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Brüssel wird grün : Die Raffinesse von Edelstahl und Kakao

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Auf den Tisch kommt, was im Garten wächst

Etwa bei Humus & Hortense im Quartier Ixelles, früher ein Teesalon mit einem von gemalten Pfauenfedern umfächelten Jugendstilplafond, in dessen Himmelswölbung Putten augenscheinlich in Töpfen rühren und mit Torten werfen. Heute ist es ein Restaurant, das von der Wurzel- bis zur Blattspitze in „botanischer Gastronomie“ exzelliert. Der Michelin-Führer empfiehlt es mit einem grünen Stern. „Der Garten entscheidet, was wir kochen werden“, schreibt Küchenchef Nicolas Decloedt auf seiner Website. „Alle unsere Zutaten stammen aus Belgien. Wir wollen zeigen, dass es möglich ist, ein Geschäft nachhaltig und ohne naiven Idealismus zu betreiben.“

Das zehngängige vegetarische Degustations-Menü wechselt alle zwei Wochen und wird, da sich unter dem Puttenhimmel Kochkunst mit Ästhetik und Bewusstsein verbindet, von alkoholfreien „zero-waste-Cocktails“ begleitet, Essenzen, die von der Sommelière Caroline Baerten, einer ehemaligen Kunsthistorikerin, aus Kräutern und Blüten zusammengezaubert werden. Madame serviert sie persönlich und erwähnt Tomatenschalen, Basilikum, die gerösteten Grannen von Maiskolben, Ringelblumen, Duftnesseln und Geranien. Es versteht sich, dass auch der Gast das Konzept befolgt und jeden Tropfen und jeden Krümel seiner persönlichen Kreislaufwirtschaft zuführt.

Nach dem Essen ist ein Gang durch den Garten angezeigt. Grünanlagen sind Brüsseler Spitzen. Eine der wundervoll­sten sind die Königlichen Gewächshäuser im Stadtteil Laeken, ein kleines botanisches Versailles für Azaleen, Baumfarne, Pomeranzen und Kamelien. Die gusseisernen Säulen und Bögen, die den Jugendstil vorausnehmen, die gewaltigen Spinnennetze der Kuppeln von Orangerie, Wintergarten, Kongo-Gewächshaus und Palmen-Pavillon stellten im neunzehnten Jahrhundert die größte zusammenhängende Glaslandschaft für Zierpflanzen auf dem Kontinent dar.

Heute behausen sie sechzigtausend Pflanzen, die an drei Wochen im Frühling vom Pu­blikum bewundert werden dürfen. In den restlichen neunundvierzig, wenn exklusiv die königliche Familie hindurchspaziert, werden sie automatisch benetzt und nur von der Sonne durch die Scheiben geküsst, ein feudaler, geheimer Garten, der an sich selbst verschwendet ist. Vielleicht wäre es im Sinne der Kreislaufwirtschaft, wenn sich in den Königlichen Gewächshäusern die Verhältnisse etwas schneller drehten.

Ein unendlich reicher Philanthrop

Immer und für alle ist der Brüsseler Stadtwald, der Forêt des Soignes, im Südosten geöffnet, fünftausend Hektar Grün, berühmt für würdige Eichen, Jahrhunderte alte Buchen-Kathedralen und seit 2017 UNESCO-Welterbe. Am Stadtrand geht er in den Bois de la Cambre über und wandelt sich zum Park, komplett mit Karussell, Fitnessparcours und großem Ententeich, über den eine Elek­trofähre zur Insel mit dem Ausflugslokal Chalet Robinson gleitet. Der freundliche Mann, der sie per Knopfdruck bedient, trägt eine betresste Kapitänsmütze.

Ökologisches Vorzeigeprojekt: Brüssels größte Solaranlage im Gare Maritime.
Ökologisches Vorzeigeprojekt: Brüssels größte Solaranlage im Gare Maritime. : Bild: Action Press

Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts, als die heutige Avenue Franklin Roosevelt am Rand des Bois de la Cambre erschlossen wurde, blieben Lücken zwischen den schmalen Grundstücken, damit die Baumwipfel im Hintergrund weiter zur Geltung kamen. Auch die Villa Empain, 1930 im Art-déco-Stil aus poliertem grauen Granit erbaut, musste sich dünn machen und füllt doch den Raum mit großer, eleganter Geste. Vom Hausherrn, Baron Louis Empain, dessen Vater die Pariser Métro konstruiert hatte, liest man, dass er unendlich reich, ein Philanthrop, aber wohl auch ein bisschen einsam gewesen sei. Wie er wohl so allein in diesem kühlen marmornen Ambiente lebte? Ein Mann von Anfang zwanzig mit Schnurrbart, runder Brille und Geheimratsecken, der sich im Parterre einen Rauchsalon mit Bar, im ersten Stock eine Fechtgalerie und zur Gartenseite hin einen Swimmingpool olympischen Ausmaßes anlegen ließ?

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