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Chile : Stille, Staub, Vergessen

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Vanitas mundi: Salpeter war Ende des neunzehnten und Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts hochbegehrt als Düngemittel, aber auch bei der Sprengstoffherstellung wurde er gebraucht. Er ließ Städte wie Santa Laura aus dem Nichts der Wüste wachsen – und stieß sie nach dem Ende des Booms in den Verfall und die Vergessenheit. Bild: Volker Mehnert

Der Salpeter machte Chile einst unermesslich reich. Dann stürzte er das Land in den Bankrott. Heute zeugen Geisterstädte in der Atacama-Wüste von der Vergänglichkeit allen Glücks.

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          Für Geisterstädte gibt es kein offizielles Gütesiegel, und doch lassen sich für sie genaue Kriterien aufstellen: Baufällig und in Ansätzen zerstört darf sich die Geisterstadt präsentieren, aber in ihren Grundstrukturen muss sie intakt geblieben sein. Dass sie vom Verlauf der Zeit gestraft und gepeinigt wurde, darf man ihr anmerken, auch dass sie jetzt ohne Herz und ohne Blutkreislauf ist, ein Gebilde ohne Bewegung und ohne Laut, in der allein der Wind manchmal für unheimliche Geräusche sorgt. Man soll in ihr aber auf jeden Fall ein Gefühl bekommen für das Leben, das hier einst stattfand, soll die Geschäftigkeit der Menschen, die an diesem Ort wohnten, noch erahnen können. Außerdem sollten jeder einzelne Winkel und die Stadt als Ganzes danach rufen, dass die Leute zurückkehren mögen, dass sie einfach dort weitermachen, wo sie aufgehört haben. Doch weil das nicht passiert, muss sich wenigstens die Frage aufdrängen, warum es denn eigentlich nicht weitergegangen ist.

          Gleich zwei dieser Geisterstädte für allerhöchste Ansprüche stehen in der Atacama-Wüste im Norden von Chile, nur wenige Kilometer voneinander entfernt: die früheren Salpeter-Metropolen Santa Laura und Humberstone. Es sind Relikte von so unermesslichem wie vergänglichen Reichtum, Ruinen der Verschwendung in kargster Umgebung, Konstruktionen aus dem Alltag brutaler Ausbeutung. Still stehen seit einem halben Jahrhundert die eisernen Maschinen und Kurbelwellen, die gigantischen Mahlwerke und die fragilen Windräder. Sonnenstrahlen ergießen sich durch glaslose Fenster, offene Türen oder Löcher in den Dächern der Gebäude. Die verbliebenen Balken der Dachkonstruktionen malen geometrische Muster in den immerblauen Wüstenhimmel. Kratzt man am Staub und an der Oberfläche, kommt aus den alten Brettern noch heute ein hellbraun glänzendes Edelholz zum Vorschein, aus dem man herrliche Möbel schreinern könnte.

          Das Schweigen der trockensten Wüste der Welt

          Steinfußböden, verrostete Blechbehälter, eiserne Wassertanks, riesige Trichter und Bottiche aus Holz sind mit einer dicken Staubschicht bedeckt. Telegrafenmasten, manchmal noch mit Drähten verbunden, ragen zwischen den Gebäuden empor. Überall verstreut liegen Eimer und Blechdosen, Werkzeuge, Haken, Nägel und Schrauben herum. Auch Schuhe, Kleidungsstücke und Säcke sind durch die absolute Trockenheit erhalten geblieben. Ein staubiger Fußballplatz mit verrosteten Toren hat schon seit einer Ewigkeit kein Spiel mehr erlebt. Das totale Schweigen der trockensten Wüste der Welt wabert zwischen den verbliebenen Gebäuden und schleicht sich in sie hinein. Nur wenn der Wüstenwind aufkommt, pfeift er gespenstisch durch die Häuser. Dann beginnt er ein geheimnisvolles Geklapper, rüttelt an einem lockeren Wellblechdach, lässt ein Scharnier quietschen oder zerrt an einer Kette. Auch fünfzig Jahre nach dem Verlassen der Anlage riecht es noch nach Jod.

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