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Foto: Prisma Bildagentur

Es steht in den Sternen

Von ELENA WITZECK
Foto: Prisma Bildagentur

26. April 2020 · Die Sterne sind morgen noch da: Erinnerung an eine Nacht unter dem chilenischen Himmel.

Das Tal, in dem nachts der schönste Himmel der Welt zu bestaunen sein soll, lag bis zum Mittag in grauen Wolken. Beinahe jeden Tag ist das so, sie haben sogar einen Namen: Camanchaca. Auf der Seite der Berge ist der Camanchaca, der dorther kommt, wo die chilenische Wüste auf das Wasser trifft, ein dichter, regenloser Nebel. Wenn sich bis zum Nachmittag nichts daran ändert, darf man sich Sorgen machen.

Auf dem Puclaro-Stausee, einem riesigen Bassin mit königsblauer Oberfläche aus Anden-Schmelzwasser, drehten die Kitesurfer ihre Runden. Cristian Pumarino hatte den Transporter genommen und wir waren die eine Stunde von der Küste ins Landesinnere gefahren, wo man die Observatorien von den Gipfeln blitzen sieht: Cerro Tololo, SOAR, Gemini Sur. Kleine silberne Kuppeln mit Antennen. Es war ein früher Nachmittag Ende Januar. Er blickte zum Himmel und sagte, das wird nichts, komm besser in ein paar Tagen wieder. Wir saßen im schneidenden Wind der Kordilleren am See, unter dem seit 20 Jahren drei Dörfer begraben liegen und den es nur gibt, weil es im Elqui-Tal einmal neun Jahre lang nicht geregnet hat. Und warteten. Weil ja eigentlich niemand, der es bis in den chilenischen Norden geschafft hat, später wiederkommen könnte. Jetzt schon gar nicht mehr.

  • Zwei Dörfer liegen unter dem Stausee begraben.
  • Hier wachsen Muskatellertrauben.
  • Zwei Dörfer liegen unter dem Stausee begraben. Foto: Pictures-Alliance
  • Hier wachsen Muskatellertrauben. Foto: Pictures-Alliance

Es ist ein bisschen wie mit den Nordlichtern. Wenn man ins Elqui-Tal kommt, will man Sterne sehen. In normalen Zeiten kann man auch wandern oder Wein probieren, oder Pisco, den Schnaps, der hier in großen Mengen aus Muskatellertrauben gewonnen wird, weil das Klima an der Kreuzung der Kordilleren, zwischen Anden und Küste, besonders günstig ist. Oder Kitesurfen wegen des Windes. Oder an den Strand gehen. Wobei die Promenade der Küstenstadt La Serena nicht besonders paradiesisch ist und seit Beginn der landesweiten Proteste gegen die Regierung und das neoliberale Wirtschaftssystem, die nur eine weltweite Seuche vorübergehend stoppen konnte, mit wütenden Graffiti-Tags verschmiert. Sogar die chilenische Nationaldichterin und Nobelpreisträgerin Gabriela Mistral, die aus der Gegend stammte und auf jedem zweiten Marktplatz in Stein gehauen ist, hat im Elqui-Tal jetzt allenthalben rot beschmierte Augen. Cristian sagt, das gehe zu weit. Was soll Gabriela mit dem politischen Ärger zu tun haben?

Das ist das Angebot von La Serena für die Zerstreuung am Tag – in Erwartung der Nacht. In der Nacht kann man am Himmel von Orion bis Sirius alles sehen, was die südliche Hemisphäre zu bieten hat. Ein Drittel der Teleskope weltweit steht in Chiles Norden, wo sich das Klima und die geringe Besiedelung gegenseitig begünstigen. Und dann sagten die Taxifahrer, sagte auch die Hotelchefin in La Serena: Nach Anbruch der Dunkelheit lieber nicht mehr alleine raus. Aber diesen Himmel sieht man nur draußen! Deshalb hilft es, wenn einen jemand hinbringt wie Cristian, der alles über das Tal, sein Klima und seine Nächte weiß, und auch deshalb läuft das Geschäft mit den Observatorien so gut. 

