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Brünn : Die Verführungen einer Namenlosen

  • -Aktualisiert am

Todeslust und Gaumenfreuden: In der mährischen Hauptstadt fühlt man sich Wien näher als Prag. Bild: action press

Vom Beinhaus zum Bauhaus ist der Weg nicht weit. Und er führt mitten hinein in die Geschichte der Moderne: Auf der Suche nach dem wahren Brünn.

          7 Min.

          Robert Musil bezeichnete in seinem unvollendeten Großroman „Der Mann ohne Eigenschaften“ die mährische Hauptstadt Brünn, in der er seine Jugend verlebte, nur mit einem „B“: „Das wahre B. ist natürlich der Ring der Fabrikviertel, die Tuch- und Garnstadt“, schrieb er. Das klingt nicht gerade aufregend. Aber ist es nicht reizvoller, einmal eine Stadt ohne Namen zu erkunden als immer wieder die längst zu Abziehbildern gewordenen Tourismusmetropolen? Und einen Vorteil hat die Abkürzung ja auf jeden Fall: Man muss sich nicht entscheiden, ob man die Stadt mit ihrem deutschen oder tschechischen Namen anreden soll: Brünn oder Brno. Man könnte der Einfachheit halber bei „B“ bleiben. Doch schon nach wenigen Stunden ist man geneigt, diese erstaunliche Stadt mit ihrem richtigen Namen nennen zu wollen. Aber welchem?

          Einen besuchsträchtigen Superstar allerdings hat „B“, sogar einen mit Unesco-Prädikat. Es ist die berühmte Villa Tugendhat von Ludwig Mies van der Rohe. Wie ein falsch adressiertes Paket vom Planeten Bauhaus liegt die langgestreckte, weiße Kiste an einem Abhang, in einer Reihe von historistischen Villen. Vor einem Jahr wurde sie, gründlich restauriert, wieder für das Publikum geöffnet und ist seither ein Magnet für Architekturfreunde aus aller Welt. Widerborstig wendet sie der Straße ihre spröde Seite zu. Nicht die kleinste Geste der Verbindlichkeit gönnt dieser einstöckige, weiße Riegel den Vorbeigehenden. Welch eine Provokation muss dieses Haus im Jahr 1930 gewesen sein! Die „wahre Villa T.“ ist aber natürlich das großartige Innenraumkonzept, das Mies van der Rohe für das jüdische Unternehmerpaar Fritz und Grete Tugendhat entwarf. Großzügig überließ er dem Raum und dem Licht die Hauptrolle. Und dem Blick aus den riesigen, versenkbaren Glaswänden. Dekorativ und verspielt wirken nur die Oberflächen der edlen Naturmaterialien: Palisander, Ebenholz und Onyx. Damit folgte Mies dem Diktum eines anderen berühmten Architekten, des geborenen Brünners Adolf Loos: „Ornament ist Verbrechen“.

          Gläsern-weiße Kisten von hoher Qualität

          Im eleganten Reduktionismus der Villa Tugendhat spiegelt sich treffend das Wesen der Stadt „B“ wider. Unprätentiös nach außen, wird sie eigenwillig und aufregend, wenn man sie näher kennt. Zwei Straßen weiter zum Beispiel, wieder hinter einer nüchternen Putzfassade, versteckt sich ein zum Café mutiertes Mondrian-Gemälde: das „Cafe Era“ von Josef Kranz aus dem Jahr 1928. Klare Linien, reine Farben: Blau – Weiß –Rot. Das war nicht nur ein ästhetisches, sondern auch ein politisches Bekenntnis. Denn es sind die tschechischen Nationalfarben. 1918 war Brünn plötzlich keine österreichische Provinzstadt mehr, sondern Brno, die zweitgrößte Stadt des neuen Staates Tschechoslowakei, ein prosperierendes Gebilde voll Lust auf Neues. Und so ist von Brno meist dann die Rede, wenn es um funktionalistische Architektur geht. Darin lief die mährische Metropole ihrer böhmischen Schwester Prag glatt den Rang ab. Während die Prager sich als nationale Hauptstadt ums historische Erbe sorgen mussten, rissen die Brünner fröhlich ab, was der Entwicklung im Weg war: Renaissance, Barock und Klassizismus. Und bauten zwischen 1918 und 1938 gläsern-weiße Kisten von hoher Qualität, Familienhäuser, Schulen, Banken, Fabriken, Behörden, ein ganzes Messegelände. Das ist der Vorteil der Namenlosen: Sie müssen keine Rücksicht auf die Ahnen nehmen. Und so machte sich „B“ dann doch einen Namen, nämlich als „Stadt der weißen Moderne“.

          Uneitel von außen, aufregend im Innern: Die Villa Tugendhat verkörpert das Wesen Brünns.

