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Chalkidiki : Ausflug nach Arkadien

Mittlerweile könnte man die drei Landzungen am Fuß des Holomondas mit gutem Recht in Touristiki umtaufen, denn sie gehören den Urlaubern - bis auf die östlichste, die im Besitz der Mönche ist. Schon den antiken Heiden war der Berg Athos heilig, und seit der späten Völkerwanderungszeit fanden auch christliche Beter an seinen Hängen Schutz. Die Mönchsrepublik, die hier mit kaiserlichem Privileg vor elfhundert Jahren entstand, ist die orthodoxe Variante des Vatikanstaats, ein abweisendes, stolzes und frauenfeindliches Regime klösterlicher Trutzburgen, in denen das byzantinische Mittelalter gegen die europäische Gegenwart verteidigt wird. Von außen, vom Deck eines in der Dünung schaukelnden Schiffs, sehen die Mauern und Türme großartig aus, aber beim Vorbeifahren kann man ein Frösteln nicht unterdrücken, wenn man an die Rauschebärte da drin in ihren klammen Zellen denkt, die zugigen Hallen, die qualmenden Öfen, die langen, einsamen Winternächte.

Mitte Oktober ist Nachsaison in den Sandbuchten und Hotelpalästen der Halbinseln Sithonia und Kassandra, in Porto Carras, wo sich die europäischen Staatsoberhäupter trafen, und in Kallithea, wo Müller, Meier, Smith und Iwanow Urlaub machen. Auf dem Weg von Nea Potidea, wo ein antiker Kanal die Kassandra vom Festland trennt, zu den Touristenhochburgen im Süden sprießen überall die mezonetes aus dem umgepflügten Boden - Ferienwohnungen in Ferienhäuschen im pseudobyzantinischen Natursteinstil, mit Halbtürmchen, Flachdächern und handtuchgroßen Balkonen. In Afithos, einem Fischerstädtchen, gibt es noch einen historischen Ortskern mit Dachziegeln und Holzfensterläden, aber fast jedes Haus ist eine Kneipe, jede Terrasse ein Cafe.

Kopie seiner selbst

Es ist das alte Dilemma des Massentourismus: was er anfaßt, erstarrt zur Kopie seiner selbst. Original ist nur die Wildnis im Inneren der Halbinsel, ein arkadisches Idyll aus Steineichen- und Kiefernwäldern, duftenden Wiesen und Bienengesumm, mit Tümpeln, die Hunderte Meter tief in den karstigen Boden reichen. Auch die antiken Ruinen sind Originale, hier die Reste eines Zeus-Tempelchens, dort das Fundament einer frühchristlichen Basilika, aber ihr Schauwert ist zu gering, um die Sonnenanbeter aus ihren Liegestühlen zu reißen, und Bildungsreisende gibt es hier nicht.

Die gehen nach Olynth oder Stagira. Olynth, auf einem Plateau über dem Flußtal des Olynthios gelegen, war eine Mustersiedlung des Altertums, in kürzester Bauzeit mit rechtwinkligem Straßenraster hochgezogen und mit allem bürgerlichen Komfort ausgestattet, und wenn nicht die makedonischen Garden Philipps II., sondern ein Vulkan oder Erdrutsch die Stadt zerstört hätten, dann gäbe es hier ein griechisches Pompeji aus dem vierten Jahrhundert vor Christus zu bestaunen. Statt dessen blieben nur die Fundamente und ein paar Säulentrommeln, Mosaiken und Zisternen, aber das alles ist immer noch imponierend genug, es zeigt, daß die alten Chalkidiker keine Hinterwäldler waren, sondern planende, ins Weite denkende Köpfe, die nur das Pech hatten, in einer Welt ohne UN-Friedenstruppen und Feuerversicherungen zu leben.

Jetzt heimfahren? Nie im Leben

Stagira ist das Gegenteil von Olynth. Hier wurde Aristoteles geboren, der Begründer der abendländischen Philosophie und Erzieher Alexanders des Großen, aber der nur teilweise ausgegrabene Schuttberg auf einem Felsen an der Ostküste der Chalkidiki ist eher ein Kaff als eine Stadt. Ein magisches Kaff, allerdings. Die Krähen schreien über den Mauerresten, und man stellt sich vor, wie sie über den Köpfen der Fernhändler geschrieen haben müssen, die ihre Barken auf den Strand zogen, während oben schon die Weinamphoren aus den Kellern geholt wurden, um den Gastfreund zu bewirten, der Weizen vom Schwarzen Meer mitbrachte, Bernstein aus Ostseefernen, Flintsteine und Erz aus dem Kaukasus. 348 vor Christus ließ Philipp II. das aufsässige Städtchen zerstören, ein paar Jahre später baute er es zu Ehren des Philosophen, der seinen Sohn Alexander erzogen hatte, wieder auf. Aber es blühte nicht mehr; die Handelswege waren verdorrt. Heute liegt ein Dorf mit Bars und Stränden unterhalb des Hügels, aber der Tourismus wächst hier nicht richtig an, als hätten die Ruinen den Ort verhext.

Auf dem Rückweg zum Flughafen Thessaloniki taucht von fern der Athos aus dem Abenddunst. Unter ihm, im blauen Wasser des Singitischen Golfs, schwimmt das Inselchen Amouliani. Die Luft ist mild, die Bäume wissen nichts vom Frost. Jetzt heimfahren? Nie im Leben. Aussteigen. Hierbleiben. Überwintern. Zur Not auch bei den Mönchen, bei Ziegenmilch und Brot.

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