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Brüssel wird grün : Die Raffinesse von Edelstahl und Kakao

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Blaues Wunder in einer mörderischen Bauschuttgrube

Im Jahr 1937 überschrieb er seine Villa dem belgischen Staat mit der Vorgabe, dass darin ein Museum für zeitgenössisches Design einziehe. Aber Krieg und Nachkriegszeit, in der die deutsche Wehrmacht, die sowjetische Botschaft, später eine Radiostation und am Ende Räuber und Vandalen residierten, machten erst Louis Empains Pläne und dann sein Haus zunichte. Die Boghassian-Stiftung, die sich dem west-östlichen Kulturaustausch widmet, kaufte 2006 die schwer mitgenommene Immobilie, ließ die Marmorhalle, die Galerie, das Mosaik-Bade­zimmer, das riesige Oberlicht im Flachdach restaurieren und legte frisches Blattgold auf die Fensterlaibungen. So wurde nach vielen Jahren wieder sicht- und hörbar, was der Architekt Francis Metzger, der die Arbeiten leitete, „eine Melodie“ nannte, die „von den anspruchsvollen Räumen bis zu den Rundungen der schwarzen Eisengeländer und den Einlegearbeiten erklingt, mühelos und in einem Atemzug von Anfang bis Ende.“

Stadt der Blumen und der Visionen: Krokusblüte am Atomium, Brüssels Wahrzeichen.
Stadt der Blumen und der Visionen: Krokusblüte am Atomium, Brüssels Wahrzeichen. : Bild: AP

Auch der Pool, der fast den ganzen Garten einnimmt, erstand wieder als ein blaues Wunder aus einer Art mörderischer Bauschuttgrube. Profanes Schwimmen ist darin allerdings verboten, nur „cultural ­bathing“ gilt als angemessen, wie in Art-déco-Schrift in den Steinsockeln auf der Terrasse zu lesen ist. Was immer kulturelles Baden bedeutet, man wäre gern dabei. Die Glyzinie, die schon in den Dreißigerjahren die halbrunde Pergola um den Pool einrankte, hat wieder ausgeschlagen und ist dabei, das Spalier zu erwürgen. In Sachen Nachhaltigkeit braucht eine Glyzinienwurzel keine Anleitung.

Was uns zurück in die Stadt und zu milderen Formen ökologischen Wirkens führt. Nachhaltig, auch was die Konsequenzen für Feinschlecker betrifft, wirtschaften Mike und Becky, die eigentlich Julia Mikerova und Björn Becker heißen, in ihrer Schokoladenmanufaktur in der Avenue Brugmann. Es gibt den tröstlichen Stoff als Tafel mit Kakaoanteilen bis zu hundert Prozent und ein paar Stufen hinab im Souterrain als eine Trinkschokolade, die geeignet ist, die Übel dieser Welt kurzfristig vergessen zu lassen. Die großen belgischen Chocolatiers, sagt Björn Becker, ein stabiler Herr mit rotblondem Bart in blauer Handwerkerschürze, seien sämtlich alte weiße Männer, deren Schokoladen und Pralinen ihre Namen trügen. Er, deutscher Politologe, und seine Frau Julia, russische Balletttänzerin, seien jedoch Quereinsteiger, und das sollte sich auch im Firmennamen niederschlagen.

Zur weiteren Unterscheidung nennt er: Kontrolle des Weges „from bean to bar“, den die Kakaobohnen bis zur Schokoladentafel nehmen. Kakao, ein besonderes Stöffchen, das man „nicht vulgär zusammenmischen“ solle, entwickele, ähnlich wie Kaffee unterschiedliche Aromen auf unterschiedlichem Terroir. Deshalb beziehen Mike und Becky den Kakao nur von fünf ausgesuchten Plantagen von Peru bis Südindien. Durch Prozesse, die Zeit, Hingabe, Raffinesse und Rühren erfordern, gewinnen ihre Produkte Noten von Karamell, Zitrone und Blüten. Das persönliche Reinheitsgebot gebietet einen fairen Preis für die Kakaopflanzer und verbietet verabscheuungswürdige Ingredienzien wie Palmöl, Vanille und Soja-Lecithin. Fertig. Schreiten wir nun zur Schokoladenprobe oder, um es mit Björn Becker zu sagen: Wir stoßen mit ihm das Tor zum Universum des feinen Kakaos auf. Der Herbst kann kommen.

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