In Vicuña standen die Menschen Schlange. Vicuña, sechzig Kilometer von La Serena gelegen, ist das Gegenteil von La Serena: klein, malerisch, naturverbunden. Hier reihen sich Bars und Glaskugelverkäufer aneinander. In jedem Elqui-Dorf ringsum stehen Teleskope, sie alle bieten astronomisches Programm. Der Touranbieter Elqui Experience erklärt das Basiswissen über die Sterne mit Handpuppen. Cristian hatte gleich gesagt, er vertraue nur einem, wenn es darum gehe, die Himmelsattraktion mit der Wissenschaft zu vereinen. Eric Escalera heiße er und sei selbst Astronom, ein Franzose, der sein eigenes Observatorium mit einem 60-Zentimeter-Hohlspiegel-Teleskop auf einem einsamen Gipfel eröffnet hat: Pangue heißt es. Wenn das Mamalluca-Observatorium am Rande Vicuñas mehrfach täglich 30 Menschen durch seine Himmelstour schleust, nimmt Escalera im Schnitt sieben mit auf den Berg. Während das Tololo-Observatorium wegen seiner wissenschaftlichen Arbeit nur Tagestouristen zulässt, die für den Blick auf eindrucksvolle Gerätschaften und die Anden zahlen, dürfen am Standort Pangue alle schauen und fragen, so viel, wie sie wollen.

Zu ihm wollte Cristian nach dem Warten am Stausee, um zu erfahren, was aus den Wolken würde. Escalera saß in seinem Büro am Plaza Gabriela Mistral, ein großer Mann mit dunklem Haar, das in der Stirn klebte. Er sah aus wie einer, der keinen Satz zu viel sagt, an dessen geheimnisvollen Forscher-Leidenschaften man aber unbedingt teilhaben wollte. Sein Kopf war hinter einem Bildschirm vergraben. In Vitrinen lagen Folianten über Galaxien und Fotografien von Sternenhaufen. Cristian hustete, und Escaleras Gesicht erhellte sich. Ja, das werde am Abend alles gutgehen, sagte er und hatte noch immer nicht vom Monitor aufgeschaut, die Wolken werden sich verziehen. Der Mond sei halbvoll, damit müsse man leben. Und: Bitte um neun wiederkommen.

Gabriela Mistral, Nationaldichterin und Nobelpreisträgerin, ist allgegenwärtig. Sie lebte sehr bescheiden im Dorf Pisco Elqui.
Gabriela Mistral, Nationaldichterin und Nobelpreisträgerin, ist allgegenwärtig. Sie lebte sehr bescheiden im Dorf Pisco Elqui. Foto: Elena Witzeck
In Gabriela Mistrals Wohnhaus
In Gabriela Mistrals Wohnhaus Foto: Elena Witzeck
Bis Anfang des Jahres war das Geschäft mit den Sternen ein sehr lukratives. Jetzt erzählt Cristian Pumarino, er bedrucke Tassen mit Motiven von den nächtlichen Exkursionen, um über die Runden zu kommen.
Bis Anfang des Jahres war das Geschäft mit den Sternen ein sehr lukratives. Jetzt erzählt Cristian Pumarino, er bedrucke Tassen mit Motiven von den nächtlichen Exkursionen, um über die Runden zu kommen. Foto: Elena Witzeck
Der Dorfplatz von Pisco Elqui wirkt wie aus der Zeit gefallen.
Der Dorfplatz von Pisco Elqui wirkt wie aus der Zeit gefallen. Foto: Elena Witzeck

