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Schwarzwald-Tourismus : Reise in die chinesische Vergangenheit

  • -Aktualisiert am

2019 drängten sich an diesem Steg noch chinesische Touristen. Hier startete die Titisee-Rundfahrt, circa 25 Minuten, danach ging es zum Essen, dann zum Shoppen. Seit Corona ist alles anders. Bild: Fabian von Poser

Der Titisee ist das perfekte Schwarzwald-Idyll. Ein Einkaufserlebnis gibt es überall dazu. Vor allem für Touristen aus China und Indien. Doch seit Corona ist alles anders.

          3 Min.

          Der Titisee im März. Noch ist es still. Am Himmel hängen dunkle Wolken, die bisweilen noch ein paar Schneeflocken bringen. Der Strand ist verwaist, über den Schwarzwald weht ein eisiger Wind. Ein paar ältere Damen führen ihre Hunde spazieren. Doch die Seestraße, die Schwarzwald-Copacabana, ist wie leer gefegt. Und das zu einer Jahreszeit, in der hier sonst bereits die Post abgeht, wie der indische Verkäufer im Souvenirshop gegenüber dem Restaurant „Seeblick“ sagt. Keine Chinesen, keine Inder, selbst an Reisegruppen aus Übersee ist derzeit nicht zu denken.

          Kaum 150 Meter entfernt sitzt Olaf Drubba in seinem Büro. Weiße Schreibtische, zwei Bildschirme. Ein kleiner Besprechungstisch. Ansonsten gibt es wenig Dekor. „Das Geschäft hat sich komplett verändert“, sagt der 61-Jährige. Die Umsätze seien seit Beginn von Corona um mehr als 80 Prozent zurückgegangen. „Und im Moment ist nicht abzusehen, wann sie sich wieder erholen.“ Gemeinsam mit seinen Brüdern Jürgen, Peter und Thomas hat Drubba am Titisee eine Kunstwelt erschaffen: ein kleines Imperium aus Hotels, Restaurants, Geschäften und einem Bootsverleih. Die Klientel sind vor allem Asiaten, insbesondere Chinesen. Der schlichte und einprägsame Slogan hier lautet: „Stop, Lunch, Shop“.

          25 Minuten Bootsfahrt, Lunch, Shopping

          Alles begann 1956. Damals kauften Klaus und Ursula Drubba einen Kiosk am See. Später kam der Bootsverleih hinzu. Anfang der 1970er-Jahre, als der Tourismus am Titisee Fahrt aufnahm, vergrößerten die Eheleute den Kiosk zu einem Restaurant. Die Bootsvermietung wurde mit dem Rundfahrtboot Götz von Berlichingen und mit dem Nachbau der 80 Personen fassenden römischen Galeere Titus aufgepeppt. Später kamen das „Schwarzwälder Uhrenzentrum“, das „Café und Brauhaus zur Mühle“, das Boutique-Hotel „Alemannenhof“ und das „Hotel Hofgut Sternen“ in der nahen Ravennaschlucht dazu. 1996 erfolgte der Generationenwechsel. Heute gehören der Familie auch das Juweliergeschäft „Drubba Moments“, „Drubba Shopping“ und das Chinarestaurant „Jade“.

          Vor Corona brachten zahlreiche Veranstalter die Gäste aus Asien in großen Reisebussen an den Titisee. Das Programm: 25 Minuten Bootsfahrt, Lunch, Shopping. „Produkte und Marken aus Europa haben gerade bei Chinesen einen hohen Stellenwert“, sagt Olaf Drubba. „Sie lieben europäische Qualitätsware.“ In den Geschäften bietet sein Unternehmen alles an, was gut und teuer ist. In den Vitrinen liegen IWC- und Tissot-Uhren, Victorinox-Messer, Samsonite- und Rimowa-Koffer. Andernorts füllen Kuckucksuhren, Bollenhüte und Schwarzwälder Schinken die Auslagen.

          Ganz auf asiatische Kundschaft eingestellt hat sich ein Verkäufer von Kuckucksuhren an der im Volksmund „Goldküste“ genannten Uferstraße am Titisee
          Ganz auf asiatische Kundschaft eingestellt hat sich ein Verkäufer von Kuckucksuhren an der im Volksmund „Goldküste“ genannten Uferstraße am Titisee : Bild: picture-alliance / dpa

          Doch das Geschäft läuft nicht mehr. Die Rückgänge sind dramatisch. Ins Juweliergeschäft verirren sich nur wenige Kunden, „Drubba Shopping“ hat mangels Kunden derzeit nur samstags und sonntags geöffnet. Im „Café und Brauhaus zur Mühle“ nur ein paar Meter weiter sitzen ein paar Gäste. Es sind ausschließlich Deutsche, denn China hat sich in der Pandemie abgeschottet. „Die Null-Covid-Strategie der chinesischen Regierung und die mehrwöchige Quarantäne bei Rückkehr ins eigene Land machen Reisen für Chinesen so gut wie unmöglich“, sagt Drubba.