          Allerdings scheint die hiesige Lässigkeit gegenüber dem architektonischen Erbe auch die großen Zeugnisse der klassischen Moderne zu betreffen. Am schlimmsten steht es um das berühmte Hotel Avion von Bohuslav Fuchs aus dem Jahr 1927. Gleichgültig geht man an dem heruntergekommenen Gebäude aus Glas und weißer Putzfassade vorbei, wie an einem alt gewordenen Filmstar, den keiner mehr erkennt. Aber auch viele andere Gebäude dieser großen Epoche sind in einem erbärmlichen Zustand. Dabei repräsentieren gerade sie den einstigen Innovationswillen und Reichtum dieser Stadt.

          Erarbeitet wurde dieser Wohlstand im „wahren B“, dem Ring der Fabrikviertel. Er hat sich tatsächlich eng um den historischen Stadtkern gelegt. Schornsteine drängen sich selbstbewusst neben Kirchtürme. Textilproduktion und Maschinenbau bildeten seit dem neunzehnten Jahrhundert das Rückgrat der erfolgreichen Brünner Industrie. Geniale Konstrukteure und Erfinder waren ihr Gehirn. Kurt Gödel, der legendäre Logiker, ist ebenso in Brünn geboren wie Ernst Mach, dem die Schallgeschwindigkeit ihren Namen verdankt. Victor Kaplan revolutionierte hier den Turbinenbau, und auch Robert Musils Vater, Professor an der Technischen Universität, war Inhaber zahlreicher Patente. Die notwendige Muskulatur dieses Industriekörpers lieferten wiederum die umliegenden tschechischen Dörfer.

          Brünns schwarz-romantische Seite

          Will man sich vom „wahren B“ ein Bild machen, fährt man am besten mit der Tram durch die Cejl, die Zeile, wie dieser lange Häuserwurm schon zu Österreichs Zeiten hieß, die sich immer noch „breit, ausgefahren und trostlos krümmt“, wie Musil schreibt. Die Cejl führt zu einem dieser großen innerstädtischen Industriegelände, der Zbrojovka, der ehemaligen Brünner Waffenfabrik. Hier hat man schon zu Österreichs Zeiten Mauser-Gewehre produziert. Aber auch die Zetor-Traktoren für die gesamte sozialistische Welt liefen hier vom Band.

          Nach dem Einmarsch in Tschechoslowakei 1939 nutzte die NS-Rüstungsindustrie dieses immense menschliche und technische Potential und zwang die tschechischen Arbeiter zur Kollaboration. Wer nicht parierte, lernte die Kounická kennen, das ehemalige Studentenwohnheim, das die Gestapo in ein Folterzentrum verwandelte. Die Galgen wurden so hoch gestellt, dass man die Gehängten von der Straße aus sehen konnte. Die Rache blieb nicht aus: Die tschechischen Arbeiter der Zbrojovka waren führend am sogenannten Brünner Todesmarsch beteiligt. Am 31. Mai 1945 trieben sie ihre deutschen Mitbewohner, etwa 30.000 Menschen, zur sechzig Kilometer entfernten österreichischen Grenze. Die Zahl der Todesopfer schwankt, je nach den Nationalfarben der Schätzer, zwischen 2500 und 5000. Ausgangspunkt für diesen Marsch war das alte Augustinerkloster. Dort hatte achtzig Jahre vorher, in einer beschaulicheren Zeit, der Abt Gregor Mendel mit seiner „Erbsenzählerei“ die Grundlagen der Gen-Technologie geschaffen. Die Fundamente des einstigen Gewächshauses sind noch gut zu erkennen. Und auch der Seiteneingang, der vom Klostergarten in die Brauerei führte.

          Mit der Vertreibung war 1946 das zu Ende, was man als das „deutsche Brünn“ bezeichnete: eine Erfolgsgeschichte, die bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreichte, als die Přemysliden-Fürsten ein umfangreiches Kolonisierungsprojekt für ihr Land begannen. Immer noch finden sich im tschechischen Brno genug Spuren davon, nicht nur in Straßenbezeichnungen und auf Friedhöfen, sondern auch im alltäglichen Leben. So heißt ein „Strumpf- und Handschuhgeschäft „Český fusekle“. Auch in der Brünner Umgangssprache, dem Hantec, hat sich das Deutsche eingenistet – und wird bald aussterben, weil nur noch wenige Alte diesen gemütlichen Mischmasch sprechen.

          Ergreifend und makaber zugleich

          Vieles gemahnt in Brno an Wien, dem man über Jahrhunderte eng verbunden war, enger als dem tschechischen Prag: das von Helmer und Fellner erbaute Theater, der k.u.k. Bahnhof, die Ringstraßenbebauung, der „taflšpic“, der „štrudl“. Und vielleicht auch die innige Beziehung, die man hier zum Tod pflegt. Denn Brünn hat eine schwarz-romantische Seite, die man von dieser Stadt so nicht erwartet. Seit Jahrzehnten bilden die Mumien der Kapuzinergruft den makabren Kontrapunkt zur pragmatischen Geschäftigkeit der Messestadt. Ihr Star ist der Pandurenoberst Friedrich von der Trenck, der wildeste Reiterführer Kaiserin Maria Theresias. Aber auch ein großer Architekt liegt da: der Barockbaumeister Moritz Grimm, dem sie hier die halbe Stadt abgerissen haben. So kann er nur noch verächtlich grinsen über die Vergänglichkeit allen menschlichen Tuns.

