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Brüssel wird grün : Die Raffinesse von Edelstahl und Kakao

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Ist das noch Stadt oder schon Land? In der Brasserie de la Senne verschwimmen die Grenzen zwischen urbanem und bukolischem Leben. Bild: Brasserie de la Senne

Energetisch, nachhaltig, verschwendungsfrei: Brüssel ist auf dem besten Weg ins Grüne und in die Kreislaufwirtschaft.

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          In Grün will es sich kleiden: Das Atomium in Brüssel, Modell eines Eisenmoleküls in vielhundertmilliardenfacher Vergrößerung, stand 1958 bei der Weltausstellung in der belgischen Hauptstadt für den Optimismus und Fortschrittsglauben der Nachkriegszeit. Vierzig Jahre später war das futuristische Gestell mit den neun Aluminiumgloben schon wieder schrottreif, und auch der frohe Geist des Atomzeitalters hatte sich eingetrübt. In den Neunzigern erwog man, das Atomium – gegen den Willen der Brüsseler – abzureißen. Dann wurde es 2004 generalüberholt und ist nun anstatt von Asphalt von wilden Wiesen umlagert, auf denen im Herbst Cosmeen, Sonnenhut, Goldrute und Rudbeckien im wogenden Gras blühen. „La nature nous fait du bien /Natuur is goed voor ons“ steht auf dem Schild mit dem Pfauenauge, das die Gärtner an den Lattenzaun gesteckt haben.

          Choux de Bruxelles heißt auf Deutsch Rosenkohl, und wenn die Kugeln des Atomiums auch nicht in Kohlblätter gehüllt sind, sondern in Edelstahl glänzen, gibt sich Brüssel als eine europäische Hauptstadt auf dem Weg ins Grüne und in die Kreislaufwirtschaft zu erkennen. Da touristische Zusammenrottungen auch in Belgien nicht mehr erwünscht sind, konzen­triert man sich dort auf Projekte, die alle auf das Wort Nachhaltigkeit hören.

          Palastartiges Speicherhaus im herrlichsten Historismus

          Im leicht vernachlässigten Norden der Stadt, zwischen Eisenbahn und Kanal, wo zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts die Stränge von Transport und Handel einer Kolonialmacht zusammengelaufen waren, wächst auf dem Gelände von Tour & Taxis ein neues Viertel, in dem es beispielhaft energetisch rund gehen wird. Die Ruine des Entrepôt Royal, eines palastartigen Speicherhauses im herrlichsten Historismus, wurde bereits restauriert und 2005 eröffnet. Unter seinem Dach liegen Büros, Geschäfte und Bistros, im Keller auf tausend Quadratmeter die Pilzzucht der Firma Permafungi. Vor dem königlichen Depot sieht es noch eher nach Brache als nach urbanem Mittelpunkt aus.

          An der Südseite rundet sich das futuristische Gebäude der Brüsseler Umweltbehörde neben dem aktuell größten Passiv-Bürohaus, in dem die Regierung Flanderns sitzt. Die Hallen des alten Gare Maritime sollen einmal zum Spazieren einladen, die Glasdächer exotische Gärten schützen. Dort, wo früher die Bahntrasse verlief, entsteht ein neun Hektar großer Park, der das Viertel mit der Innenstadt verbinden wird. Eine passende Ökobrauerei, die Brasserie de la Senne, ist schon da und schenkt hopfiges Helles aus.

          Grün hat eine lange Tradition in Brüssel: die Königlichen Gewächshäuser von Laeken, erbaut im neunzehnten Jahrhundert.
          Grün hat eine lange Tradition in Brüssel: die Königlichen Gewächshäuser von Laeken, erbaut im neunzehnten Jahrhundert. : Bild: EPA

          Nun wird kein Mensch nach Brüssel reisen, weil eine Brauerei Hopfen und Malz nach Gebrauch an die Kühe verfüttert. Auch der Einkauf von Biokarotten, zertifizierter Schokolade und unverpackten Mandeln wäre kein ausreichendes Motiv, aber in der kulinarischen Summe ist ein Besuch durchaus zu empfehlen. Und auch wenn der Gast von vielen der geförderten Projekte – etwa der Wiederverwendung von eingesammeltem Kaffeesatz en gros für die Zucht von Austernpilzen oder der nachbarschaftlichen Kompostwirtschaft in öffentlichen Parks – nichts sieht oder riecht, so hört man doch gerne, dass in dieser Stadt so leicht nichts umkommt.

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