Um neun war es dunkel. Wir hatten ein Bier getrunken, das Cactus hieß, und waren um den Marktplatz gewandert. Cristian, Mitte dreißig und unverheiratet, hat von seinem Leben im Tal erzählt. Mit seiner Geschäftspartnerin in der Agentur, seiner Mutter, telefonierte er häufig. Seine Stimme klang dabei mal verständnisvoll, mal genervt, jedenfalls nahm er immer ab. Die Nächte mit den Touristen sind lang, sagte Cristian, aber er liebe die Sterne. Er war schon in San Pedro de Atacama mitten in der Wüste, wo das legendäre ALMA-Observatorium steht und Wissenschaftler aus aller Welt arbeiten. Wenn seine Gäste bei Eric Escalera auf Tour gehen, muss er auf dem Parkplatz warten. Dann stellt er sein Stativ vor dem Gelände auf und nimmt sehr lange belichtete Fotos auf, die er später verkaufen will.

Eine Minute nach neun war der Transporter mit Eric Escalera und den anderen schon davongefahren. Cristian murmelte, keine Sorge, er kenne den Weg, schließlich fahre er unentwegt von Bergdorf zu Bergdorf, nach Pisco Elqui zum Beispiel, wo sich Rucksacktouristen und junge Chilenen scharten und „Sonnenküche“, von der Sonne gegarte chilenische Küche, probierten.

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Das Elqui-Tal ist auch bei Tag ganz ansehnlich: Wer nicht wandern will, geht eben Pisco trinken.

Aber dann wurde die Dunkelheit immer schwärzer und der Weg immer schmaler, und über die Windschutzscheibe fegte Wüstenkies. Vicuña liegt auf 620 Meter Höhe, das Pangue-Observatorium auf 1500 Metern. Dass man die Sterne im Elqui-Tal so gut sieht, hat auch damit zu tun, dass aus den Dörfern ringsum kaum Licht dringt. Die vielen touristischen Angebote haben die Dunkelheit zuletzt gefährdet. Ein Büro zum Schutz des nächtlichen Himmels wurde eingerichtet, das die Lichtquellen der Nacht überwacht.

Am Ziel wies der Mond den Weg. Die Hügel lagen schroff und staubig da. Auf dieser Höhe war es auch im Sommer kalt. Dort klirrte die Luft und war klar, nur deshalb sah man so gut. 350 000 Sternschnuppen im Jahr. Kein Lichtschein störte den Nachthimmel. Kein Zigarettenqualm. Escaleras Gäste stiegen flüsternd auf das Teleskop-Plateau. Eric Escalera kennt das, er kommt fast jeden Abend mit Überwältigten. Erwartet wird kein astronomisches Vorwissen, nur Neugier. Er hat gelernt, einfach zu erklären, was unendlich kompliziert ist. Ein schwarzes Loch, ein Sternennebel. Wieso sterben Sterne, hören auf zu glühen? Was soll das sein, ein Exoplanet? Und wieso sehen andere Schatten und Nebel, die man selbst nicht erkennen kann? Ein Teleskop bezeugt auch die eigene Unerheblichkeit, die Grenzen der Vorstellungskraft.

Das Mamalluca Observatorium bei Tag
Das Mamalluca Observatorium bei Tag Foto: Picture-Alliance

Sein Laserpointer kroch aus der Schwärze empor und begann behutsam, den Himmel zu strukturieren: „Seht ihr Sirius“, fragte seine Stimme im Nichts, und: „Schon mal die Magellan'schen Wolken gesehen?“ Zwei benachbarte Zwerggalaxien wie zwei ferne Wattebäusche. Dann führte er jede und jeden Einzelnen an den Spiegel seines auf der Plattform thronenden Teleskops. Ganz langsam begannen sich die Augen zu gewöhnen. Ein Mondkrater, gleich nebenan.

