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Zwei Gesichter der Hauptstadt Europas : Der Höllensturz der gefallenen Engel

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Für die einen nur Plunder, für die anderen eine Schatzkiste: der täglich stattfindende Flohmarkt auf der Place du Jeu de Balle. Bild: Willi Weiß

Die Brüsseler Stadtteile Sablon und Marollen grenzen zwar aneinander, könnten aber verschiedener nicht sein. Während der eine sich in seiner Noblesse sonnt, pflegt man im anderen die proletarische Aufmüpfigkeit.

          Manchmal musste selbst eine Jackie Onassis erfahren, dass nicht alle Wünsche in Erfüllung gehen. So war es, als sie die Tapete besitzen wollte, vor der jetzt Arno Costermans steht. Lilien sprießen darauf in feinem Rot und Blau, Blütenstände sind vor sanftem Grau in illustren Farben phantasiert. Costermans wirkt davor wie ein junger Patriarch. Er spricht und gestikuliert mit jener Selbstsicherheit, die nicht in einer Generation zu wachsen vermag und der man ohne weiteres zutraut, selbst einer Onassis einen Korb zu geben. So tat es einst Arnos Großvater, der Jackies Tapetenwunsch kaltherzig ablehnte. Selbst ein Händler kennt Grenzen, und die handgemalte Tapete gehört zum Interieur, das jeden, der die Räume der Brüsseler Antiquare Costermans betritt, über Stil und Wesen instruiert, die dort seit sechs Generationen herrschen. So lange sind die Costermans im Geschäft, kaum eine andere Familie in Europa verkauft schon so viele Jahre Antiquitäten.

          Historismus und Jugendstil hallen in ihren weitläufigen Ausstellungsräumen wider wie auch die Zeit des Absolutismus. Es scheint, als dürften nur die Geißfüße, die Neorokoko-Kommoden tragen, das glänzende Parkett der Verkaufsräume betreten. Und es ist, als ob die Mahagoni-Schreibtische mit ihren bronzenen Beschlägen nicht als Waren dort stünden, sondern ausschließlich der Repräsentation dienten. Weiße Fauteuils mit blauen Polstern wirken so, als warteten sie auf untertänige Besucher. Blütenträume in Ölfarben wuchern über einem Damenschreibtisch. Auf einem Sims schlägt eine Rokokouhr die Stunden, glänzend mit ihrer Vergoldung jeder Vergänglichkeit trotzend. Möbel und Kunst legen in den weitläufigen Räumen ein Versprechen aus jener fernen Epoche ab, als über die kopfsteingepflasterte Torhalle der Costermans noch Kutschen adliger Kunden holperten. Es gilt heute wie damals als Gewissheit von Wohlstand und Wirkung.

          Anhaltender Taumel der Verzückung

          Seit 175 Jahren gehen Artefakte vom Haus am Grand Place de Sablon in Brüssel in die ganze Welt, Werke, die in Villen und Palästen Reichtum vorwiesen. Sie überstanden Revolutionen, Kriege und sogar Erbstreitereien. Jetzt steht Arno Costermans vor Jackies unerfülltem Tapetentraum und überrascht seine Besucher, als er sagt, dass allmählich die Objekte wieder zu ihm zurückkehrten. Antiquitäten besitzen ein langes Leben, und der Handel mit ihnen genießt eine unbegrenzte Umtauschfrist. Deshalb ist die Zeit kein Hindernis für Oligarchen und Bankiers, wenn sie heute die Werke, die einmal Fürsten erstanden, wieder zurück in das Haus am Grand Place de Sablon bringen. Für die Kunst, die dort einmal vor Epochen in beflissener Federkielschrift in jetzt vergilbten Listen als Verkäufe verzeichnet wurde, weiß der Abnehmer um ein Rückgaberecht für sich und auch für nachfolgende Generationen.

          In der Brüsseler Oberstadt nennen sie den Grand Sablon den zweitschönsten Platz Brüssels. Das mag zutreffen, ohne allerdings einen Blick auf die Größe der Differenz zu werfen. Unten am unbestritten schönsten Platz der Stadt versetzt der grandiose Grand Place mit seinen gotischen Zunfthäusern die Touristenmassen in einen anhaltenden Taumel der Verzückung. Seine Nebenstraßen kennen keine Nachtruhe. Musik, Internationalität und Heiterkeit sorgen für eine Ahnung von Sehnsucht, schon bevor man den Ort verlässt. Von dort geht es eine gute Viertelstunde bergauf zum Place du Grand Sablon. Auf diesem Weg erlebt man Brüssel als eine laute und bucklige Stadt mit schlechten Straßen und einer wertvollen Bausubstanz, die allerdings von allen Restauratoren beharrlich ignoriert zu werden scheint. Luxus und Lotterleben stehen sich in Belgiens Hauptstadt in einer sorglosen Unvollkommenheit gegenüber.

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