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Frankreich : Was soll das denn für ein Jahrgang werden?

  • -Aktualisiert am

Pinot-Noir-Ernte während des Corona-Sommers Bild: Oliver Maria Schmitt

Noch nie wurden die Trauben für den Champagner so früh geerntet wie in diesem Corona-Sommer. Unser Autor hat alles mitgeschnitten.

          9 Min.

          Mit einer Schere Geschichte schneiden? Ich bin gerade dabei. Dass aus den prächtig prallschwarzen Trauben, die in den Eimer vor mir plumpsen, mal ein legendärer Champagner werden wird, ist für mich so sicher wie das Ploppen beim Pullenöffnen. Historisch ist dieser Jahrgang 2020 schon jetzt: frühester Erntebeginn aller Zeiten, der erste Schampus nach oder mit Corona – und der erste, den ich selbst ernte.

          Seit Beginn der Aufzeichnungen im Jahr 1822 wurde noch nie an einem 17. August begonnen, einzelne Winzer durften die ersten Trauben sogar noch früher schneiden. Was für ein Champagner aber wird das werden? Wird es Spezialabfüllungen geben? Eine spezielle Cuvée, um dieses pandemische, ja historische Horrorjahr angemessen zu vinifizieren? Und schnipple ich überhaupt die richtigen Trauben, nämlich nur die besten?

          Erste Erntehilfe

          Ich bin schwer nervös, denn das ist mein erster Einsatz als Erntehelfer – und dann gleich an den teuersten Trauben der Welt. Meine Einweisung dauerte nicht mal zwei Minuten. Hannah hat mir mal eben eine Hüfttasche mit Wasserflasche und eine Rebschere in die Hand gedrückt und mich an den Anfang einer langen Rebenzeile gestellt. „Schneide nur die Trauben, die du auch selbst essen würdest“, sagt sie und kontrolliert wohlwollend meine ersten zaghaften Schnitte. Ich müsse die Beeren auch nicht einzeln taxieren und untersuchen, sondern mehr so schnipp-schnapp-schnupp die Trauben vom Stock knipsen.

          Zum Glück verstehe ich, was die junge Frau sagt, denn sie ist Deutsche aus Ostfriesland. Vor acht Jahren stand sie hier selbst als Erntehelferin und fand Raphaël, den Sohn des Winzers, ziemlich sympathisch. Heute haben Raphaël und Hannah zwei Kinder, betreiben im nahegelegenen Neuville-sur-Seine das kleine Bio-Champagnergut Domaine de Bichery, und jetzt muss Hannah auch schon wieder los. Das Mittagessen für vierzig Erntehelfer will vorbereitet sein.

          Wissenschaftler für sich: Unser Autor bei seinem ersten Ernteeinsatz.
          Wissenschaftler für sich: Unser Autor bei seinem ersten Ernteeinsatz. : Bild: Oliver Maria Schmitt

          Mir ganz recht, so kann ich endlich in Ruhe den Ausblick genießen. Bin auch leicht erschöpft, immerhin habe ich schon fast einen ganzen Eimer Trauben geschnitten. Gerade geht die Sonne auf über dem endlosen Meer aus Rebstöcken, die Hitze des Tages kündigt sich an. 36 Grad sollen es werden, der heißeste Tag des Jahres. Weit schweift der Blick hinunter ins Tal, wo die Seine sich jung und ungestüm durch sanfte Hügellandschaften schlängelt. Erst viele Kilometer und Zuflüsse später wird sie träge durch Paris fließen. Ich stehe leicht gebückt in der Côte des Bar, im südlichsten Teil der Appellation Champagne, eine gute Autostunde entfernt von den beiden Champagnerhauptstädten Reims und Épernay. Rollendes Hügelland, goldene Weizenfelder, kleine Dörfer und Wäldchen und immer mal wieder ein ordentlicher Schwung Weinberge.

          Champagner-Ernte ist international

          Nur sieben Kilometer sind’s bis zum Weinanbaugebiet Burgund. Kein Wunder, dass auch hier schon der Rotwein regiert: Mehr als vier Fünftel der Reben tragen Pinot Noir, Spätburgunder, der kräftige, fruchtige, gut strukturierte Grundweine hervorbringt. Die Winzerchampagner der Aube fallen besonders knackig und fruchtig aus, viele keltern eine monocépage, einen sortenreinen Blanc de Noir: weißen Champagner aus schwarzen Burgundertrauben.

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