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Cartagena de Indias : Die Liebe in Zeiten der Unersättlichkeit

Die Farben des Lebens: Eine graue Maus ist Cartagena im Laufe seiner langen Geschichte nie gewesen und hat deswegen Schriftsteller des magischen Realismus wie Gabriel García Márquez immer wieder inspiriert. Bild: Laif

Cartagena de Indias an Kolumbiens Karibikküste gehört zu den schönsten Kolonialstädten Südamerikas. Sie hat es geschafft, nicht in Musealität zu erstarren. Der Preis dafür könnte allerdings eines Tages zu hoch sein.

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          Kann man Schönheit kaufen? Selbstverständlich, findet Doktor Guillermo Montes und preist in Bocagrande, dem Viertel der Schönen und Reichen von Cartagena de Indias, auf überlebensgroßen Plakaten mit dem breitesten, plastischen Chirurgenlächeln seine Körperoptimierungsdienste an. Brustvergrößerung, Fettabsaugung, Nasenkorrektur, Augenlidstraffung, Lippenunterspritzung, Popoaufblähung – keinen Wunsch lässt der Doktor Frankenstein im Dienste der Ästhetik unerfüllt. Die vornehmlich weiblichen Beweise seiner eigenen und seiner zahllosen Kollegen Kunstfertigkeit bevölkern die Strände von Bocagrande, Geschöpfe aus Fleisch und Blut und Botox und Silikon mit Silhouetten wie aus dem Anatomiebaukasten der Männerphantasien, die dem oft so einfallslosen Geiz von Mutter Natur spektakuläre Körperkurvenlandschaften mit Brüsten mächtig wie Melonen und Pobacken prall wie Papayas entgegensetzen. Voller Stolz und Würde tragen die Damen die Resultate ihrer eigenen Perfektionierung zur Schau und müssen sich dafür nicht im Geringsten schämen. Schließlich tun sie es in einer Stadt, die sich über Jahrhunderte so viel Schönheit erkauft hat, bis sie keine andere in Südamerika an Pracht und Glanz mehr überragte.

          Jakob Strobel y Serra
          stellvertretender Leiter des Feuilletons.

          Cartagena de Indias muss in keinen Spiegel schauen, um zu wissen, wer die Schönste im ganzen Land ist, und sie hat es noch nicht einmal nötig, sich auf Gabriel García Márquez zu berufen, der ihr in seinem Jahrhundertroman „Die Liebe in Zeiten der Cholera“ seine eigene Liebe gestand und nur ihr diesen Superlativ zusprach. Cartagena spielt die Rolle der Königin unter den südamerikanischen Kolonialstädten mit der größten Selbstverständlichkeit und Nonchalance, seit es 1533 vom Konquistador Pedro de Heredia an der kolumbianischen Karibikküste als Tor zu den unermesslichen Reichtümern des Kontinents gegründet und bald zur Hauptstadt des Vizekönigreichs von Neu-Granada wurde. Hier sammelten sich die Flotten, die schwer mit Gold und Silber aus den Anden-Kordilleren beladen wurden, um dann nach Sevilla zu segeln, genauso schwer bewacht von den Kriegsschiffen der Admiralität. So verwandelte sich Cartagena in eine Schatzkammer, die immer wieder prall gefüllt wurde, und war zugleich schlau genug, ihren Anteil von der Konquistadoren-Beute zurückzuhalten, um sich damit eine unvergleichliche Schönheit zu erkaufen.

          Weder Mord noch Totschlag

          Schatzkammern brauchen starke Mauern, und so verschanzte sich Cartagena hinter einem zwanzig Kilometer langen Wall voller Wehrtürme, Kasematten, Schießscharten und Reiterrampen, auf dem man bis heute die Altstadt fast vollständig umrunden oder sich zum Knutschen in den Scharten verabreden kann, eine Lieblingsbeschäftigung der örtlichen Jugend. Piraten aller Länder rannten gegen diese Fortifikation an, die – eine Ironie des Schicksals – noch immer die Schatztruhe Cartagena schützt, obwohl das Zeitalter der Korsaren längst vorbei ist: Nichts fällt der Polizei leichter, als sich an den Eingangstoren zu postieren und dafür zu sorgen, dass keine Schurken Einlass finden. Strengstens verboten ist die Einfahrt zum Beispiel für Motorräder mit Sozius, die nicht nur in Kolumbien das gängige Gefährt für Straßenraube und manchmal auch für Morde auf offener Straße sind. Deswegen fühlt man sich im historischen Zentrum so sicher wie in einem Mutterschoß, ein sehr seltenes Privileg in Lateinamerika.

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