https://www.faz.net/-gxh-7lk1d

Brünn : Die Verführungen einer Namenlosen

  • -Aktualisiert am

Erarbeitet wurde dieser Wohlstand im „wahren B“, dem Ring der Fabrikviertel. Er hat sich tatsächlich eng um den historischen Stadtkern gelegt. Schornsteine drängen sich selbstbewusst neben Kirchtürme. Textilproduktion und Maschinenbau bildeten seit dem neunzehnten Jahrhundert das Rückgrat der erfolgreichen Brünner Industrie. Geniale Konstrukteure und Erfinder waren ihr Gehirn. Kurt Gödel, der legendäre Logiker, ist ebenso in Brünn geboren wie Ernst Mach, dem die Schallgeschwindigkeit ihren Namen verdankt. Victor Kaplan revolutionierte hier den Turbinenbau, und auch Robert Musils Vater, Professor an der Technischen Universität, war Inhaber zahlreicher Patente. Die notwendige Muskulatur dieses Industriekörpers lieferten wiederum die umliegenden tschechischen Dörfer.

Brünns schwarz-romantische Seite

Will man sich vom „wahren B“ ein Bild machen, fährt man am besten mit der Tram durch die Cejl, die Zeile, wie dieser lange Häuserwurm schon zu Österreichs Zeiten hieß, die sich immer noch „breit, ausgefahren und trostlos krümmt“, wie Musil schreibt. Die Cejl führt zu einem dieser großen innerstädtischen Industriegelände, der Zbrojovka, der ehemaligen Brünner Waffenfabrik. Hier hat man schon zu Österreichs Zeiten Mauser-Gewehre produziert. Aber auch die Zetor-Traktoren für die gesamte sozialistische Welt liefen hier vom Band.

Nach dem Einmarsch in Tschechoslowakei 1939 nutzte die NS-Rüstungsindustrie dieses immense menschliche und technische Potential und zwang die tschechischen Arbeiter zur Kollaboration. Wer nicht parierte, lernte die Kounická kennen, das ehemalige Studentenwohnheim, das die Gestapo in ein Folterzentrum verwandelte. Die Galgen wurden so hoch gestellt, dass man die Gehängten von der Straße aus sehen konnte. Die Rache blieb nicht aus: Die tschechischen Arbeiter der Zbrojovka waren führend am sogenannten Brünner Todesmarsch beteiligt. Am 31. Mai 1945 trieben sie ihre deutschen Mitbewohner, etwa 30.000 Menschen, zur sechzig Kilometer entfernten österreichischen Grenze. Die Zahl der Todesopfer schwankt, je nach den Nationalfarben der Schätzer, zwischen 2500 und 5000. Ausgangspunkt für diesen Marsch war das alte Augustinerkloster. Dort hatte achtzig Jahre vorher, in einer beschaulicheren Zeit, der Abt Gregor Mendel mit seiner „Erbsenzählerei“ die Grundlagen der Gen-Technologie geschaffen. Die Fundamente des einstigen Gewächshauses sind noch gut zu erkennen. Und auch der Seiteneingang, der vom Klostergarten in die Brauerei führte.

Mit der Vertreibung war 1946 das zu Ende, was man als das „deutsche Brünn“ bezeichnete: eine Erfolgsgeschichte, die bis ins dreizehnte Jahrhundert zurückreichte, als die Přemysliden-Fürsten ein umfangreiches Kolonisierungsprojekt für ihr Land begannen. Immer noch finden sich im tschechischen Brno genug Spuren davon, nicht nur in Straßenbezeichnungen und auf Friedhöfen, sondern auch im alltäglichen Leben. So heißt ein „Strumpf- und Handschuhgeschäft „Český fusekle“. Auch in der Brünner Umgangssprache, dem Hantec, hat sich das Deutsche eingenistet – und wird bald aussterben, weil nur noch wenige Alte diesen gemütlichen Mischmasch sprechen.

Ergreifend und makaber zugleich

Vieles gemahnt in Brno an Wien, dem man über Jahrhunderte eng verbunden war, enger als dem tschechischen Prag: das von Helmer und Fellner erbaute Theater, der k.u.k. Bahnhof, die Ringstraßenbebauung, der „taflšpic“, der „štrudl“. Und vielleicht auch die innige Beziehung, die man hier zum Tod pflegt. Denn Brünn hat eine schwarz-romantische Seite, die man von dieser Stadt so nicht erwartet. Seit Jahrzehnten bilden die Mumien der Kapuzinergruft den makabren Kontrapunkt zur pragmatischen Geschäftigkeit der Messestadt. Ihr Star ist der Pandurenoberst Friedrich von der Trenck, der wildeste Reiterführer Kaiserin Maria Theresias. Aber auch ein großer Architekt liegt da: der Barockbaumeister Moritz Grimm, dem sie hier die halbe Stadt abgerissen haben. So kann er nur noch verächtlich grinsen über die Vergänglichkeit allen menschlichen Tuns.

Weitere Themen

Der grandioseste Fluglärm des Planeten Video-Seite öffnen

Karibikinsel Sint Maarten : Der grandioseste Fluglärm des Planeten

Auf der ganzen Welt protestieren Menschen gegen Fluglärm. Auf der ganzen Welt? Nein! An einem kleinen Strand auf der Antilleninsel Sint Maarten ist das ganz anders. Dort liegt die Start- und Landebahn des Princess-Juliana-Flughafens direkt hinter dem Maho Beach: ein Treffpunkt von Fluglärmenthusiasten aller Länder.

Topmeldungen

Baden-Württemberg, Stuttgart: Ein Mercedes-Stern dreht sich auf dem Daimler-Werk in Untertürkheim. Die weltweiten Rückrufe und Verfahren im Zusammenhang mit dem Dieselskandal kosten den Autobauer Daimler für 2019 nochmals bis zu 1,5 Milliarden Euro zusätzlich.

Folgen des Diesel-Skandals : Nächster Tiefschlag für Daimler

Analysten und Anleger sind nervös: Der Autokonzern muss einen weiteren Milliardenbetrag für Diesel-Altlasten zurückstellen. Und auch die Van-Sparte leidet unter einer ganzen Reihe hausgemachter Schwierigkeiten. Ein Beobachter spricht von „einem traurigen Tag für alle Beteiligten“.

F.A.Z. Podcast für Deutschland : 100 Milliarden Euro für die Freundschaft

Heute jährt sich der Aachener Vertrag zwischen Deutschland und Frankreich. Wie steht es um die deutsch-französische Freundschaft? Und was hat es mit dem militärischen 100-Milliarden-Euro-Projekt auf sich? Außerdem: Was wir aus Jeff Bezos Handyhack lernen können und warum die Dinosaurier wirklich ausstarben.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.