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Das Haus des Dichters Valle-Inclán : Im dunklen Garten der Kindheit

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Gediegen: die gute Stube der galicischen Adelsfamilie Valle-Inclán, der einer der verrücktesten Dichter Spaniens entsprang. Bild: Rolf Neuhaus

Der spanische Dichter Ramón María del Valle-Inclán war ein Bohemien, Provokateur, Sarkastiker und Exzentriker. Wenn man sein Geburtshaus in Galicien besucht, weiß man, warum er wurde, wie er war.

          Wie passt das zusammen, dieses biederbürgerliche Haus und der Bürgerschreck adliger Abstammung Valle-Inclán? Diese finstere, unheimliche Atmosphäre von Pietät und Aberglauben und der luzide Autor von „Lichter der Boheme“? Das nebulöse Ambiente von Hexerei, Horror und Mysterium am nebligen galicischen Ende der Welt und die Klarsicht dessen, der das „Esperpento“ erfand und ein Meister der Satire und Groteske und Vorläufer des absurden Theaters war? In diesem Haus hörte er als Kind schaurige Geschichten von Wahrsagerei, Besessenheit und Verzauberung, Geschichten vom Satan, der in Gestalt einer schwarzen Katze Todgeweihten um die Beine strich, von Sargprozessionen mit lebendigen Leichen, die dem Teufel von der Schippe gesprungen waren, auf wundersame Weise genesenen Sterbenskranken, deren Särge bereits angefertigt waren, in denen sie sich durch die Straßen tragen ließen. Geschichten, die den kleinen Ramón zu Tode erschreckten und ihn des Nachts nicht schlafen ließen.

          Und dann wurde aus ihm ein Virtuose des schwarzen Humors und Sarkasmus, ein Provokateur und Exzentriker, ein Bohemien mit wallender Mähne, Bart bis auf die Brust, breitkrempigem Schlapphut und mexikanischem Poncho oder spanischer Capa als Markenzeichen, das Enfant terrible der Madrider Literaturszene im ersten Drittel des zwanzigsten Jahrhunderts. Nach dem nationalen Schock von 1898 und dem Verlust der Kolonien hielt ausgerechnet ein Sohn des besonders verzerrten Galicien den Spaniern einen Zerrspiegel vor die hoch getragene Nase, in dem sie erkennen konnten, wie Spanien wirklich war: dekadent, grotesk, lächerlich.

          Geisterbeschwörungen und Satansweiber

          Valle kam 1866 im Haus und Bett seiner Großeltern mütterlicherseits zur Welt, erblickte deren Licht und das Kruzifix und stieß Schreie aus. Seine Eltern wohnten ganz in der Nähe, doch war es damals Sitte in Galicien, dass die Frauen bei ihren Eltern entbanden. Es ist ein traditionelles galicisches Haus des neunzehnten Jahrhunderts, zweistöckig in L-Form aus Granitquadern gebaut. Im Parterre befanden sich Abstell- und Vorratsräume sowie die Kuh- und Pferdeställe, deren Wärme - und Duft - in die Wohnräume des ersten Stocks zog. Dort lagen längs der langen Vorderfront die Schlafzimmer, deren Zahl variiert werden konnte; je nach Bedarf wurden dünne Zwischenwände eingezogen. Den feinen Salon benutzte man nur an besonderen Festtagen, für den Alltag stand ein kleineres Esszimmer zur Verfügung. Mittelpunkt des Hauses aber war die Küche mit der großen Feuerstelle in einer Ecke und dem „Pott“ auf dem Dreifuß unter dem riesigen steinernen Rauchfang, der von einer Granitsäule gestützt wird. Das Haus wurde 1976 unter Denkmalschutz gestellt und nach einem Brand, der 1994 das Interieur zerstörte, restauriert und in ein Museum verwandelt, das mit Möbeln, Dekorationsgegenständen und Utensilien der Epoche sowie mit Dokumenten, Fotos und Erstausgaben der Bücher Ramón del Valle-Incláns bestückt ist.

          Im Haus lebte ein sehr altes Dienst- und Kindermädchen, das Micaela la Galana hieß und die wandelnde Chronik der Familie war, eine buckelige Alte mit monströsem Kopf und gequälter Seele. Wenn Micaela am Spinnrad vor dem Fenster zum Garten saß, erzählte sie dem kleinen Ramón Geschichten von Heiligen und Märtyrern, Seelen im Fegefeuer, Kobolden, Wegelagerern und Verwandten. Geschichten von Gräfinnen alten Geschlechts, fanatischen Hauskaplanen, unschuldigen Töchtern und jungen Männern, die ein tollwütiger Wolf gebissen hatte. Geheimnisvolle, gruselige, tragische Geschichten, von denen sie so viele kannte, Geschichten von unseligen Vorahnungen, Geisterbeschwörungen, dem bösen Blick und tanzenden Satansweibern. Derweil drang vom dunklen Grund des Gartens, aus dem Blätterwerk des mächtigen Magnolienbaums, der Kastanie, der Rosenstöcke und Weinreben ein Murmeln herauf. Die Krähen schrien sich die Seele aus dem Leib, und im Kamin heulte der Wind. Das Laub öffnete sich einen Spalt weit, ein weißer Strahl des Mondes huschte hindurch und brach sich an einer Granitbank, die bis dahin in Dunkelheit gehüllt war. Der große Valle vergaß die Geschichten nicht, sie erstanden in seiner Erinnerung immer wieder auf und klangen dann wie trockene Blätter in einem alten, verlassenen Garten, durch den ein unhörbarer, kalter Wind streicht. Er schrieb sie auf und gab sie 1903 heraus, unter dem Titel „Jardín umbrío“, dem dunklen Garten seiner Kindheit.

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