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Camping in Deutschland : Raus hier

Hübsch retro: Airstream-Van in einem Park bei Toulouse.
Hübsch retro: Airstream-Van in einem Park bei Toulouse. : Bild: Picture-Alliance

Zum Glück decken sich Wunsch und Wirklichkeit manchmal doch. Man muss nur wissen, wo. So wie sich einige Campingplätze in Glampingplätze verwandelt haben, sind andere zu Naturcampingplätzen geworden. „Naturcamping“ ist eine Tautologie, die offenbar davon ausgeht, dass Camping bislang gar nicht in der Natur stattfand. Beim Naturcampen – nicht zu verwechseln mit Wildcampen, das ist in Deutschland verboten – geht es darum, möglichst unreglementiert und reduziert ein paar Tage in der Natur zu verbringen (diese Freiheit, das darf man nicht vergessen, muss aber gerade an verlängerten Wochenende lange im Voraus reserviert werden). Und zwar wirklich in der Natur. Sie wollen abends am Feuer sitzen und die durch die dunklen Bäume flatternden Fledermäuse beobachten, statt sich in einem sündhaft teuren Wohnmobil zu verkriechen und über Satellitenempfang Rosamunde-Pilcher-Filme zu schauen. Sie wollen im kühlen Morgendunst an einer auf dem Gaskocher aufgebrühten Tasse Kaffee die Hände wärmen und über den noch spiegelglatten See gucken, statt sich in einem weißen Wohnwagen einpferchen zu lassen. Sie wollen die Tage entspannt und mit ein paar wenigen Annehmlichkeiten, wie etwa einer Hängematte und einem guten Buch, verbringen, die Zivilisation ganz bewusst hinter sich lassen, um ihre Vorzüge dann wieder umso mehr genießen zu können. Zu den sogenannten Trekkingcamps, die es im Nationalpark Schwarzwald und in der Pfalz gibt, muss man mit GPS-Hilfe zu Fuß tief in den Wald gehen – und ähnlich wie bei den „Boofen“, den Schlafplätzen unter Felsvorsprüngen in der Sächsischen Schweiz, passt alles, was man für die Nacht braucht, in einen Rucksack.

Aber auch Natur- und Trekkingcamper sind überwiegend zahlungskräftige Kunden, die zwar auf die Natur reduzierte Ferien wollen, aber zugleich einen gewissen Stil und Komfort schätzen, den viele herkömmliche Campingplätze nicht bieten. Das Zelt oder der Campervan sind somit keine günstige Alternativen zu Hotel oder Ferienwohnung, sondern wohlüberlegte Abenteuer fern von alldem.

Oder man lässt das mit dem Campingplatz gleich bleiben: Zelt mit Blick auf die Ötztaler Alpen.
Oder man lässt das mit dem Campingplatz gleich bleiben: Zelt mit Blick auf die Ötztaler Alpen. : Bild: Picture-Alliance

Bei Stil und Komfort kommt die Vielzahl neuer Outdoor-Produkte ins Spiel, die es in den vergangenen Jahren geschafft haben, nutzvolle Gegenstände mit ästhetischem Anspruch zu versehen und all das, was man angeblich braucht, um seine Natursehnsucht auszuleben, nun für designverwöhnte Städter herstellten. Rucksäcke und Baumzelte, Klappmesser und Kaffeemühle, Miniaturgaskocher und Feuerschalen, Äxte in Designfilztaschen, viel zu schön, um damit Holz zu hacken, und Hängematten mit dem Packmaß einer Grapefruit. Es gibt eine Art Neuauflage des Airstream-Anhängers (Lume-Traveler, kostet zwischen 40.000 und 85.000 Euro), und Campingbusse von Mercedes und Volkswagen verkaufen sich wie nie zuvor, die Auslieferungszahlen des Models „California“ haben sich in den vergangenen drei Jahren mehr als verdoppelt (kosten zwischen 50.000 und 100.000 Euro). Ein Bus steht, ob nun nostalgisch oder modern, für die Sehnsüchte eines Büromenschen, der am Wochenende zu einem wilden Abenteurer aufbricht. Hinzu kommt noch ein ganz lebenswirklicher Hintergrund: Weil ein Haus mit Garten in München oder Stuttgart kaum finanzierbar ist, kaufen Familien sich aus dem Frust heraus einen Bus. Oder sie mieten sich bei „Roadsurfer“, „Campanda“, „Paulcamper“ oder einem von vielen weiteren neuen Vermietern einen Bus für ein Wochenende (kostet 200 Euro). Und das Zubehör, das man dafür braucht, gibt es günstig beim Discounter oder bei Decathlon (Tisch, Stühle, Kocher und Lampe kosten zusammen rund 100 Euro).

Die neue Camping-Freiheit hat unseren Nachbarn Frankreich schon vor vielen Jahren erfasst. Huttopia heißt das Unternehmen, das Céline Bossanne 1999 gemeinsam mit ihrem Mann Philippe gegründet hat. Damals kamen die beiden nach einem längeren Aufenthalt in Kanada nach Frankreich zurück und haben die nordamerikanische Outdoor-Liberté zu Hause vermisst. „Die Zeltplätze waren nicht besonders schön, meistens sehr voll mit dicht in Reihen gedrängten Stellplätzen“, sagt Bossanne in einem Interview. Und so erschufen sie kurzerhand das, was sie vermissten: einen Campingplatz mitten in der Natur. Heute betreiben sie 33 Naturcampingplätze und vier Hüttendörfer in ganz Frankreich.

Und in Deutschland? Huttopia sucht hierzulande gerade nach dem ersten Campingplatz, auf dem sie ihr Konzept verwirklichen können. Doch das ist gar nicht so einfach, nicht weil es keine schönen Plätze gäbe, sondern weil alteingesessene Dauercamper sich gegenüber neuen Konzepten verschließen.

Der Traum vom Camping und vom Urlaub in der Natur, illustriert im Buch „Die Vanlife-Kultur“, gerade eben auf Deutsch im Kunth-Verlag erschienen.
Der Traum vom Camping und vom Urlaub in der Natur, illustriert im Buch „Die Vanlife-Kultur“, gerade eben auf Deutsch im Kunth-Verlag erschienen. : Bild: Katerina Kerouli

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