischer als in der Werbung für den neuen Farbfilm von Eastman Kodak konnte man Amerika und die Amerikaner in den fünfziger Jahren allenfalls noch auf den von Norman Rockwell gemalten Titelseiten der „Saturday Evening Post“ sehen. Geradezu biedermeierlich muten manche der Aufnahmen an. Zum Beispiel die Familie beim Zelten am See: der Vater am Lagerfeuer über einen Topf gebeugt, die Kinder mit einem Boot am Ufer. Oder die Familie beim Tollen im Wohnzimmer: der Vater längs auf dem Teppich ausgestreckt, die Kinder frech auf seinem Bauch. Oder die Familie an Heiligabend daheim: der Vater beseelt neben dem geschmückten Baum, die Kinder aufgeregt am Fenster, um dem Weihnachtschor im Vorgarten zu lauschen. Und die Mutter? Die steht jeweils inmitten der Szenerie, mal die Brownie Starmite im Anschlag, mal die Brownie Super, um den bezaubernden Moment mit dem Kleinbildfotoapparat für immer festzuhalten. Wenn das Leben zum Augenblick sagt: „Verweile doch! Du bist so schön“, dann ist es Zeit für einen Schnappschuss.

          Damit nur jeder begriff, welch unermessliches Glück noch die kleinste Aufnahme beschert, fuhr Kodak großes Geschütz auf. Im Bahnhof Grand Central im Herzen New Yorks hingen die Aufnahmen in dem unvorstellbaren Format von fünfeinhalb Meter Höhe und einer Breite von achtzehn Metern, rücklings angestrahlt von mehr als sechzehnhundert Kaltkathodenröhren mit einer Lichtleistung von einundsechzigtausend Watt. Es waren die größten Dias der Welt. Nicht Funzeln, mag Kodak sich gedacht haben, sondern Blenden, Lodern, Glühen! Vermutlich war die Präsentation am Ostbalkon der Schalterhalle die bis dahin aufwendigste Werbekampagne überhaupt. Womöglich auch die teuerste.

          Denn für diese Präsentation musste alles erst erfunden werden, von speziellen Vergrößerungsapparaten bis zu den gewaltigen Bahnen des Umkehrmaterials, die so groß waren, dass man sie in einem noch nicht fertiggestellten Schwimmbecken im Erholungszentrum für Kodak-Mitarbeiter trocknete. Waren die Panoramen anfangs noch aus einundvierzig Teilen zusammengefügt, brauchte man am Ende nur noch zehn Streifen, die auf Rollen nach New York transportiert wurden. Alle drei bis fünf Wochen wurde ein neues Dia installiert. Am Ende waren es 565 Motive.

          Dem Bild von Geborgenheit in der idealisierten, weißen Mittelschichtsfamilie hielt Kodak bis zum Ende der Kampagne, 1990, die Treue, aber parallel zur boomenden Wirtschaft zog man mit den Modellen bald schon zu den schönsten Orten Amerikas und später des Globus, so dass die Einheit von Ferien und Fotografieren unverkennbar wurde. Von den schroffen Felsen des Yosemite-Nationalparks über die Rocky Mountains bis zum Tal des Todes reichen die ausgewählten Kulissen, die an Ort und Stelle mit dem Schild „Kodak Picture Spot“ nochmals geadelt wurden. So erfuhr Amerika nicht nur, mit welchem Material der Urlaub festgehalten werden soll, sondern auch gleich noch, wohin die Reise geht.

          „Colorama“, herausgegeben vom George Eastman Museum. TeNeues Verlag, Kempen 2018. 208 Seiten, 83 Farbtafeln. Gebunden, 50 Euro.

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