Im Süden zeigt der Himmel mehr Sterne als im Norden. Das Zentrum der Michstraße liegt ungefähr zwanzig Grad südlich des Äquators. In den fünfziger Jahren entdeckten Astronomen die Vorzüge der chilenischen Wüste, der Andengipfel und ihrer Ausläufer im Elqui-Tal, wo der Wissenschaftsalltag erträglicher ist als auf den Hochebenen Atacamas. 1969 bauten die Amerikaner den Standort Tololo und begannen zu forschen. 1999 eröffnete das brasilianisch-amerikanische Forscherkollektiv SOAR. Gemini Sur gibt es seit zwanzig Jahren, sein nördliches Pendant steht in Hawaii. Und bis 2022 soll das leistungsstarke Vera C. Rubin Observatorium auf einem Berg bei Vicuña in Betrieb gehen, ein Teleskop, das in kurzen Zeiträumen immer wieder den gesamten Himmel beobachten wird. Fast siebzig Prozent der weltweiten astronomischen Forschungszentren stehen heute in Chile.

Und dann leuchtet die Milchstraße den Weg.
Und dann leuchtet die Milchstraße den Weg. Foto: Mauritius

Am Rande des weiten, milchigen Lichtkegels, den der Mond warf, zeichneten sich die Kuppeln von SOAR am Horizont ab. Es wirkte sehr friedlich. Escalera zeigte durch die Linse des Teleskops planetarische Nebel (die letzte Phase im Leben sonnenähnlicher Sterne), er zeigte Sternnebel, die Überreste einer Supernova, eines explodierenden und sich selbst auslöschenden massereichen Sterns, auf Spanisch: Nebulosas. Ein Netz aus zum Leuchten gebrachten Gashüllen, so unwirklich wie unbeschreiblich schön. Orte, an denen neue Sterne entstehen. In der Dunkelheit war das Gesicht des Astronomen unbewegt, aber sein Ton verriet, dass er jetzt bei seinen Forscher-Leidenschaften angelangt war.

Während Eric Escalera sprach, wölbte sich die Milchstraße immer weiter über den Himmel, bis es im Nacken weh tat. Es war aussichtslos, den Überblick zu bewahren. Drei Stunden waren vergangen. In der Ferne leuchtete winzig und rot Cristians Kamera. Es blieb noch Zeit zum Nachdenken über die erstaunliche zeitliche Entfernung dessen, was man da sah, die Einmaligkeit des Augenblicks, die Kälte, die einem in die Glieder fuhr. Und die eigene Unerheblichkeit hinter dem Hohlspiegel.

Wir gingen anonym auseinander, wie wir gekommen waren. Zum Abschied sagte Eric Escalera: „Ich denke, wir haben genug gesehen. Mit etwas Glück ist der Himmel morgen noch da.“ Cristian baute das Stativ ab und fuhr uns vorsichtig zurück ins Tal. Erst über den Wüstensand, dann durch die Weinberge und am Stausee vorbei in Richtung Küste, wo sich der Nebel legte. Je näher wir La Serena kamen, desto leerer wurde der Himmel. Dass Sirius und Orion da noch irgendwo in der Dunkelheit waren, hatte etwas ungemein Beruhigendes.

Zu den Sternen

Im Elqui-Tal etwa 500 Kilometer nördlich von Santiago befinden sich vier astronomische Forschungszentren und ein Dutzend touristische Observatorien. Bei wissenschaftlichem Interesse empfiehlt sich eine Tour durch eines der internationalen astronomischen Zentren. Touristische Angebote wie im Mamalluca-Observatorium lassen sich, wenn nicht gerade der gesamte Tourismus im Tal (und im übrigen Land) lahmgelegt ist, kurzfristig buchen. Besonders eindrucksvoll ist der Himmel im Juli. Cristian Pumarino organisiert Touren auf Spanisch, die Agentur heißt Planeta Turismo www.planetaturismo.cl. Mehr unter www.chile.travel.




Quelle: F.A.S.

Veröffentlicht: 21.04.2020 14:31 Uhr