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Brünn : Die Verführungen einer Namenlosen

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Ganz neu ist dagegen das Beinhaus unter der Jakobskirche, der ältesten und bedeutendsten Kirche Brünns. 50000 Skelette hat man bei Restaurierungsarbeiten gefunden und nach jahrelangen Debatten in einer pietätvoll-attraktiven Form zur Besichtigung freigegeben – zu Säulen, Pyramiden und Wänden geordnet, dezent beleuchtet und mit passender Hintergrundmusik. Das ist ergreifend und makaber zugleich. Immer schon gab es das gruselige Bedürfnis, die Bedrohlichkeit des Todes in eine formale Ordnung zu zwingen.

Glücklicherweise zeigt sich das österreichische Element Brünns nicht nur in der Lust am Tod, sondern auch in der Freude am Essen und Trinken. Es ist eine Brünner Tugend, von der schon Friedrich Torberg in seiner bezaubernden Hommage aufs alte Mitteleuropa schwärmte, in der „Tante Jolesch“. Und Leo Slezak, der ebenso berühmte wie beleibte Brünner Heldentenor, lebte diese Fresslust exemplarisch vor. Dank des geringen Tourismusaufkommens ist die Brünner Gastronomie noch nicht von des vegetarischen Gedankens Blässe angekränkelt, und Fett wird hier nicht als Lebensgift, sondern als notwendige Basis für gutes Essen betrachtet.

Da zieht einem die Poesie die Füße weg

Von ihrer moderaten Geschäftigkeit pflegen sich die Brünner intensiv in ihren zahllosen Weinschenken und Bierstuben zu erholen. Dabei ist auch hier eine angenehme Einfachheit vorherrschend; es gibt kaum folklorekitschige Lokale, abgesehen von einigen Groß-Weinkellern für Busreisen. Im Lokal „Čap“, dem Storch, in dem sich Philosophen und Hebammen treffen, im dunkelgeräucherten „Spaliček“ am Krautmarkt, ja selbst im „Pegaz“, dem Brünner Hofbräuhaus, bleibt man beim Wesentlichen: gutem, deftigem Essen und hervorragendem Bier. Einfachheit ist auch Trumpf in den kleinen Weinstuben, die man erst einmal finden muss in den Hinterhöfen und Kellern von Brno-Starý. Dort steht dann meist das abgeschabte Mobiliar der Vorgeneration herum, in dem es sich gemütlich sitzen lässt bei Wein, Käse und Schmalzbroten, etwa im reizenden „Vinarium“. Da entsteht Poesie ohne künstliche Hilfe, einfach aus sich selbst heraus.

Poesie und Literatur sind ebenfalls ein wichtiges Lebenselixier dieser erstaunlichen Stadt. Einige der bedeutendsten Dichter des slawischen Sprachraums lebten und schrieben hier, Oldřich Mikulášek, František Halas, Ludvík Kundera und vielleicht der Größte von allen: Jan Skácel. Seine Verse gehören zum unvergänglichen Erbe der europäische Poesie. Einige davon hat man deshalb auf einen runden Metallrost um einen Brunnen auf dem Svoboda-Platz geschrieben, so dass man nun lesend um den Brunnen gehen kann. Leider hat man in der Begeisterung vergessen, dass darüber ein hauchdünner Wasserfilm fließt, auf dem es sich nun gut ausrutschen lässt. So kann einem in Brünn die Poesie die Füße wegziehen.

Zu Skácels Bewunderern gehört auch der Ex-Brünner Milan Kundera. Als Sohn des Klavierprofessors Ludvík Kundera bildet er ein wichtiges Bindeglied zu dem Komponisten Leoš Janáček, der all seine Opern in Brünn schuf und aufführte. Pardon, jetzt muss man wohl Brno sagen. Denn der Nationalist Janáček mochte das deutsche Brünn überhaupt nicht, obwohl es alle seine tschechischen Opern aufführte. Und zwar lange vor Prag, wo man immer noch sklavisch an Dvořák und Smetana hing. Wieder mal hatte die Namenlose die Nase vorn vor dem konservativen Prag. So erzählt es jedenfalls die reizend betuliche Kustodin des kleinen Janáček-Hauses. Und fügt stolz hinzu: „Wissen Sie, dass unser Theater das erste auf dem Kontinent mit elektrischer Beleuchtung war? Ein eigenes Kraftwerk hat man dafür gebaut. Da hatten sie in Prag noch Kerzenlicht.“

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