          Vor Corona hatten sie je nach Saison 250 bis 280 Mitarbeiter, davon 20 aus Asien. Heute sind es noch 150. Entlassen werden musste dank Kurzarbeitergeld bislang niemand. „Aber viele Mitarbeiter sind selbst gegangen und haben sich andere Jobs gesucht.“ Auch das „Jade“, nur 30 Meter vom Seeufer entfernt, ist verwaist. Hier waren chinesische Köche und Kellner angestellt. Jetzt blättert das Dekor von den Scheiben, die Stühle stehen auf den Tischen. Nur eine verstaubte Keramikfigur der chinesischen Gottheit Lu, der Gott des Wohlstands, schmückt das Fenster. Ob das Restaurant jemals wieder aufmacht? Drubba weiß es nicht. „Das kommt darauf an, ob sich das Geschäft aus Asien wieder erholt.“

          Chinesen gaben 2019 mehr als 5,6 Milliarden Euro in Deutschland aus

          Aber warum fasziniert asiatische Touristen ausgerechnet der Titisee derart? „Sie lieben das klare Wasser und die frische Luft bei uns ebenso wie das Essen“, sagt Olaf Drubba. Und die Einkaufsmöglichkeiten. „Markenartikel aus Deutschland und Europa sind hierzulande durch die Mehrwertsteuererstattung deutlich günstiger als in China.“

          Es ist einsam geworden um Lu-Stern, den Gott des Wohlstands, im Chinarestaurant „Jade“  am Titisee.
          Es ist einsam geworden um Lu-Stern, den Gott des Wohlstands, im Chinarestaurant „Jade“ am Titisee. : Bild: Fabian von Poser

          Frühstück in Paris, Abendessen am Titisee. Am nächsten Tag Neuschwanstein, dann München. Chinesen gelten als Schnellreisende, und auch am Titisee blieben sie kaum länger als drei Stunden. Dennoch hatte sich China für den deutschen Tourismus zu einem enormen Wirtschaftsfaktor entwickelt. Bis zum Beginn der Pandemie wuchs die Zahl der chinesischen Gäste in Deutschland kontinuierlich. Zwischen 2010 und 2019 verdreifachte sie sich. Besuchten 2010 noch rund 500 000 Chinesen die Bundesrepublik, waren es im Jahr vor der Pandemie 1,5 Millionen. 2019 war Deutschland das beliebteste Reiseziel chinesischer Reisender in Europa, vor Frankreich, Italien, der Schweiz und Spanien. In diesem Jahr gaben Chinesen mehr als 5,6 Milliarden Euro in Deutschland aus. „Das spiegelt die wirtschaftliche Bedeutung für den Einzelhandel und die Tourismus- und Freizeitindustrie in Deutschland wider“, sagt Petra Hedorfer, Vorstandsvorsitzende der Deutschen Zentrale für Tourismus (DZT). „Damit generierten die Chinesen rund acht Prozent des gesamten Umsatzes im deutschen Incoming-Tourismus.“ Mit diesem Niveau rechnen Experten frühestens im Jahr 2025 wieder.

          Am Titisee kommt jetzt die Sonne heraus, die Wellen funkeln im Nachmittagslicht. Ein Hauch von Frühling liegt in der Luft. Das Wetter am See ist noch wechselhaft, aber Olaf Drubba bleibt optimistisch. Der internationale Tourismus werde sich wieder erholen, das sei die Erkenntnis aus vielen Gesprächen in den vergangenen Wochen und Monaten. In dem Moment, in dem die Quarantäne für Reiserückkehrer in China aufgehoben werde, könne es schnell gehen. Aber das Volumen von vor der Krise erwarte auch er erst einmal nicht. „Denn dafür haben sich zu viele Dinge verändert.“

          Der Weg an den Titisee

          Anreise Mit dem Auto zum Beispiel über die A 81 Stuttgart–Singen (Ausfahrt Bad Dürrheim) oder über die A 5 Karlsruhe–Basel (Ausfahrt Freiburg-Mitte) und dann weiter bis Titisee-Neustadt. Mit der Bahn nach Freiburg. Von dort mit der Höllentalbahn nach Titisee.

          Unterkunft Zum Beispiel im Alemannenhof etwas abseits des Ortszentrums (www.hotel-alemannenhof.de), in „Brugger’s Hotelpark am See“ (www.hotel-brugger.de) oder im „Treschers“ (www.treschers.de).

          Einkaufen Uhren, Koffer, Handtaschen und Schmuck zum Beispiel bei „Drubba Shopping“ (drubba­shopping.de) beziehungsweise bei „Drubba Moments“ (drubbamoments.de). Schwarzwald-Souvenirs unter anderem bei „Brunners Welt der 1000 Uhren“ (cuckoo-clock.store).

          Weitere Auskünfte Tourist-Information Titisee, Strandbadstraße 4, 79822 Titisee-Neustadt, Tel. 07652/12060, hochschwarzwald.de

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