https://www.faz.net/-gxh-7l3gh

Bretagne : Wir essen das Meer

  • -Aktualisiert am

Sturm und Gischt sind nur das eine Gesicht der bretonischen Küste. Wenn sich das Wetter ausgetobt hat, wird sie zur Selbstbedienungstheke für Meerestiere. Bild: © Jean Guichard/CORBIS

In der Bretagne hat jeder Mensch das Recht, sich aus dem Ozean nach freiem Belieben zu bedienen. „Manger la mer“ heißt das, und es ist die schönste Art, an der wilden Küste satt zu werden.

          Das Meer bei Rosnoën liegt ruhig in der weit ins Land gekerbten Bucht. Müde lagern die Boote auf der Seite. Der flache Wasserrand scheint endlos breit. Wir stolpern über Steine bis zum Spülsaum der letzten verstrichenen Springtide, der „laisse de mer“. Dahinter, auf dem steinigen Schlick vor dem Wasserrand, nichts als grauer Sand und Algen, schwarz und grün, dazwischen das Funkeln der Sonne. Entlang der Strömungsrippel treibt das letzte Wasser dieser Tide millimeterbreit mit fein gelöstem Sand der See entgegen. Wir sehen Menschen in der Bucht, fern am Saum des Wassers, einzeln, tief versunken in ihr Tagewerk am Boden: „pêcheurs à pied“, Strandfischer, Menschen, die ihr angestammtes Recht, am Strand zu fischen wie im Wasser auch, in Mahlzeiten verwandeln.

          Uns hilft Joël le Guirrec dabei, für diesen Morgen unser Führer. Mit seiner Frau Martine hat er die meiste Zeit des Lebens auf einem Bauernhof verbracht. Jetzt haben sie das Vieh verkauft, vermieten die Häuser und üben mit den Gästen das Leben auf dem Land in der Bretagne. Sie stellen Cidre her, bieten Wanderungen an und weisen in die alte Kunst der Strandfischer ein, „das Meer zu essen“: „Manger la Mer“ – so heißt das nach einem Buch des Dichters Henri Deluy. Von der Crevette über Hummer und Languste, von großen Fischen bis zu kleinen Bigorneaux: Was das Meer den Menschen bietet, steht ihnen frei für den Verzehr. Martine und ihrem Mann sieht man die eiweißreiche, kalorienarme Kost mit bloßen Augen an. Ja, sagt Joël, Austern kommen regelmäßig auf den Tisch. Gekauft indes hat er bisher nicht eine.

          Getäuschte Muscheln

          „Manger la mer“: so heißt auch die Website mit allen Informationen rund um das Meer, von den Spezies über Beschränkungen bis hin zu Kochrezepten. Von den Ormeaux zum Beispiel, den köstlichen Seeohren, darf man am Tag nur zwanzig Stück erbeuten – und nur, wenn sie mindestens neun Zentimeter groß sind. Ormeaux aber und delikate Entenmuscheln werden wir hier sowieso nicht finden, sagt Joël. Sie leben an den steilen Klippen in der Brandung. Was wir am flachen Strand an Beute suchen, verrät sich allenfalls an minimalen Spuren, die sich zwischen den Abdrücken unserer Stiefel verlieren. Wir sollen hier im Sand auf kleine Löcher achten und finden kleine Löcher, wenn zunächst auch nur die falschen. Nicht nur Muscheln ziehen sich ins feuchte Souterrain zurück. Mit einem krummen Löffel gräbt Joël eine Venusmuschel aus. Voilà! Die Jagd beginnt! Und, bitte sehr, auf Zehenspitzen gehen. Muscheln sind empfindlich bei Erschütterung.

          Meeresküche für Fortgeschrittene: Bretonische Austern gelten unter Feinschmeckern als das Nonplusultra

          Ein wenig seitab, hart am Saum des Wassers, sucht eine Dame ganz allein nach Löchern. Ihr Korb ist schon beneidenswert gefüllt. Ihr „Sesam, öffne dich!“ sind keine Schlüssellöcher im sanduhrfeinen Untergrund. Sie streut ein wenig Salz aufs Loch, schon stößt ein Rüssel heraus, in einem zweiten Ruck ein Stück der Schale. Nun ein beherzter Griff mit spitzen Fingern und ein fester Zug: So erntet man Pieds de Couteaux, Schwertmuscheln, die tatsächlich glänzen wie der Horngriff eines langen Taschenmessers. Gestern, sagt die Dame, hatte sie im Korb drei Kilogramm davon. Doch wozu das Salz? Es gibt eine Erklärung, die man schnell zu hören bekommt: Die Muscheln glauben, dass die Flut kommt, wenn es salzig wird, und kommen ihr entgegen. Nur: Warum streben sie dann nicht nach oben, wenn die Flut tatsächlich kommt? Man brauchte nur am Wasserrand auf sie zu warten und zöge sie wie Möhren aus dem Boden. Sie kommen aber nicht von selbst, so wenig wie die gebratenen Krammetsvögel im Schlaraffenland. Es braucht schon eine Prise Salz.

          Weitere Themen

          Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Nordportugal : Keine Angst vor Höllental und Todesfluss

          Die älteste Stadt des Landes, das schönste Weinbaugebiet der Welt, der berühmteste Heiratsvermittler des Mittelalters: Hoch im Norden zwischen Douro und Minho übertrifft sich Portugal selbst – und bleibt doch ganz bei sich.

          Topmeldungen

          „Verschrotter“ gegen „Planierraupe“: Renzi am Dienstag im italienischen Senat

          Regierungskrise in Italien : Im Land der wilden Matteos

          Italiens früherer Ministerpräsident Renzi wittert in der Regierungskrise die Gelegenheit für ein Comeback – und versucht nun, die Neuwahlpläne seines Erzfeindes Salvini zu durchkreuzen. Der Publizist Massimiliano Lenzi prophezeit einen „langen Krieg der Matteos“.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.