          Ganz neu ist dagegen das Beinhaus unter der Jakobskirche, der ältesten und bedeutendsten Kirche Brünns. 50000 Skelette hat man bei Restaurierungsarbeiten gefunden und nach jahrelangen Debatten in einer pietätvoll-attraktiven Form zur Besichtigung freigegeben – zu Säulen, Pyramiden und Wänden geordnet, dezent beleuchtet und mit passender Hintergrundmusik. Das ist ergreifend und makaber zugleich. Immer schon gab es das gruselige Bedürfnis, die Bedrohlichkeit des Todes in eine formale Ordnung zu zwingen.

          Glücklicherweise zeigt sich das österreichische Element Brünns nicht nur in der Lust am Tod, sondern auch in der Freude am Essen und Trinken. Es ist eine Brünner Tugend, von der schon Friedrich Torberg in seiner bezaubernden Hommage aufs alte Mitteleuropa schwärmte, in der „Tante Jolesch“. Und Leo Slezak, der ebenso berühmte wie beleibte Brünner Heldentenor, lebte diese Fresslust exemplarisch vor. Dank des geringen Tourismusaufkommens ist die Brünner Gastronomie noch nicht von des vegetarischen Gedankens Blässe angekränkelt, und Fett wird hier nicht als Lebensgift, sondern als notwendige Basis für gutes Essen betrachtet.

          Da zieht einem die Poesie die Füße weg

          Von ihrer moderaten Geschäftigkeit pflegen sich die Brünner intensiv in ihren zahllosen Weinschenken und Bierstuben zu erholen. Dabei ist auch hier eine angenehme Einfachheit vorherrschend; es gibt kaum folklorekitschige Lokale, abgesehen von einigen Groß-Weinkellern für Busreisen. Im Lokal „Čap“, dem Storch, in dem sich Philosophen und Hebammen treffen, im dunkelgeräucherten „Spaliček“ am Krautmarkt, ja selbst im „Pegaz“, dem Brünner Hofbräuhaus, bleibt man beim Wesentlichen: gutem, deftigem Essen und hervorragendem Bier. Einfachheit ist auch Trumpf in den kleinen Weinstuben, die man erst einmal finden muss in den Hinterhöfen und Kellern von Brno-Starý. Dort steht dann meist das abgeschabte Mobiliar der Vorgeneration herum, in dem es sich gemütlich sitzen lässt bei Wein, Käse und Schmalzbroten, etwa im reizenden „Vinarium“. Da entsteht Poesie ohne künstliche Hilfe, einfach aus sich selbst heraus.

          Poesie und Literatur sind ebenfalls ein wichtiges Lebenselixier dieser erstaunlichen Stadt. Einige der bedeutendsten Dichter des slawischen Sprachraums lebten und schrieben hier, Oldřich Mikulášek, František Halas, Ludvík Kundera und vielleicht der Größte von allen: Jan Skácel. Seine Verse gehören zum unvergänglichen Erbe der europäische Poesie. Einige davon hat man deshalb auf einen runden Metallrost um einen Brunnen auf dem Svoboda-Platz geschrieben, so dass man nun lesend um den Brunnen gehen kann. Leider hat man in der Begeisterung vergessen, dass darüber ein hauchdünner Wasserfilm fließt, auf dem es sich nun gut ausrutschen lässt. So kann einem in Brünn die Poesie die Füße wegziehen.

          Zu Skácels Bewunderern gehört auch der Ex-Brünner Milan Kundera. Als Sohn des Klavierprofessors Ludvík Kundera bildet er ein wichtiges Bindeglied zu dem Komponisten Leoš Janáček, der all seine Opern in Brünn schuf und aufführte. Pardon, jetzt muss man wohl Brno sagen. Denn der Nationalist Janáček mochte das deutsche Brünn überhaupt nicht, obwohl es alle seine tschechischen Opern aufführte. Und zwar lange vor Prag, wo man immer noch sklavisch an Dvořák und Smetana hing. Wieder mal hatte die Namenlose die Nase vorn vor dem konservativen Prag. So erzählt es jedenfalls die reizend betuliche Kustodin des kleinen Janáček-Hauses. Und fügt stolz hinzu: „Wissen Sie, dass unser Theater das erste auf dem Kontinent mit elektrischer Beleuchtung war? Ein eigenes Kraftwerk hat man dafür gebaut. Da hatten sie in Prag noch Kerzenlicht.“

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