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Caravan und Co. : Ein Camper für die gute Sache

Die deutsche Campingbranche blickt auf ein Rekordjahr zurück, und selbst Wintercamping wird immer beliebter – es muss ja nicht gleich bei Neuschnee im Zelt sein. Bild: CHROMORANGE / GUNAR STREU / FOTO

Während Reiseveranstalter, Kreuzfahrtreedereien und Hoteliers auf ein miserables Jahr zurückblicken, feiert die Campingbranche Rekordzuwächse – und blickt zuversichtlich auf das Jahr 2021.

          3 Min.

          Wer weiß, vielleicht wären die deutschen Campingplätze ja auch jetzt, im Dezember, gut gebucht. Vielleicht wären die Menschen auch bei Kälte und Dunkelheit draußen in der Natur, um in diesem eingeschränkten Urlaubsjahr zumindest etwas Abwechslung zu bekommen. Noch vor einem Jahr wäre man allein für den Vorschlag, im Winter campen zu gehen, für verrückt erklärt worden. Aber im Corona-Jahr können sich plötzlich auch Menschen, die zuvor noch nie in einem Schlafsack gelegen haben, für diese abenteuerliche Vorstellung erwärmen: an der Küste oder in den Bergen mit einem Becher Tee oder Glühwein am Lagerfeuer sitzen, bei eisigen Temperaturen den eigenen Aerosolwolken hinterherschauen, mit einem Lächeln die Standheizung im Wohnmobil aufdrehen. Nur: Auch die Campingplätze bleiben während des Lockdowns light bis mindestens 10. Januar geschlossen. Danach allerdings stehen über ein Drittel aller Plätze mit ihrem Angebot parat. Und das heißt: Wintercamping.

          Andreas Lesti

          Redakteur im Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung in Berlin.

          Die Campinglust der Deutschen ist jedenfalls so ausgeprägt wie nie. Und während Hoteliers, Reiseveranstalter und Kreuzfahrtunternehmen bangen und zum Teil um ihre Existenz kämpfen, feiert die Campingbranche ein Rekordjahr. 2020 haben die 2186 deutschen Campingplätze von Januar bis September über 29 Millionen Übernachtungen gezählt. Das sind 2,8 Prozent mehr als 2019 – und das war auch schon ein Rekordjahr, wie auch 2018, 2017, 2016, 2015 und 2014. Camping boomt seit Jahren, und nun hat die Pandemie dieser Urlaubsform noch mehr Gäste beschert. „Es hat sich gezeigt, dass Camping viele Merkmale hat, die perfekt geeignet sind für Urlaub während einer Pandemie“, sagt Maximilian Möhrle. Er ist Geschäftsführer des Portals Camping.info, das diese Zahlen erhebt. Die Gründe liegen auf der Hand: Viele Auslandsreisen waren nur bedingt möglich, Flüge wurden gestrichen, Hotels mussten schließen. Camping in Deutschland war oft die einzige Alternative. Man habe viele Erstcamper verzeichnet, bestätigt Möhrle, zudem habe – bis auf anfängliche Einschränkungen an Ostern und Pfingsten – die ganze Saison stattgefunden.

          Bis zu 27 Prozent Zuwächse

          So wurde die Campingbranche in diesem Jahr zum einzigen Profiteur der leidenden Reisebranche. Die Bundesländer Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg verzeichnen Rekordzuwächse von bis zu 27 Prozent. „In Bayern und an der Küste war eine Steigerung nicht mehr möglich“, erklärt Möhrle. Die Plätze waren ausgebucht, und so zog es viele Camper nach Mitteldeutschland, in Regionen wie das Vogtland, die Lausitz oder ins Oderbruch.

          Für 2021 erwartet Möhrle noch mehr Andrang. „Camping wird wohl die Urlaubsform sein, die als Erstes wieder möglich sein wird. Ich kann daher nur dringend dazu raten, rechtzeitig zu reservieren.“ Schon im vergangenen Sommer bildeten sich lange Schlangen vor den Campingplätzen, viele Stellplätze waren über Wochen ausgebucht. Aber nicht überall. „Es gab durchaus noch freie Plätze, zum Beispiel auf Rügen“, sagt Gunter Riechey, Präsident des Bundesverbandes der Campingwirtschaft in Deutschland. „Dass jeder Standplatz belegt ist, das gab es noch nie“, bestätigt auch Möhrle. Daher arbeiten sowohl der Verband als auch das Portal an einem Camping-Leitsystem. Ein System, das, ähnlich wie bei Parkhäusern in Innenstädten, Camper zu freien Plätzen lotsen soll, am Besten über eine App. „So käme es erst gar nicht dazu, dass Urlauber in ihren großen Reisemobilen auf engen Straßen von Platz zu Platz kurven“, sagt Riechey. Doch die Frage ist, wie schnell sich so ein System realisieren lässt. Schließlich müsste dafür jeder Campingplatzbetreiber freie Plätze sofort melden, in einer Branche, „die nicht unbedingt dem Fortschritt zugewandt ist, um es mal vorsichtig zu sagen“.

          Wohnmobile mit Fußbodenheizung

          Die Konsequenzen von ausgebuchten Campingplätzen bekamen im vergangenen Sommer viele zu spüren. In kleinen Orten in Mecklenburg-Vorpommern, Bayern oder Baden-Württemberg standen Wohnmobile auf Parkplätzen und in Nebenstraßen. Auch das „Wildcampen“ nahm zu und auch die negativen Begleiterscheinungen wie Müll in der Landschaft. Die Vorstellung, eine Nacht in der freien Natur zu verbringen, mag romantisch klingen. Doch sämtliche Hygienekonzepte, Abstandsauflagen, sowie Natur- und Brandschutzvorkehrungen, auf deren Einhaltung Campingplatzbetreiber genau achteten, geraten beim Wildcampen schnell in Vergessenheit.

          Das Campingjahr 2021 wird also in jeder Hinsicht herausfordernd. Und vielleicht beginnt es ja wirklich schon im Januar, wenn Beherbergungsverbote gelockert werden und Skigebiete öffnen dürfen. Gut ausgestattet wären die Deutschen. Denn auch die Zahlen der neuzugelassenen Freizeitfahrzeuge ist im Corona-Jahr gestiegen wie nie zuvor. Bis Oktober wurden laut Caravaning Industrie Verband in Deutschland 95000 Fahrzeuge neu zugelassen. Das sei bereits jetzt das beste Jahresergebnis der Branchengeschichte. Die Deutschen haben also aufgerüstet, könnte man sagen. Und sind nun auch gewappnet, für widrige Bedingungen, Temperaturen unter null Grad, Schnee und Eis. Die Standheizung gehört fast schon zur Standardausstattung, ebenso wie die Küche, die warme Dusche und der Fernseher. Und auch „Wohnmobile mit Fußbodenheizung“, sagt Riechey, „sind keine Seltenheit“.

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