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Chalkidiki : Ausflug nach Arkadien

Blick über die Küste der Insel Amoliani Bild: plus 49 / Rainer Hackenberg

Die Luft ist mild, die Bäume wissen nichts vom Frost. Jetzt heimfahren? Nie im Leben. Aussteigen. Hierbleiben. Zur Not auch bei den Mönchen, bei Ziegenmilch und Brot. Eine Rundreise auf der Chalkidiki im Norden Griechenlands.

          5 Min.

          Das Pferd heißt Kleopatra. Das paßt natürlich überhaupt nicht, denn hier ist nicht Ägypten, sondern Griechenland, aber irgendwie paßt es doch, denn auch Kleopatra scheint sich fehl am Platz zu fühlen. Offenbar hat ihr beim Aufstehen keiner gesagt, daß sie heute wieder mit Touristen reiten gehen muß, mit Leuten, die aus den sibirischen Weiten Berlins hergekommen sind, um an den Hängen des Holomondasgebirges über grüne Waldwege zu traben.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          Jedenfalls geht Kleopatras Laune gegen Null, als wir die Gebirgsstraße bei Taxiarchis überqueren, und sinkt an der ersten Wegbiegung im Kiefernhain endgültig unter den Gefrierpunkt. Da es ihr nicht gelingt, den Reiter an einem Gebüsch abzustreifen, versucht sie es an einer Pinie, leider wieder ohne Erfolg, denn Kostas, der griechische Pferdeflüsterer, der ruckartig aus seiner Lethargie aufwacht, treibt sie mit Knüffen und Flüchen auf den Waldpfad zurück. Das geht eine Viertelstunde so, bis das Tier, der Troupier und der Tourist sich halbwegs aneinander gewöhnt haben. Doch da ist die Reitstunde "für Anfänger" auch schon vorbei, in Jimmy's Hotel, einem Wanderer-Resort in der grünen Wildnis, gibt es frisches Wildbret, und die tapfere Stute bekommt ihren Hafer. Jassu, Kleopatra!

          Kleine alte Griechen

          Das war am dritten Tag. Am zweiten fuhren wir zu Tsantalis, in die größte Weinkellerei der Gegend, und tranken Wein, weißen und roten. Echte Weinprüfer machen es ja so, daß sie die Probe nach dem Probieren wieder ausspucken, aber dafür schmeckte der Wein zu gut. Also tranken wir wie Obelix in "Asterix bei den Schweizern" ("Und, wie ist die Schweiz so als Land?" - "Flach!"), bis wir alles vergessen hatten, was wir vor der Weinprobe besichtigen durften. Die Gärfässer, die Destillieranlage, die Stahltanks, die Kellergewölbe: vom Weine verweht. Es blieben 1 Präsentflasche, 1 Mittagsschlaf im Kleinbus, diverse Prospekte.

          Am Nachmittag liefen wir mit Nikitas durch Nikiti, ein Dorf zwei Autostunden südöstlich von Thessaloniki, das aus einem neuen, gesichtslosen und einem alten, geschichtsvollen Teil besteht. Den restaurieren Nikitas und ein paar zahlungskräftige Thessalonicher mit großem Enthusiasmus; man kann dort sogar Apartments mieten, sehr exklusiv, allerdings vor allem für Menschen unter einsachtzig empfehlenswert (die alten Griechen waren klein). Vor allem aber kennt sich Nikitas mit Schornsteinen aus. Dieser dort, der einem orthodoxen Kirchtürmchen gleicht, ist byzantinisch, der da drüben, der wie die Miniatur eines Minaretts aussieht, osmanisch. Aber es gibt auch albanische, serbische und bulgarische Schornsteine, und da wird die Sache kompliziert.

          Bis heute Hinterland geblieben

          Nordgriechenland war ein Völkergemisch, seit im sechsten Jahrhundert die Slawen von der Donau herab vorstießen, um sich ihren Platz an der Sonne zu sichern. Erst durch die 1923 zwischen Griechenland und der Türkei vereinbarte "Völkertrennung" wurde der Schmelztiegel zum Eintopf. Seither gibt es hier viele griechische Orte, die mit Vornamen "Nea" heißen, weil sie von Exilgriechen aus Kleinasien gegründet wurden, während an die vertriebenen Türken höchstens noch der Kaffee erinnert, den die Griechen wider besseres Wissen als elliniko, griechisch, bezeichnen.

          Das Ganze hier heißt Chalkidiki, gesprochen hal-ki-thi-ki, wie die griechische Führerin uns mit nimmermüdem Zungenrollen einbleut. Das ist ein sehr altes Wort, älter als die Schornsteine von Nikiti und selbst die Kiefern des Holomondasgebirges. Es bedeutet "Rechtsgebiet von Chalkis", weil diese Gegend, in der die balkanische Landmasse als dreizehige Felsklaue ins Ägäische Meer ausgreift, im achten und siebten Jahrhundert vor Christus hauptsächlich von Siedlern aus Chalkis in Euböa kolonisiert wurde. Später interessierten sich auch andere Leute für die Chalkidiki, zuerst die Perser, die auf ihrem Zug gegen Athener und Spartaner hier vorbeikamen, dann die Athener auf ihrem Zug gegen die Spartaner, später die Spartaner beim Waffengang gegen die Makedonier und schließlich nur noch die Makedonier. Als Kassander, der Schwager Alexanders des Großen, im Jahr 315 vor Christus die Stadt Thessaloniki gründet, bekommt die Chalkidiki endgültig ihren historischen Platz zugewiesen: Sie wird Hinterland. Das ist sie bis heute geblieben, durch die Zeiten der Slawenzüge, der Seeräuber, der Kaiser und Sultane hindurch.

          Fast jedes Haus eine Kneipe

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