https://www.faz.net/-gxh-9ncs1

Camping in Deutschland : Raus hier

  • -Aktualisiert am

Gerade beim Campen decken sich Wunsch (Symbolbild) und Wirklichkeit oft nicht. Bild: Picture-Alliance

Wieso wollen plötzlich alle campen? Und ist Camping die Lösung für all unsere Probleme? Über eine Urlaubsform, die sich verändert und dabei ist, einen ziemlich guten neuen Stil zu entwickeln.

          Wunsch prallt auf Wirklichkeit

          Der Traum: Ein blauer VW-Bus steht mit geöffnetem Dachzelt in einem Kiefernwald, der Sandboden fällt ab zum Wasser, wo ein paar Flaschen kühlen; auf einem Gaskocher steigt der Dampf aus dem Nudeltopf in die Dämmerung.

          Die Realität: Ein blauer VW-Bus fährt am Campingplatz Üdersee in Brandenburg vor. Es ist ein Mittwoch, und es sind keine Ferien, daher sind die vordersten Plätze am See alle frei. „Ist noch ein Platz für eine Nacht frei?“, fragen die beiden Ankömmlinge. „Das klären wir nach der Mittagspause“, sagt, aus nicht nachvollziehbaren Gründen, ein unfreundlicher Mann in der Empfangshütte. „Sie können ja am See warten.“ Nach einer Stunde kommen sie zurück, und er will sie im hintersten Winkel des Campingplatzes unterbringen. „Warum nicht vorne am See? Ist doch alles frei.“ „Es könnte ja noch jemand kommen, der länger bleibt.“ „Da müssten aber viele kommen.“ So geht das eine Weile hin und her, und am Ende will der Betreiber ernsthaft „8,50 Euro Eintritt“ für den Aufenthalt am See verlangen.

          So ist das leider, mit Wunsch und Wirklichkeit, und die deutsche Campingrealität prallt besonders hart auf diese Campingsehnsuchtstraumbilder, die „Zurück zur Natur“ so laut herausschreien, dass es Rousseau noch in seinem Grab hören müsste. Es sind Bilder, die auf gestresste Großstädter wirken wie ein Glas Wasser nach einem langen Wüstenmarsch. Und je mehr Menschen ein urbanes und digitales Leben führen – und das ist in Deutschland fast jeder Dritte, und es werden immer mehr –, desto stärker wird die Sehnsucht nach Natur, nach einem Wochenende im Freien, ein paar Nächten im Bus oder Zelt. Begriffe wie „Wanderboom“, „Micro-Adventure“, „Landlust“, „Achtsamkeit“, „Entschleunigung“, „Waldbaden“, „Nachhaltigkeit“ und „Fridays for Future“ stehen dafür. Die Zahlen des Bundesverbandes der Campingwirtschaft (BVCD) belegen es außerdem: 34,5 Millionen Übernachtungen verzeichneten deutsche Campingplätze im vergangenen Jahr, es war das fünfte Rekordjahr in Folge. Allein im Vergleich zu 2017 waren es 11,3 Prozent mehr, in den vergangenen zehn Jahren legte die Branche um satte 50 Prozent zu. Das liegt auch daran, dass mittlerweile 34 Prozent der Deutschen am liebsten im eigenen Land Urlaub machen und Deutschland als Tourismusziel das neunte Rekordjahr in Folge feiert.

          Die Wirklichkeit (Symbolbild) sieht allzu oft eher so aus.

          Zwischen Wunsch und Wirklichkeit

          Der Traum: Ein Nadelwald, schräge Lichtstrahlen fallen auf spielende Kinder, Wasser schimmert durch die Zweige und ein Stand-up-Paddler zieht vorbei. Irgendwo spielt jemand Gitarre.

          Die Realität: Die beiden fahren weiter, ohne die Tagesmiete zu bezahlen. Der Werbellinsee und der Berolina-Campingplatz am „Süßen Winkel“ sind nur 15 Minuten entfernt. Dort werden sie etwas freundlicher aufgenommen, bekommen einen betonierten und sehr akkurat mit einer Hecke eingegrenzten Platz am See zugewiesen, aber immerhin: am See. Der Platz besteht zum Großteil aus Dauercampern, die pochen auf das Regelwerk. Abends um Punkt 21.30 Uhr – es ist Juni und noch taghell – kommt eine Frau und sagt: „Mit dem Gitarrespielen müssen Sie jetzt aber aufhören.“

          Noch in den neunziger Jahren wurde das Klischee des deutschen Campers entweder mit zwanghafter Dauercamper-Schrebergarten-Mentalität (mit Kunsthecken und Gartenzwergen vor dem Wohnwagen), Armut (wer kein Geld hat, muss im Urlaub campen) oder Sonderlingen, die sich von der Gesellschaft verabschiedet haben, assoziiert. Gerne auch alles zusammen: der Camper, ein verarmter Nazi-Soziopath. Die Missbrauchsfälle vom Dauercampingplatz in Lügde/Nordrhein-Westfalen bestätigten dieses Bild auf tragische Weise. Kein Wunder, dass Campingplätze so oft als Stätte des Verbrechens im „Tatort“ oder „Polizeiruf“ herhalten müssen. Tatsächlich gibt es 260.000 Dauercampingplätze auf deutschen Campingplätzen und damit mehr als alle sogenannten „touristischen Standplätze“ zusammen. Das sind etwa 250.000, verteilt auf rund 3000 Campingplätze, wie das statistische Bundesamt in Deutschland gezählt hat.

          Weitere Themen

          Abgründe im Idyll

          Missbrauchsfall Lügde : Abgründe im Idyll

          Am Landgericht Detmold beginnt am Donnerstag der Strafprozess gegen die drei mutmaßlichen Täter im Fall Lügde. Die Hintergründe offenbaren nicht nur monströse Verbrechen – sondern auch besonders krasses Behördenversagen.

          Massentourismus am Weltwunder Petra Video-Seite öffnen

          Jordanien : Massentourismus am Weltwunder Petra

          Die Felsenstadt Petra in Jordanien leidet unter den jährlich wachsenden Besucherzahlen. Wie viel Massentourismus verträgt ein Weltwunder? F.A.Z.-Redakteurin Elena Witzeck hat sich vor Ort umgesehen.

          Der Hyänen-Anteil

          Airbnb expandiert : Der Hyänen-Anteil

          Ufo-Jagd in Arizona und Spurensuche mit kenianischen Stämmen: Airbnb hat jetzt „Adventures“ im Programm. Die Arbeit machen die Einheimischen. Was soll das?

          Topmeldungen

          Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer im Gespräch mit Klimaaktivistinnen

          „Volkseinwand“ : Warum vertritt die Volksvertretung nicht das Volk?

          Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer will seinen Bürgern ermöglichen, beschlossene Gesetzentwürfe durch Volksabstimmungen zu verhindern. Das hätte gravierende Auswirkungen auf den Landtag – aber auch auf die Bundespolitik.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.