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Kreativclub in Chicago : Das Leben der anderen

  • -Aktualisiert am

Den Schokoladen-Geruch bekommt man ganz umsonst – für die Aussicht auf der Dachterrasse muss man bezahlen: In Chicago hat das Soho House eröffnet. Bild: Soho House

In Deutschland haben wir es schon eine Weile, in Chicago ist es ganz neu: das Soho House. Auf Kurztrip in der „murder capital“ lernt man viel über kreatives Denken und Handeln.

          5 Min.

          Zwölf Uhr mittags an einem sonnigen Freitag in South Side Chicago. Vier Frauen, also ich und drei mir unbekannte Damen, die mir soeben erst von Kate als Mitfahrgelegenheit zugeteilt wurden, sitzen in einem abgewetzten Kombi und fahren durch die menschenleere Dorchester Street. Die Straße ist von kleinen, zweistöckigen Häusern gesäumt, viele davon stehen, den Schildern im Vorgarten nach zu urteilen, zum Verkauf.

          Die Krise hat hier heftig aufgeräumt, so scheint es. Die Stimmung ist angespannt, die wenigen Menschen, die man trifft, laufen, als seien sie immer auf der Hut, als könne jede Sekunde etwas ganz Unerwartetes und Unangenehmes passieren.

          Plötzlich halten wir vor einer Kirche, oder besser gesagt dem, was mal eine Kirche war. Jetzt steht hier nur noch die Frontfassade, der Rest wurde niedergerissen. Ein Parkplatz soll hier hin - parken statt beten quasi. Bloß wozu? Hier gibt es ja nichts, für das man parken wollen würde. Traurig sieht es aus. „Unbelievable“, stöhnt die eine, „it’s a desaster“, die andere. Hin- und hergerissen zwischen Empörung und Faszination stehen wir nun hier, zusammengequetscht in diesem Auto mitten in einer Gegend, in der, wie Kate vorhin noch beiläufig erzählte, immer mal wieder Schießereien auf offener Straße abgehalten werden. Na toll.

          Könne wir nicht einfach wieder zurück?

          Die eine, Professorin für Stadtentwicklung an der Universität von Chicago, will jetzt unbedingt aussteigen und fotografieren, als auf einmal zwei junge Männer in schwarzen Joggingklamotten, behängt mit vielen Goldketten, in die Straße biegen. Sie laufen wippenden Schrittes auf unser Auto zu.

          Sind das Gangmitglieder? „Gang members?“, fragt die eine jetzt ziemlich laut, was ich ganz leise dachte. Alle Türen werden verriegelt, bloß ruhig bleiben, keine Panik. Werden wir jetzt angegriffen? Ernsthaft: Können wir nicht bitte einfach weiterfahren? Zurück in die Stadt, zurück zur Michigan Avenue?

          Zwölf Uhr mittags am nächsten Tag in einer anderen Ecke der Stadt. Die Sonne scheint wie eine pralle Leuchte auf die frisch bezogenen blau-weißen Liegen eines Rooftop-Pools in West Side Chicago. Gut aussehende Menschen plantschen im Wasser, tippen bei einem Mittags-Snack geschäftig in ein Macbook Air oder genießen einfach, wie ich, die phantastische Aussicht auf die Chicagoer Skyline.

          Es geht um Ideen, nicht um Geld

          Hier herrscht eine entspannte, ausgelassene Stimmung, alle finden sich gut und begrüßen selbst wildfremde wie alte Bekannte. Man weiß: Wer hier drin ist, der gehört zu unserer Gang, das macht das Leben einfacher. Wir befinden uns im Soho House Chicago, dem jüngsten Ableger der weltweit operierenden Gruppe. In einer Welt, wie eine schöne, glänzende Blase.

          Berliner Leser werden es kennen, ein solches Haus steht dort schon seit mehreren Jahren auf der Torstraße und funktioniert blendend. Zumindest sieht Nick Jones, der Erfinder dieses Member Clubs, das so. Es sei ein wunderbares Haus, er sei damit sehr zufrieden, sagt er und sitzt dabei auf der Sonnenterrasse von Chicago. Berlin und Chicago, so erklärt er, haben eines gemeinsam: Sie sind Ballungsorte für sogenannte Kreative.

          Und für genau diese Art von Menschen, also jene, die irgendwas mit Medien oder Mode oder Kunst oder Musik oder Film zu tun haben, hat Jones, der angeblich selbst einmal ein ganz wildes, total un-Member-Club-mäßiges Leben geführt hat, die Exklusiv-Kette erfunden. Vom Prinzip her ist es ein Club nach dem britischen Modell, nur dass es hier nicht darum gehen soll, wer das meiste Geld auf der Bank, sondern wer die meisten Ideen im Kopf hat. Angeblich.

          Ein Platz an dem man überall sich zuhause fühlt

          Jones sagt jetzt bei einem Cappuccino ganz viele Dinge, die gut gemeint, aber doch auch irgendwie ein bisschen falsch klingen, nur wirkt es, als würde er sie wirklich ehrlich so denken: Es sei ein Ort des Austauschs, an dem Menschen mit gemeinsamen Interessen sich connecten können. Einer, an dem im besten Fall Neues entsteht und es auch vollkommen normal ist, dass Patti Smith neben einem eine Pizza isst oder Brett Easton Ellis einem über die Bar zuzwinkert, weil hier ja im Grunde alle etwas Ähnliches machen.

          Ach ja, mmh. Er ist schon ein sympathischer Typ, dieser Jones, der morgens mit seinen vielen Kindern im Pool herumschwimmt und einem nachmittags von den herrlichen Fahrradtouren am Lake Michigan erzählt, die man unbedingt mal mit den hauseigenen Rädern machen sollte.

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